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DIAMETRALE vol.ll: Skurril, komisch und mitreißend

Wenn du nach dieser langen Zeit endlich wieder die Stufen eines Kinosaales hinunterschreitest, dich in einen bequemen Sessel sinken lässt und darauf wartest, dass das Raunen und Tuscheln verstummt und das Licht gedimmt wird, kann sich das schon ziemlich eindrucksvoll und spannend anfühlen. Insbesondere wenn das Ganze im Rahmen des Filmfestivals DIAMTRALE stattfindet.

 

 

Die Diametrale bietet eine Welt, welche dazu einlädt, sich mit anderen Filmfans und Produzent*innen auszutauschen, sich berieseln zu lassen und seinen Horizont zu erweitern – oder auch sich einer Runde Schach auf dem Schachbrett, welches auf der Theke neben der Kasse zu finden ist, zu stellen. Von Mittwoch bis Sonntag sind die sorgfältig ausgewählten Filme und Kurzfilme gezeigt worden, Live-Konzerte veranstaltet und Film-Talks geführt und das alles unter dem Motto „nutzlos und schön“. Ein Festival für Filme, absurden Humor, Offenheit und Tabuthemen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Filme, welchem am Donnerstag liefen. Quentin Dupieux, der Regisseur einer der beiden Filme, sagt in seiner Videobotschaft: „I want to make people laugh“ – und das hat er mit seinem Film „Mandibules“ auch geschafft.

 

 

Mandibules

In keinem anderen Film habe ich die Zuschauer*innen so oft lachen und kichern gehört wie in „Mandibules“. Die Geschichte ist absurd, die Charaktere herrlich simpel und die Darstellung hinreißend. Der Film beginnt mit den zwei Freunden, Manu und Jean-Gap, welche einen alten Mercedes klauen um einen Auftrag als „Transporteure“ zu erfüllen. Was genau die beiden Männer eigentlich transportieren sollen, ist natürlich geheim und da die beiden eher einfältig und mittellos sind, ergreifen sie freudig jegliche Möglichkeit, um etwas Geld dazu zu verdienen. Absurd wird die Handlung, als die Beiden eine Fliege in der Größe eines Hundes im Kofferraum des Mercedes entdecken. Nach kurzer Ratlosigkeit fasst Jean-Gap den Plan die überdimensional große Fliege zu trainieren, um sie auf Raubzüge zu schicken – „la drone“, eine wie ein Hund trainierte Fliege, die so verlässlich die gewünschten Dinge beschafft wie eine Drohne.

Um die Fliege, welche im Laufe des Filmes den Namen Dominique erhält, zu trainieren, überrumpeln die beiden kurzerhand einen Mann und besetzen seinen Wohnwagen. Dieser brennt jedoch kurze Zeit später ab und sie suchen, natürlich ohne Benzin, aber durch tatkräftige Unterstützung eines Einhorn-Fahrrades, nach einer neuen Bleibe. Dabei treffen sie eine Gruppe von Urlaubern. Eine Frau aus der Gruppe verwechselt Manu mit einem High-School Freund, da die beiden sehr ähnlich aussehen und lädt sie ein, ein paar Tage mit ihnen in dem Ferienhaus zu bleiben. Dies gestaltet sich natürlich schwierig mit einer abnormal großen Fliege im Gepäck. Insbesondere der Handschlag, den Manu und Jean-Gap bei jeder möglichen Begebenheit austauschen und bei dem sie gleichzeitig „Toro“ rufen (Zeigefinger und kleiner Finger wie Stierhörner voraus), sorgt immer wieder für Lacher im Publikum. „Mandibules“ ist ein Film voll großer und kleiner Lacher, Leichtigkeit und einer absurd komischen Aufmachung, welcher sich den Platz in der Diametrale definitiv verdient hat.

 

VHYES

Der darauffolgende Film „VHYES“ von Regisseur Jack Henry Robbins überzeugt mit einer interessanten Aufmachung und einem nicht so oft anzutreffendem Konzept: der Film wurde komplett auf VHS und Betacam (Analoge „retro“ Camcorder) gedreht und die Erzählung erfolgt ausschließlich aus den Aufnahmen und der Perspektive des zwölfjährigen Ralph. Zu Weihnachten bekommt dieser von seinen Eltern eine Videokamera geschenkt, mit welcher er daraufhin viele Momente seines Lebens einfängt. Dabei überspielt er unwissentlich das Hochzeitsvideo seiner Eltern welches auf der eingelegten Filmkassette gespeichert ist. Von da an filmt er seine Unternehmungen mit seinem besten Freund Josh, seine Eltern oder auch sich selbst beim Spielen in seinem Zimmer. Was diesen Film so eindrucksvoll macht, ist die Nostalgie, welche er erweckt.

Ralph nimmt mit seiner Videokamera neben seinem eigenen Leben hauptsächlich die Shows und Werbesendungen, die in den 80ern im Fernsehen laufen, auf. Mit dabei sind Shows, bei denen der/die Zuschauer:in eine Frau namens Joan beim Malen oder Schlafen sieht, Fitnesssendungen in bunten Sportanzügen, oder eine Serie über ein junges Mädchen namens Lou, welche Musiker*innen zu sich nach Hause einlädt und deren Musik in ihrem Wohnzimmer präsentiert. Und natürlich dürfen auch sehr, sehr viele Werbesendungen für unnötige Produkte nicht fehlen. Das Programm ist teilweise erotisch aufgeladen aber doch zensiert, absolut hirnlos oder aber auch Gesellschafts- und Zukunftskritisch. In einer Talkshow prophezeit eine Frau, dass die Möglichkeit Filme aufzunehmen, die Realität verändert. Sie redet von damals noch unvorstellbaren Situation, beispielsweise, dass Menschen von Klippen stürzen, während sie Bilder oder Videos von sich machen. Es gibt zudem auch eine Sendung über den Klimawandel, mit dem Titel „Hot Winters”. Wenn man berücksichtigt, dass die Handlung rund 40 Jahre in der Vergangenheit spielt und der Klimawandel aktuell immer noch nicht ernst genug genommen wird, sind diese Anspielungen von Robbins äußerst gut platziert.

Bei dem Versuch „echte“ Geister mit seiner Kamera abzulichten und eine Verbindung des Recorders mit einem Fernseher in einem leerstehenden Studentenverbindungsgebäude herzustellen, steckt Ralph letztendlich selbst in seinem Video fest und befindet sich auf der Hochzeit seiner Eltern bei der auch alle Charaktere der Fernsehshows zu finden sind. Der Regisseur schafft eine aufregende Verflechtung von Film und Realität und thematisiert deren Einflüsse aufeinander.

 

Kurzfilmwettbewerb

Zwei Tage später, am Samstag, fand der Kurzfilmwettbewerb statt, bei welchem acht Kurzfilme präsentiert wurden, die aus über 400 Einreichungen aus aller Welt ausgewählt wurden. Die Filme waren teilweise gesellschaftskritisch und tiefgründig, aber auch simple und komisch – allesamt sehr eindrucksvoll und abstrakt. Die dreiköpfige Fachjury kürte im Anschluss den Siegerfilm „Can you hear me?“ von Jack Mason-Intini. Der Kurzfilm handelt von dem Soldaten Scotty, welcher sich augenscheinlich in einem Traum befindet, in welchem er seinen Zwiespalt zwischen seinem Wunsch Tänzer zu werden und seiner tatsächlichen Aufgabe als Soldat verarbeitet – mit Hilfe von seiner Freundin Joanna und seinem Vater. Traum und Trauma verschmelzen in diesem siebenminütigen Film der damit endetet, dass die Leiche von Scotty eingeblendet wird, der im Krieg gefallen ist und aus seinem Traum nie wieder aufwachen wird.

Danach folgten die B-Sides Premieren, welche die skurrilsten, schrägsten und experimentellsten Werke des Festivals beinhalteten. Am Wochenende konnten Besucher*innen zudem eine Virtual-Reality-Brille ausprobieren und damit verschiedene Videos und Phantasiewelten genießen. Ich konnte beinahe vergessen, wo ich mich eigentlich gerade befand, und konnte so in eine andere Welt eintauchen. Während dieser Erfahrung hatte ich – wie auch im echten Leben – einen Anflug von Höhenangst, als die Brille mir suggerierte ich stände auf einer Feuertreppe in New York mit endlosen Stockwerken unter mir.

 

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Der Abschlusstag dieses außergewöhnlichen Festivals endete mit einem ebenso außergewöhnlichen Abschlussfilm. „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ von Aritz Moreno verwirren, verblüffen und beunruhigen das Publikum in 106 Minuten Laufzeit  voller Wahnsinn und Witz. Es geht in dem Film um die Verlegerin Helga, welche ihren Mann in eine psychiatrische Anstalt einliefert und auf der Heimfahrt im Zug die Bekanntschaft eines sehr interessanten Mannes macht. Dieser stellt sich als Ángel Sanagustin vor und gibt an Psychiater in der Klinik zu sein, welche Helga zuvor besuchte. Er erzählt ihr im Laufe der Fahrt Geschichten von psychisch kranken Patienten. Auch Helgas Vergangenheit ist ziemlich dunkel und verstörend, da sie nach mehreren gescheiterten Beziehungen mit einem Mann zusammengekommen war, welcher sie immer mehr dazu zwang, die Rolle eines Hundes einzunehmen, bis sie diesen schließlich versuchte umzubringen, ihn jedoch wenig später einlieferte. Die Szenen sind teilweise schwierig mit anzusehen und der Film lässt kaum ein Tabuthema aus. Die Vielschichtigkeit der Ereignisse ist in  diesem Film besonders bemerkenswert. Auch der Erzähler, Ángel Sanagustin, ist nicht wirklich vertrauenswürdig und die Storyline glänzt durch die Abfolge von absurden Ereignissen und durch die Skurrilität der Themen. Auch dieser Film passte brillant zum Thema der diesjährigen Diametrale und hat abschließend definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Beitragsbilder: Alina Müller

ABOUT DIAMETRALE
Die Diametrale ist ein Filmfestival für Experimentielles und Komisches, welches von 14.07.-18.072021 im Innsbrucker Leokino stattfand. Ganz unter dem Motto „Nutzlos und schön- Filmische Verquickung von Experiment und Humor bei der DIAMETRALE“ wurden bei dieser Veranstaltung 42 Filme (davon 31 Kurzfilme) gezeigt, die von zwei Konzerten und zwei Lectures umrahmt waren.
Homepage: https://www.diametrale.at/

Semi-erfolgreiche Studentin der Wirtschaftswissenschaften, die mehr Zeit unterwegs verbringt als vor ihrem Bildschirm. Aufgewachsen in NRW, aktuell im schönen Innsbruck. Meine Freunde würden mich als tollpatschigen Glückspilz beschreiben. Manchmal schreibe ich hier Texte zu (meiner Meinung nach) coolen Themen, also lest meine Artikel!