ÖH-Wahl 2017 #6: Die Unabhängige Fachschaftsliste Innsbruck (UFI) im Interview

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Die einzige unabhängige Liste bei den heurigen ÖH-Wahlen in Innsbruck ist die Unabhängige Fachschaftsliste Innsbruck (UFI). Unabhängig bedeutet, dass diese Liste von keiner politischen Gesellschaftspartei unterstützt wird. In der Bundesvertretung der ÖH sind die Fachschaftslisten Österreichs (FLÖ) Teil der Exekutive. In Innsbruck konnte man sich bei den letzten Wahlen ein Mandat sichern. Die UFI geht auch nicht mit einer eigentlichen Spitzenkandidatin ins Rennen, wie Selina Mittermeier, die erstgereihte auf der UFI-Liste, erklärt, sondern mit einem Spitzenteam. Was das und noch mehr zu bedeuten hat, hat sie im „Zeitlos“-Interview erklärt.

Die Zeitlos: Wie bist du zur Politik gekommen bzw. was waren deine ersten konkreten Schritte dahingehend?

Selina Mittermeier: Mein erstes politisches Amt hatte ich in der Berufsschule in Knittelfeld inne. Dort trafen sich für zwei Monate alle Physiklaborantinnen und –laboranten und ich war da im Schulgemeinschaftsausschuss. Da habe ich auch gemerkt, dass wenn man will, dass sich was verändert, man sich selbst darum kümmern muss. Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass andere das für einen tun. Mir ging es immer darum, für meine eigenen Interessen einzustehen. Das hat mir meine Mutter mitgegeben. Als junge Erwachsene habe ich dann gemerkt, dass das nicht alle können und daraus entstand die Überzeugung, dass wenn ich etwas für mich erreichen kann, dann kann ich das auch für andere.

Z: Warum hast du dich dann in der Fachschaftsliste engagiert und nicht in einer quasi gemachten Gruppierung?

S: Das hat sich so entwickelt. Nach der Berufsschule habe ich auch in der Abendschule für den Schulgemeinschaftsausschuss kandidiert. Der logische Schritt für mich war dann dies auch an der Uni in der Studienrichtungsvertretung zu machen. Hier ist man direkt an der Basis, d.h. die Probleme kommen zu dir. Die Studierende benötigen Leute, die im gleichen Boot sitzen und die nicht nur kompetent sind. Bei gewissen Themen benötigt man einfach Rückendeckung. Und nach zwei Jahren wird dann mehr oder weniger die gesamte Fachschaft ausgetauscht. Die neue hat dann kein Know-how, bekommt keine Ausbildung. Man fängt bei null an. Und das, obwohl wir Studierendenvertreter in wichtigen Gremien sitzen, etwa in der Curriculumkommission, wo die Studienpläne geschrieben werden und wo entschieden wird, welche Lehrveranstaltungen die Studierende absolvieren sollen. Aber damit man auf die Arbeit vorbereitet wird, bräuchte man eigentlich eine Schulung. Das war mein Beweggrund, um die Fachschaftsarbeit besser zu machen und somit auch die ÖH.

Z: Kann man das, wenn man so will, in den politischen Gruppierungen nicht tun?

S: In der ÖH machen diese für mich nicht wirklich viel Sinn. Man merkt, dass diese an gewisse Parteiinteressen gebunden sind und wenn sie davon abweichen gibt’s irgendwelche Konflikte mit der Mutterpartei. Man merkt auch, dass sie gegenseitig gewisse Vorbehalte haben. Hier wird die Parteipolitik in die ÖH gebracht. Das muss nicht sein. Ich finde in der ÖH sollte es nur um studentische Themen gehen, egal ob das studentisches Wohnen, studentisches Arbeiten oder was auch immer ist. Diese parteipolitischen Probleme habe ich als unabhängige Fachschaftsliste nicht.

Z: Und wie wird man Spitzenkandidatin bei der Fachschaftsliste?

S: Die parteipolitischen Gruppen lieben ja diesen Posten. Das macht sich gut, wenn man später eine politische Karriere anstrebt. Uns ist die Bezeichnung total egal. Die Position der Spitzenkandidatin besteht nur deshalb, da man eine Liste abgeben muss und da stehe ich halt an erster Stelle. Das hat den Grund, dass ich die Zustellbevollmächtigte bin. Das heißt, dass ich die Organisation übernehme und die Ansprechperson bin. Wir sehen die Mandate auch nicht so, dass diese nur einer Person gehören, sondern wir teilen die Mandate. Wir sind quasi ein Spitzenteam. Wenn jemand ein Anliegen hat, das ihm wichtig ist, wo er sich gut auskennt, dann bekommt diese Person das Mandat dafür zu sprechen. Das hat den Vorteil, dass alle Fachschaften, egal ob sie Mitglied bei uns sind oder nicht, selbst zur Universitätsvertretung (UV) sprechen können. Denn es ist unmöglich, dass eine Person über alle Studien, Probleme usw. informiert ist.

Z: Die Wahlbeteiligung bei den ÖH-Wahlen ist generell niedrig. Dies war nicht immer so. Etwa in den 1960ern lag die Wahlbeteiligung bundesweit bei gut 70%. Könnte eine niedrige Wahlbeteiligung die Legitimität der ÖH untergraben?

S: Legitim ist es immer, wenn es demokratisch ist. Eine niedrige Wahlbeteiligung in einer Demokratie ist generell ein Problem. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass wenn es den Leuten grundsätzlich nicht schlecht geht, dann sehen sie kein unmittelbares Problem, das sie bekämpfen müssen. Außerdem leben wir in einer Ellbogengesellschaft. Solidarität ist ein Fremdwort und jeder kämpft für sich allein. Denn meine Prüfungen und Arbeiten schreibe ich allein, ich lerne allein. Darum ist es sinnvoll eine gute Vertretung zu haben. Ich finde jene Leute die sagen, dass es mir wichtig ist wählen zu gehen, dass diese ausschlaggebend sind. Weil zur Wahl kann jeder gehen und jeder ist informiert.

Z: Wissenschaftsminister Mitterlehner hat sein neues Reformmodell präsentiert, welches ab 2019 wirksam werden soll. Sein Plan sieht mehr Budget, mehr Personal und Ausstattung, bessere Betreuung und mehr prüfungsaktive Studien vor. Um dies zu erreichen will Mitterlehner Eignungsverfahren, Eignungstest und Zugangsregeln einführen, über die die Unis entscheiden können. Auch soll die Studienbeihilfe erhöht werden. Ein guter Plan?

S: Und das Ministerium will weniger Studierende. Ich will bessere Lehrveranstaltungen haben. Und darum geht es überhaupt nicht. Es wird zwar von Qualitätssteigerung geredet, aber was diese ausmacht, was sie beinhaltet, da kommt rein gar nichts. Das Ministerium will uns vielleicht etwas mehr Geld geben und sagt, dass wenn ihr weniger Studierende habt, dann wird das Studium besser. Das ist natürlich komplett falsch. Die guten Lehrenden bleiben gut und die schlechten bleiben schlecht und die faulen bleiben faul. Dann heißt es, dass man viele gute und neue Lehrkräfte bekommt. Aber wie schaut’s in der Praxis aus? Viele Lehrende können mit ihrer Stelle in Pension gehen. Bis es so weit ist werden sie unterrichten. Und wenn das schlechte Lehrende sind werden sie die nächsten 20 Jahre schlecht unterrichten. Da macht die Uni oder das Ministerium nichts dagegen. Was die neuen Lehrpersonen betrifft müssten diese gut und fair bezahlt werden, damit man überhaupt kompetente Leute bekommt. Wir sitzen als Studienvertretung (STV) auch in Berufungskommissionen drinnen, wo die Stellen für die Professuren ausgeschrieben werden. Wir haben hier festgestellt, dass z.B. in der Fachdidaktik Geschichte lauter Lehrende sind, die nicht die Besten sondern die Billigsten sind. Da werden Verträge immer wieder verlängert bis diese irgendwann in eine Festanstellung übergehen. Es wird an der Lehre gespart. In den Kommissionen können wir dann zwar Empfehlungen abgeben, aber am Ende stellt das Rektorat ein wen es will. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass meistens tatsächlich die billigsten eingestellt werden. So viel zur Qualität in der Lehre. Man muss auch dazu sagen, dass am Ende die Universität entscheidet, wo das Geld investiert wird. Wir haben hier an der Uni in der Physik Nobelpreisträger, wo auch die Lehrenden anders bezahlt werden. Dort fließt viel Geld hinein, was natürlich gerechtfertigt ist. Aber die geisteswissenschaftlichen Studien werden finanziell einfach vernachlässigt. Bei den Budgetverhandlungen heißt es dann, dass eh keine super Wissenschaftler hervorkommen und deshalb bekommt man weniger Geld. Aber wenn man jetzt schon unattraktive Gehälter bezahlt, dann kann man auch keine bahnbrechende Forschung betreiben. Das Ministerium muss hier einfach konkret werden. Man kann diesen Plan darauf herunterbrechen: wir geben euch zu wenig Geld und wenn weniger Leute studieren können muss das Geld ausreichen. Und Leute vom Studium abzuhalten geht für mich gar nicht. Wir haben schon die Matura, die Berufsreifeprüfung oder die Studienberechtigungsprüfung, wir müssen eine STEOP machen oder es gibt schon Aufnahmeprüfungen. Wir haben uns den Zugang zu Universitäten schon hart erarbeitet. Wir haben schon gezeigt, dass wir intelligent und fleißig genug sind um zu Studieren.

Z: Also Zugangsregeln steht ihr kritisch gegenüber. Mit welchen anderen Themen wollt ihr die Studierende auch noch überzeugen euch zu wählen?

S: Wir haben zu vielen Themen unsere Standpunkte, sei es beim studentischen Leben als auch beim studentischen Wohnen oder Arbeiten. Unser Schwerpunkt ist aber das Studium selbst, vor allem auch die Lehre. Interessanterweise sind wir die einzige Fraktion, die sich für diesen Punkt interessiert. Wir wollen einen fairen Workload. In allen Studien werden die ECTS völlig willkürlich festgelegt. Es geht auch um faire Prüfungen. So kann es etwa nicht sein, dass ich bei mündlichen Prüfungen auf die Tagesverfassung der Professoren angewiesen bin. Oder dass man die Prüfungsergebnisse eine Woche vor dem nächsten Prüfungstermin erhaltet usw. Das interessante dabei ist, dass das alles schon im Universitätsgesetzt und der Satzung der Universität Innsbruck geregelt ist. Und unsere Aufgabe ist es das einzufordern, dass sie sich an die eigenen Regeln hält. Wichtig wäre es auch die Studierende über ihre Rechte zu informieren. So dürfte man etwa die Prüfungen fotografieren, außer es sind Multiple-Choice-Fragen.

Z: Warum macht das die ÖH nicht schon längst?

S: Die ÖH hat ein riesen Kommunikationsproblem. Wir sind leider nicht vernetzt. Deshalb fordern wir u.a. auch eine Schulung der Fachschaften für Recht und für Gremienarbeit. Das sind Punkte, die jeden von uns betreffen. Das muss verpflichtend sein. Auch muss man den Studierenden eine Rundmail schreiben, wo genau das drinnen steht und nicht nur wann irgendwo ein Fest ist.

Z: Und was sind sonst noch eure Kernforderungen?

S: Für uns ist auch noch die Digitalisierung wichtig. Zum einen Livestreams. Aber auch OLAT-Kurse für alle Lehrveranstaltungen. Und dass dort alle kompletten Vorlesungsunterlagen hochgeladen und abrufbar sind. Dazu gäbe es bereits eine entsprechende Gesetzesnovelle. Es bräuchte nur mehr Druck der ÖH, damit dies geschieht und damit die Fachschaft Rückhalt bekommt. Wir sind auch der Meinung, dass man Rücksicht auf berufstätige Studierende und auf solche mit Kind nehmen muss. Hier bietet sich E-Learning an. Wir wollen auch von der Drittmittelfinanzierung weg, da dies stark die Lehre beeinflusst. Denn wenn die Lehrenden damit beschäftigt sind Projekte einzuwerben, bleibt für die Lehre nicht mehr viel Zeit übrig und wir haben diese 0815-Lehrveranstaltungen. Und darunter leidet auch die Qualität. Es wäre auch wichtig, dass man möglichst viele freie Wahlfächer neben wichtigen Pflichtfächern hätte. Wenn wir alle ein vorgefertigtes Curriculum haben mit lauter Pflichtveranstaltungen, dann haben wir alle einen vorgegebenen Stundenplan. Da ist keine Selbstständigkeit drinnen. Das hat nichts mit freier Lehre zu tun. Und das meinen wir wenn wir sagen, dass Studierende bei den Curricula mitbestimmen sollen. Wir sind auch gegen sinnlose Voraussetzungsketten. Wenn Kurse aufeinander aufbauen macht dies ja durchaus Sinn. In der Erziehungswissenschaft z.B., wo es 100-prozentige Abhängigkeitsketten gibt, sind diese Voraussetzungen aber sinnlos.

Z: Ihr habt ja durchaus verständliche Punkte. Mir ist aber aufgefallen, dass es von euch keine Wahlplakate oder sonst Werbung gibt. Wie bringt ihr dann eure Forderungen unter die Studierende?

S: Dass wir nicht groß Wahlkampf betreiben liegt einfach daran, dass wir kein Geld haben. Daneben bin ich auch der Meinung, dass Plakate nicht unbedingt viel Inhalt transportieren. Im Endeffekt verlassen wir uns darauf, dass Studierende, die wählen gehen, dann auch informiert sind und sich überlegen, ob sie eine unabhängige Fachschaftsliste wollen oder eine parteipolitische Fraktion. Wir sind ja eigentlich auch schon bekannt durch UNIKORN. Daraus ist dann die UFI geworden. Wir werden auch noch unsere zwei Rundmails verschicken und auch noch auf Facebook Werbung machen und wir werden v.a. die Leute direkt ansprechen.

Z: Letzte Frage: was hast du als Spitzenkandidatin für Fragen an die Studierenden bzw. was willst du von ihnen gerne wissen?

S: Gute Frage…Ich würde gerne wissen, ob sie bei der Fachschaftsliste mitmachen würden. Von jedem Einzelnen würde ich außerdem gerne wissen, was es braucht um sie zu motivieren in der ÖH tätig zu werden und mitzumachen. Mich würde auch interessieren was sie meinen was für das Studium wichtig ist und welche Punkte und Einrichtungen verbessert werden können.

Z: Danke für das Gespräch.

Foto: UFI

Bisher erschienene Interviews: AG, GRAS, JUNOS, KSV-KJÖ, RFS

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