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Go hard or stay home (?)

Wenn der Unicampus zum Festivalgelände wird.

 

März 2020: In den Nachrichten wird zusammenfassend für die breite Bevölkerung wiederholt, was Viren sind und wie sie eigentlich funktionieren. Im Mai 2021 hat sich das Fachsimpeln über Inzidenzzahlen und die Präzision der öffentlichen Fallstatistiken bereits im Smalltalk etabliert, anhand der angesammelten medizinischen Expertise und Terminologie. In der Tat, über ein Jahr der Pandemie hat die Gesellschaft geprägt und ist auch an den „jungen Leuten“ nicht spurlos vorbeigegangen.

 

200 Menschen auf dem Uniareal der Wirtschaftsfakultät, salopp Sowi-Wiese, sind keine Seltenheit, auch an der Innpromenade wird literweise Alkohol ausgeschenkt und die Medien berichten über Schauergeschichten und Abstürze in der Sillschlucht. Bei den Treffen lässt sich feststellen, dass mit zunehmenden lockdowns auch kaum mehr auf großen physischen oder zeitlichen Abstand der Treffen geachtet wird, und dies ist fast jeden Abend der Fall. Dabei wird sukzessive über die Stränge geschlagen, am nächsten Tag müssen die Spuren des Vorabends erst einmal wieder beseitigt und der Rasensprenger angeschaltet werden, damit die Wiese auch für die Tagesbesucher*innen wieder nutzbar wird, so Tobias Mulser vom 6020. Die Umsätze seien hoch, dennoch seien sie von den Geschehnissen auch nicht vorbehaltlos begeistert, wenn die Feierlaune überhandnimmt. Dass die Polizei regelmäßig kommt, daran hat man sich längst gewöhnt. Romed Giner, Oberst in Innsbruck, erklärt, dass die Kontrolle auch aufgrund der Besitzverhältnisse erschwert sei und laut Mulser bestehe nur etwa ein Drittel der Wiesebesucher*innen aus Kundschaft der Bar, während der Rest sich praktisch selbst versorgt, den Müll jedoch liegenlässt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob hier Semesterende und die „Euphorie wegen der Lockerungen“, so Oberst Giner als ausschlaggebende Triebfeder auch den Frust über die vorherigen Beschränkungen als Sprungbrett für das intensive Ausmaß des Feierns in sich trägt. Oder sind wir als Gesellschaft das Nachtleben einfach nicht mehr gewöhnt? Giner bezweifelt dies, sondern berichtet von einem Anstieg der Einsätze, aufgrund von Lärm oder Ruhestörungen im Vergleich zur Zeit vor Corona.

 

Nicht nur die Studierenden, aber insbesondere – das hört man bei fast allen Interviewten heraus, die zu diesem Thema befragt wurden. Die ÖH-Vorsitzenden Johann Katzlinger und Lukas Schobesberger befinden in ihrem Statement, der Politik fehle das Verständnis, dass „junge Menschen feiern wollen“. Sie sehen die Studierenden als Sündenböcke dargestellt, geben aber ein gewisses Grenzüberschreiten zu. Diese Thematik brachte mich in das Büro des Bürgermeisters Georg Willi. Hier spricht man von geplanten Maßnahmen, um ein geregeltes Feiern zu ermöglichen, wie es auch seitens der ÖH gefordert wird. Die Studierendenvertretung schlug vor, das Hofgartengelände als Feierareal auf Kosten der Burghauptmannschaft – Bürgermeister Georg Willi erzählt vom geplanten Vorhaben, einige „robuste“ Plätze in Innsbruck praktisch als Feierzonen nutzbar machen zu wollen, darunter auch den Hofgarten, der sei jedoch als solcher denkmalgeschützt, daher stehe man noch in Verhandlungen. Man wolle jedoch in jedem Fall mit der Jugend gemeinsam, nicht über sie hinweg, entscheiden. Dennoch hatte bisher dieser Dialog etwas auf sich warten lassen, was die bisherigen unkontrollierbaren Menschenmengen und auch Müllansammlungen bedeutete. Die Studierenden seien zwar im Alltag umweltbewusst und nachhaltig, wenn es um Haushalt und Bioprodukte ginge, er sei jedoch folglich enttäuscht von den Scherbenhäufen und chaotischen Zuständen, von denen auch das 6020 berichtet. Die Sowi-Wiese gleicht in der Nacht einer Partymeile, doch genauso wartet auch ein böses Erwachen am nächsten Morgen. Laut Mulser hätte es trotz sukzessiver Öffnungsschritte zum Feiern nicht ausreichend Alternativen gegeben, daher wurde die Party eben ins Freie verlegt. Auch in den kommenden Sommermonaten werden sie die Sperrstunde individuell festlegen, da man sich von den Feiernden in gewisser Weise ab einer bestimmten Uhrzeit distanzieren müsse. Es besteht die einhellige Überzeugung, dass „sich die Leute benehmen als gäbe es kein Corona mehr“. Und genau aus diesem Grund brauche es einen besseren Umgang mit dem Lärm, der Entsorgung und dem allgemeinen Verhalten der Feiernden.

Das Feierabendbier verlagert sich also von der Bar praktisch auf die Bank. Polizist*innen schieben die Tanzenden buchstäblich von der Sowi-Wiese und Berichten zufolge pilgern sie keine zwanzig Minuten später mit erhobenen Händen wieder zu dem Baum, an dem inzwischen ein Hobby-DJ seine Bühne gefunden hat, der dann leider eher selten die gewünschten Lieder dann auch tatsächlich abspielt.

 

Der Studierendenschaft wurde, kaum zu leugnen, bisher in der Corona-Politik insgesamt eine stiefmütterliche Behandlung zuteil. Rächt sich das jetzt?

Sowohl bei den Förderungen als auch bei den Impfterminen fühlen sie sich und wurden sie de facto auch tatsächlich längst an letzte Stelle gereiht und übergangen und fordern ihre nun als verloren empfundene Freiheit zurück. Die Wohnverhältnisse sind schlichtweg nicht darauf ausgerichtet, den Lockdown entweder im Studierendenheim auf 13qm oder in den beengten Räumen einer WG zu verbringen. Die zu schützenden Verwandten sind geimpft und einige nehmen das durch die niedrigen Zahlen für sie vertretbare Risiko in Kauf. Die semesterliche Endstimmung verbindet sich mit dem Gefühl, inmitten der Pandemie im Regen stehen gelassen worden zu sein. 60.000 Studierende haben (siehe hierzu das Interview zur ÖH-Wahl der Zeitlos) in dieser Zeit ihren Nebenjob verloren, der Corona-Hilfsfonds hatte nicht genug Reichweite, viele mussten ihr WG-Zimmer in Innsbruck aufgeben und sie sind jetzt folglich seit den Öffnungen wieder auf mühsamer Wohnungssuche. Und viele denken sich – dann stoßen wir wenigstens gemeinsam drauf an!

Umso tragischer liest sich dann die Meldung über die sich wiederholenden Geschehnisse in der Sillschlucht. Partybesucher*innen stürzen ab, Vandalismus an Polizeiwägen und sogar Diebstahl von Nummerntafeln. Besonders erschreckend war für Oberst Giner, dass Autoreifen aufgestochen wurden und somit die Polizei im Falle eines Einsatzes behindert wurde. Dieses Verhalten sei untragbar und überhaupt sei nach anfänglicher Kooperation in den letzten zwei Wochen des Junimonats die Aggression auch auf die Polizist*innen übergeschlagen, die im Einsatz waren und sogar um 50 Mann aufgestockt werden musste. Man habe nur begrenzte Ressourcen und müsse auch sonst die Sicherheit als Freund und Helfer gewährleisten können. Ab morgen (22. Juli 2021) sollen geimpfte und genesene Personen die Clubszene wieder ohne Registrierung betreten können. Polizei und Stadt sind sich einig, dass sich die Masse der Bevölkerung durch den Ferienbeginn, Urlaubspläne und Sommerjobs sowie die weiteren Öffnungen besser verteilen wird, weil sie nunmehr auch die Möglichkeiten und Optionen dazu hat. Ein gewisses Maß an Unbehagen macht sich jedenfalls breit, wenn man von den Vorfällen bestimmter neuer Partymeilen hört, von silvesterähnlichen Zuständen oder auch von den vielen Strafen, die mit scheinbar zweifelhafter Präventivwirkung vergeben werden.

 

Insgesamt bleibt wohl nur abzuwarten, was die neu geplante Feierorganisation bringt, darunter sicherlich impfen und testen. An verschiedenen Fronten wird an einer Lösung für alle gearbeitet – im Büro des Bürgermeisters, in der Landespolizeidirektion, in den ÖH-Sitzungen und hinter dem Tresen. Von den vier eigenen Wänden haben wir wohl alle genug gesehen, aber nun bleibt zu hoffen auf einen rücksichtsvollen Umgang mit der wiedergewonnenen Freiheit inklusive gehöriger Portion Eigenverantwortung.

 

 

Studentin in Innsbruck. Rechtswissenschaften. Daneben und teils auch aus diesem Grund schreibe ich gerne über (andere) Themen, die uns als Einzelne*r und Gesellschaft betreffen mögen und mein Interesse geweckt haben.