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ÖH-Wahl 2021: Die Spitzenkandidat*innen des VSStÖ im Gespräch

 

Für die diesjährigen ÖH-Wahlen von 18. bis 20 Mai treten für den Verband Sozialistischer Student_innen in Österreich (VSStÖ) die Spitzenkandidat*innen Markus Saurwein und Philomena Gogala an. Beide studieren Lehramt an der Universität Innsbruck, Markus in den Fächern Geschichte und Englisch, Philomena in Französisch und Biologie. Sie sagen: „Wir Studierenden wollen einfach keine Steine in den Weg gelegt bekommen“. 

 

Die Zeitlos: Ich würde euch bitten, euch in zwei Sätzen vorzustellen.

Markus Sauerwein: Ich bin seit zwei Jahren im VSStÖ, bin politischer Sekretär und bin auch Spitzenkandidat in diesem Wahlkampf.

Philomena Mangola: Ich bin die Philomena, ich bin Spitzenkandidatin und Queer Sprecherin seit einem halben beziehungsweise dreiviertel Jahr.

Wir haben dieses Jahr eine Wahl der Österreichischen Hochschüler_innenschaft vor uns, welche von einer globalen Pandemie überschattet wird. Was sagt ihr dazu, wie die Wahl durchgeführt werden soll?

M: Demokratiepolitisch ist es schwierig momentan, weil die Wahlbeteiligung bei den ÖH-Wahlen historisch niedrig ist, also da sprechen wir schon von unter 30%. Wir gehen stark davon aus, dass voraussichtlich noch weniger Leute wählen gehen. Das ist kritisch zu betrachten, weil dann eine kleine Gruppe von Studierenden über die Universitäts- und Fachhochschulpolitik von vielen anderen bestimmt. Die Teilhabe bei diesem online geführtem Wahlkampf ist weniger gegeben und die Reichweite der Fraktionen sowie der ÖH selbst ist verringert. Das ist stark zu bemängeln.

P: Ich glaube auch, dass es in diesem Wahlkampf schwierig ist, Leute zu erreichen. Normalerweise führen wir sehr viele Gespräche mit Studierenden über unsere Inhalte, um die Anliegen der Studierenden gut aufnehmen zu können, aber zurzeit ist das nur durch Social Media möglich. Also gerade Info-Tische an der Universität machen jetzt nicht sehr viel Sinn, aber wir sind trotzdem optimistisch – das müssen wir auch sein –, dass wir viele Leute erreichen können. Auf jeden Fall sind das große Herausforderungen.

Dazu eine Anschlussfrage: Was sind eure Pläne, um in dieser konkreten Situation die Wahlbeteiligung zu erhöhen?

P: Wir versuchen, zunächst mal alle Freund*innen und Bekanntschaften darauf hinzuweisen, so dass diese das Weiterleiten und alle möglichen Kanäle dazu zu nützen, auf die Wahl und darauf, dass es wichtig ist, wählen zu gehen, aufmerksam zu machen.

M: Die Hinweis-Mails der ÖH sind super und leisten einen Teil, aber am Ende des Tages fehlt oft die persönliche Anbindung. Wenn ich irgendeine Mail bekomme: ‚Hey du kannst da irgendwo wählen gehen und ich bin mir nicht einmal sicher, was denn eigentlich eine ÖH sein soll‘, ist es schwierig, Menschen dazu zu bewegen wählen zu gehen und ihre Stimme zu nutzen.

Ein anderes Thema, welches kürzlich in den Medien präsent war, ist die Novellierung des Universitätsgesetzes. Was ist die Position des VSStÖ dazu?

P: Wir sehen die Novelle kritisch. Es gibt viele negative und viele positive Punkte. Unserer Meinung nach überwiegen die negativen, weshalb wir sie im Allgemeinen ablehnen. Zum Beispiel die Mindestleistung, die eingeführt werden soll, finden wir als VSStÖ überhaupt nicht tragbar, weil studieren für alle möglich sein sollte. Es gibt Studierende, die zwei Studienfächer studieren, da erhöhen sich die ETCS, also die Mindeststudienleistung. Es betrifft auch Studierende, die Betreuungspflichten haben sowie Studierende mit Kindern. Wir wollen einfach keine Steine in den Weg gelegt „kriegen“ (bekommen?), sondern wir wollen eine UG-Novelle (Universitätsgesetz-Novelle), die uns das Studieren erleichtert, weil es so schon genug Hürden gibt. Natürlich gibt es Punkte, die wir auch gut finden, wie die Harmonisierung von ECTS aber die negativen Aspekte überwiegen.

M: Wenn man sich die „Harmonisierung“ der ECTS historisch anschaut, ist seit Bologna (Hochschulreform, anm. d. Red.)  effektiv der Aufwand gestiegen und „die freie Bildung“ als solcher Begriff ist dezimiert worden. Diese Bildungsökonomisierung ist ein neoliberales Erscheinungsbild, dem wir uns nicht anschließen können, weil wir daran glauben, dass Bildung den Menschen als Solchen weiterbringt und ihn sich individuell voll entfalten und entwickeln lässt. Das macht die aktuelle Bildungslandschaft nicht.

Was ist eure grundsätzliche Meinung zum Thema online-Lehre?  Welche Bilanz zieht ihr nach einem Jahr online-Lehre an den österreichischen Hochschulen?

M: Ich glaube da muss man eine Brücke schlagen zwischen der Vertretungsarbeit und persönlichen Erfahrungen und auch, was man von Kommiliton*innen österreichweit hört. Alles in allem ist es kein Geheimnis, dass online-Lehre nicht so funktioniert, wie sie soll. Online-Lehre war nie als fortwährende Lösung gedacht, sondern ist eine vorübergehende Lösung. Ich bin froh, dass es sie gibt, aber in vielen Bereichen gehört sie stark ausgebaut. Das ist auch einer unserer Forderungspunkte, dass der Hörsaal der Zukunft daran angepasst wird, was die Studierenden brauchen.

P: Wie der Markus schon gesagt hat, treten da viele Probleme auf. Mit Flexibilität ist auch gemeint, dass Lehrveranstaltungen aufgezeichnet werden, aber auch, dass sie später wieder in Präsenz stattfinden, so dass man sich als arbeitende Studierende aussuchen kann, wann man die Lehrveranstaltung besuchen mag und sich den Zeitplan besser einteilen kann.
Die Regierung und die ÖH haben kein Sicherheitskonzept, kein Präventionskonzept für Präsenzlehre erstellt und das kann nicht sein, dass nach einem Jahr Studierende nirgends erwähnt werden. Irgendwann müssen die Universitäten auch wieder aufsperren, es kann nicht ewig so weitergehen.

Kommen wir zu eurem Wahlprogramm. Was sind die wichtigsten Punkte und wie spielen diese mit den drängendsten Problemen der Universität Innsbruck zusammen?

M: Wir haben vier große Hauptforderungspunkte. Der erste lautet „Zeit für Studistadt Innsbruck“. Da geht es einerseits um das „leidige Thema Wohnen“, das sich nicht notwendigerweise verbessert hat, weil das Einkommen der Studierenden weiter gesunken ist. Da spreche ich auch aus persönlichen Erfahrungen. Ich habe durch die Pandemie mehrere Jobs verloren. Das ist ein finanzielles Loch, aus dem manche Studierende nicht mehr rauskommen, wobei sich dadurch die Studienzeit verlängert. Das wird durch die UG-Novelle noch einmal verschlimmert.

P: Weiters fordern wir, dass Studieren mit Kind möglich ist. Das ist besonders schwierig, speziell für Frauen, da sie Aufsichts- und Erziehungspflichten übernehmen, beziehungsweise oft müssen. Außerdem fordern wir Konsumfreie Räume für Studierende in der Stadt. Wir fordern Räume an denen Studierende lernen können, wo sie sich treffen und vernetzen können, natürlich mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Ich glaube, dass das Thema „Sonnendeck“ da brandheiß ist.

Dass Studiengebühren an der Universität abgeschafft werden, weil die Universität Innsbruck das autonom bestimmen kann. Ich finde es auch Wahnsinn, dass, wenn man es nicht in der Mindeststudienzeit plus Toleranzsemester schafft, fertig zu studieren, Studiengebühren bezahlen muss, die hoch sind und enormen Leistungsdruck erzeugen.

Ich zitiere: „verpflichtende Sensibilisierungsschulungen für Lehrende, aktive Frauenförderung, Bekämpfung der leaky pipline“ sind Forderungen eurer Fraktion. Es gibt Menschen, darunter auch Studierende, die diesen feministischen Ansatz kritisch sehen. Was würdet ihr solchen Menschen antworten, warum ist das heute noch notwendig?

P: Es ist notwendig, weil Frauen nicht gleichberechtigt sind und das heißt, dass wir aktiv etwas dagegen tun müssen. Gerade die Punkte im Wahlprogramm zeigen Probleme, die aktiv behoben werden müssen. Das ist wichtig und ich verstehe nicht, warum man sich nicht für Gleichberechtigung einsetzen wollen würde. Ich würde dafür plädieren, dass alle gleiche Rechte für alle wollen.

M: Die Erhaltung des Status quo ist mit diesem neoliberalen Leistungsgedanken verbunden und wird ungefähr so begründet: „Wenn Frauen mehr leisten würden, wenn Frauen besser wären in ihren Kompetenzen oder ihrem Fachbereich, dann hätten sie diese Positionen“. Die Statistik spricht da stark dagegen, denn ich lasse mir nicht einreden, dass mehr Frauen einen Abschluss machen und bedeutend weniger Frauen höhere Positionen ergattern.

Seit 14 Jahren hat die AG (Aktionsgemeinschaft) in Innsbruck die absolute Mehrheit. Bei eurem Wahlprogramm und eurer Argumentation steht oft der Ansatz der Gerechtigkeit im Zentrum. Ihr seid aber relativ konstant bei 15% in den letzten Jahren geblieben. Warum funktioniert das nicht? Interessieren sich die Menschen nicht für eure Gerechtigkeitsthemen?

P: Ich glaube das größte Problem liegt darin, dass die ÖH den Studierenden nicht nah genug ist. Ein Kritikpunkt von uns ist, dass Studierende oft nicht wissen, was die ÖH ist, was sie machen kann und wie viel man im Studium verändern kann. Ich kann mich erinnern, dass ich am Anfang meines Studiums den ÖH-Beitrag gezahlt habe und überhaupt nicht wusste, wofür der eigentlich ist. Ich glaube es ist wichtig Studierenden näher zu bringen, dass die ÖH schon viel für einen machen kann.

Es war in den letzten Tagen in den Medien sehr präsent: Das Sonnendeck. Wir haben Bilder gesehen, auf denen sich sehr viele Studierende am Sonnendeck (der Bereich der Hauptuniversität am Inn) getroffen haben, ohne sich an Abstands- und Hygieneregeln zu halten. Wie ist eure Position dazu?

Markus Saurwein, 23 (© VSStÖ Innsbruck)

Philomena Gogala, 20 (© VSStÖ Innsbruck)

M: Wir distanzieren uns davon und werden das auch weiterhin zu tun. Es ist eine Pandemie und die ist ernst zu nehmen. Man kann bis zu einem gewissen Grad über Maßnahmen, aber sie sind absolut notwendig. Es ist aber nicht zu vernachlässigen, dass der Mensch ein soziales Bedürfnis hat. Laut der Standard weist jede*r fünfte Österreicher*in depressive Symptome auf. Es ist notwendig, dass Menschen zusammenkommen, dass es ihnen gut geht und gerade im Freien wo Teststationen aufmachen, sehe ich es als Gelegenheit die sozialen Batterien wieder aufzuladen.

Was ist euer Wunsch für die Zukunft eurer Fraktion und der Studierenden, die ihr vertretet und erreichen wollt?

P: Mein größter Wunsch ist, dass die absolute Mehrheit der AG gebrochen werden kann. Dabei geht es nur um ein Mandat. Dass die ÖH sozial wird, und für alle da ist und dass das Studium einfach besser wird.

M: Für den Verband selbst, außerhalb der Wahlen fände ich es sehr sinnvoll, wenn das Wissen, das wir haben weitergetragen wird. Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam mit den Aktivist*innen und Funktionär*innen weiter so sauber und gewissenhaft arbeiten, denn ich glaube wir haben sehr gute Arbeit, die letzten Monate und Jahre geleistet.

Hier geht es zu den Interviews mit den anderen Spitzenkandidat*innen der jeweiligen Fraktionen: AGGRAS, JUNOS, RFS, KSV-KJÖ und KSV-LiLi.

 

Das Interview fand am 19.04.2021 statt.