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DIAMETRALE vol.l: Celebrate Sex!

Ich mag Sex. Ich rede gerne über Sex, ich denke viel nach über Sex, Sex interessiert mich. Und das nun so sagen zu können, beziehungsweise mich sagen zu trauen ist bei weitem nicht selbstverständlich für eine Frau in einer patriarchal geprägten, männerdominierten und zu großen Teilen noch immer sexistischen Gesellschaft.

Denn Sex und insbesondere die Sexualität und Lust von nicht-Männern ist noch immer ein Tabu. Als ich jünger war, erinnere ich mich, dass wir uns nicht trauten das Wort Sex auszusprechen, es war ähnlich wie bei Harry Potter mit dem Namen Voldemort. Wir dachten es sei ein schmutziges Wort und umschrieben es mit Kinderwörtern wie Bunga-Bunga, oder der bloßen Geste des Zeigefingers in ein mit der anderen Hand gebildetes Loch. Als ich älter wurde und wir Wahl-Wahrheit-oder-Pflicht spielten, erzählten die männlichen Mitspieler ganz offen von jeglichen Varianten, in denen sie sich selbst befriedigen, wir Mädchen hatten Angst gefragt zu werden, ob wir auch masturbieren würden, weil das hätte man ja nie im Leben zugeben können. Wie peinlich?! Noch etwas später war die Grenze für die Bezeichnung einer Frau* zwischen: Sie hatte noch nie Sex, also prüde und sie hatte bereits Sex, also ist sie* eine slut, einmal Sex haben oder eine Betitelung für eines der beiden von einer männlichen Person. Die Grenze ist bis heute so schwammig, wie nicht vorhanden. Ich habe gerne Sex und dass ich mich das einfach zu sagen traue, war ein langer Kampf. Mir wurde andauernd, nicht zuletzt von meiner Mutter, Lehrer*innen und diversen anderen Menschen, die eigentlich eine Vorbildfunktion haben, gesagt „Eine Frau verhält sich nicht so!“, „Das gehört sich nicht!“, „Hast du nicht Angst deinen Ruf zu verlieren?“, „Du ziehst dich an wie eine Nutte!“, „Du forderst es ja heraus!“, … Heute antworte ich zu alledem entschieden: Bullshit und fuck you! Hier geht es um meinen Körper, mein Leben und meine Sexualität. Mein „Ja!“ bedeutet „Ja!“ und mein „Nein!“ bedeutet „Nein!“, wie von jeder anderen Person auf dieser Erde auch. Und solange dieser Grundkonsens gegeben ist: hey, you do you! Or you do everybody or nobody! Your choice!

 

© petergriesser.com

 

VIVA
Dass das für Frauen* aber nicht selbstverständlich ist, zeigt auch der Film Viva von der Regisseurin Anna Biller, der „Wonder Woman des feministischen Sexploitation-Films“ (Judith Salner). Diese sang auch noch den Titelsong des Films ein und spielte auch gleich noch die Hauptrolle mit dazu. Der Film ist analog, eine 35mm Projektion, was eine ganz andere Atmosphäre schafft, als der Mainstreamfilm, der jeden dritten Tag, auf Netflix rauskommt. Viva handelt von zwei Frauen, Barbi und Sheila, die sich nach der Trennung von ihren Männern und dem damit verbundenen Leben einer artigen Hausfrau, verabschieden und in das wilde Leben der 70er in LA eintauchen. Der Film spielt stark mit Klischees, auf eine humorvolle, wenn auch recht satirisch überspitze, deshalb so eine plakativ ehrliche Art und Weise. Zu Beginn des Filmes gibt es eine Szene, in der die beiden Frauen gelangweilt am Pool sitzen, einen Playboy lesen (natürlich nur wegen den tollen Rezepten) und schließlich auf die Idee kommen: „Come on, let´s compare ourselves to the models in the playboy“. Es wird ihr Leben vor dem großen Umschwung portraitiert. Barbi verliert ihren Job, weil ihr Chef, der sie unter anderem missbräuchlich behandelt, erfährt, dass sie verheiratet ist. Nun ist sie den ganzen Tag nur noch Zuhause, putzt, langweilt sich, und kocht für ihren Mann, der andauernd aufgrund seiner Überstunden, zu spät nach Hause kommt. Er fährt auch immer wieder weg, ohne seine Frau, weil „er ja auch mal Zeit für sich bräuchte“. Barbi beschließt Model zu werden. Während ihres Umstylings wird sie unter Drogen gesetzt und missbraucht. Nach diesem Vorkommen versucht sie, aufgrund ihres schlechten Gewissens (denn natürlich fühlt sie als Frau sich schuldig), eine noch „bessere“ Haus- und Ehefrau zu sein. Als Barbi einmal versucht ihren Mann zu fragen, ob sie nicht mitkommen könne auf einem seiner vielen Businesstrips, geraten sie in einen Streit und er verlässt sie. Auch Sheila trennt sich zeitgleich von ihrem Mann und die beiden Freundinnen beschließen loszuziehen, um ein Abenteuer zu erleben. Sie geraten an eine Dame, die ihnen verspricht, einen für sie perfekten Mann zu finden, diese ist aber, zum Unwissen der beiden Frauen, eine Zuhälter*in. Sheila will einen reichen Mann, Barbi wünscht sich einen, der ihr zuhört und sich für sie interessiert. Barbis erstes Treffen verläuft anfangs gut, bis er sie zum Sex überreden will. Dass sie aber nicht möchte, ist ihm egal. Auch der nächste Mann den Barbi trifft ist gekränkt und beleidigt, als sie nicht sofort Sex mit ihm haben möchte. Sie wird von einem weiteren Mann vergewaltigt, nachdem dieser der Meinung war, sie würde mit seinen Blicken ihm sagen, dass sie ihn eigentlich wolle. Mit einer anderen Frau erlebt Barbi tatsächliche Leidenschaft und Lust, die ihr Angst zu machen scheint. Sie wird auf einer Orgie, auf der sie als Gesangsakt auftrat, erneut unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Der Film endet damit, dass die beiden Frauen wieder zu ihren Männern zurückkehren und prinzipiell alles weitergeht wie zuvor. Ganz deutlich wird in dem Film, dass es im Falle von Barbi keinen Unterschied macht, ob sie sagt, sie möchte mit jemandem keinen Sex haben oder nicht. Will sie es nicht von sich aus, so wird sie gezwungen. Einmal schreit einer der Männer sie an:“ You are burning of desire I can see it. So why won´t you have sex with me?“ Barbi sagt nie, warum sie keinen Sex mit den Männern möchte. Man erwischt sich selbst dabei zu denken: „Ja, aber warum denn wirklich nicht, Barbi?“ Bis man ein kleines Stück weiterdenkt als diese angelernten Denkmuster und merkt: Sie ist niemandem eine Erklärung schuldig. Sie will es nicht und das ist Grund genug. Trotzdem wird sie von den Männern, zu deren Befriedigung, gegen ihren Willen benutzt. Sie fühlt sich stetig im Zwiespalt zwischen Verlangen und Angst, vor der eigenen Lust, denn um die Lust der Frau, dreht es sich in der Gesellschaft nicht.

 

© petergriesser.com

 

LET`S TALK ABOUT SEX
Zwei Frauen, die sich stark dafür einsetzen, dieses männerzentrierte Sexualdenken zu einem Wandel zu bewegen sind die Pornodarsteller*innen und Produzent*innen Paulita Pappel und Lina Membe. Mit ihnen gab es im Anschluss an den Film einen Talk, in dem über ihre Arbeit, Sexwork und Sex in unserer Gesellschaft allgemein gesprochen wurde. Sie erzählten zunächst über ihren Werdegang und die verschiedenen Projekte, an denen sie beteiligt sind. Sehr in Erinnerung ist mir ein Projekt von Paulita Pappel geblieben. Dieses hat sich auf Gangbangs mit einem Setting, mit dem sich alle Anwesenden wohlfühlen und wo Konsens herrscht, spezialisiert,. Paulita Pappel dazu: „Es ist ein Mythos, dass Frauen immer diesen romantischen, gefühlvollen Sex wollen. Sie können genauso harten Sex bevorzugen. Dafür wollten wir Raum schaffen“. Weiteres ging es noch um das Thema inwieweit Jugendliche vor Pornos, und vor sexuellen Inhalten generell, geschützt werden müssten, da dies das Argument vieler neuer Verordnungen zu Filtern im Internet und auf sozialen Netzwerken ist. Häufig sind gewaltsame und pornographische Inhalte verboten, womit Gewalt auf eine Stufe mit Sex gestellt wird, was offensichtlich genau so problematisch wie falsch ist. Ein weiteres Argument gegen sexuelle Inhalte ist, dass Jugendlichen oder Kindern ein falsches Bild von Sex vermittelt wird. Welches unerreichbare und schädigende Bild von Romantik und Liebe beispielsweise RomComs vermitteln, oder welches schwierige Frauenbild Disneyfilme vermitteln, oder welches toxische Männerbild jegliche Actionhelden fabrizieren ist anscheinend aber egal. Naja, hauptsache kein Sex in der öffentlichen Debatte! Dabei wäre es viel geschickter, anstatt krampfhaft und erfolglos zu versuchen, jegliche sexuelle Inhalte zu zensieren, jene anzubieten, die zeigen, wie guter Sex funktionieren kann. Es sollte Inhalte mit verschiedenen Geschlechtern, Körpertypen etc. geben, um zu zeigen, wie vielfältig und divers Sex sein kann. Es soll über Konsens und über das Entdecken der eigenen Sexualität aufgeklärt werden.

 

© petergriesser.com

 

SEX POSITIVE
Passend dazu gestaltete sich der letzte Programmpunkt des Abends. Die Sex Positive Short Film Night 2021. Gezeigt wurden zehn Kurzfilme, die unter die Kategorie Porn fielen. Es war mit Sicherheit ungewohnt auf einem riesigen Bildschirm, mit zahllosen anderen, für einen selbst fremden Menschen, Porn zu sehen, jedoch würde ich nicht so weit gehen und sagen es war komisch. Denn das war es nicht. Es war schön zu sehen, wie kreativ und neuartig diese Kurzfilme umgesetzt waren, und auch wenn man selbst nicht alles als ansprechend empfunden hat, so findet man doch hier und da etwas Neues, von dem man noch nie gehört hat, oder das man noch nie gesehen hat. Man sieht die Fantasien anderer Menschen, die keine Scheue haben diese der Welt zu präsentieren und das ist wunderbar. Man sieht Geschlechtsteile auf einem Bildschirm der 20qm hat, findet das, wie man es eben so angelernt bekommen hat, erstmal seltsam, merkt dann aber schnell: Hey Moment, das ist halt einfach menschlich. Man sieht, dass Sex lustig sein kann, ästhetisch sein kann, aber auch laut und leise sein. Sex ist nicht auf Geschlechter, Hautfarbe, Anzahl der involvierten Personen oder Aussehen derer zu begrenzen. Kurz gesagt: Sex kann alles sein, was man will. Und um herauszufinden was man überhaupt will, muss man offen sein, sich interessieren. Man muss neues kennen lernen, sich selbst auch vielleicht ganz neu kennen lernen. Also ganz nach dem Motto: „Let´s talk about sex, let´s celebrate sex!“

 

Bilder: Peter Griesser

ABOUT DIAMETRALE:
Die Diametrale ist ein Filmfestival für Experimentielles und Komisches, welches von 14.07.-18.072021 im Innsbrucker Leokino stattfand. Ganz unter dem Motto „Nutzlos und schön- Filmische Verquickung von Experiment und Humor bei der DIAMETRALE“ wurden bei dieser Veranstaltung 42 Filme (davon 31 Kurzfilme) gezeigt, die von zwei Konzerten und zwei Lectures umrahmt waren.
Homepage: https://www.diametrale.at/

 

 

 

 

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, spiel mit meinen Katzen und gehe in Bars.