ÖH-Wahl 2017 #2: Die Grünen & Alternativen Student_innen (GRAS) im Interview

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Bei den letzten ÖH-Wahlen von vor zwei Jahren erhielten die Grünen & Alternativen Student_innen (GRAS) gut 17 Prozent der Stimmen. Damit wurde man zwar zweitstärkste Kraft in Innsbruck, jedoch verlor man ein Mandat in der Universitätsvertretung, welches an die AG ging. Um den Spieß wieder umzudrehen versuchen es die GRAS diesmal mit den beiden Spitzenkandidatinnen Barbara Neßler und Hannah von Czettritz. „Die Zeitlos“ hat sich mit den beiden Studentinnen getroffen um sie und Ihr Programm besser kennen zu lernen.

Die Zeitlos: Wie seid ihr zur Politik gekommen bzw. was waren euren ersten konkreten Schritte dahingehend?

Barbara Neßler: Als Kind bzw. als junger Mensch hat man den mehr oder weniger ausgeprägten Drang die „Welt zu retten“. Dann wird man älter und versteht, dass die Welt in dem Sinn zwar nicht gerettet, aber in einigen Bereichen verändert werden kann. Ich habe z.B. im Flüchtlingsheim gearbeitet und studiere jetzt nicht ohne Grund Lehramt. Am Anfang war das Studieren für mich wie so ein Zauber, aber nach und nach erkennt man die Probleme auf der Uni bzw. am Studieren. Ich hab viele Sachen gesehen, die besser gemacht bzw. verändert gehören. Irgendwann bringt es einem selber nichts mehr sich aufzuregen, aber nichts dagegen zu unternehmen. Also hab ich mich entschlossen bei GRAS aktiv zu werden. Bei den heurigen ÖH-Wahlen bin ich gemeinsam mit der Hannah Spitzenkandidatin, und auch wenn die Arbeit bei GRAS im Moment viel Zeit erfordert, gibt es etwas das sich Idealismus nennt.

Hannah von Czettritz: Auch ich hatte schon immer einen gewissen Hang zum Idealismus. Dabei wurde, als ich jünger war, in meiner Familie kaum über politisches gesprochen, denn ererbtes Vorurteil war, dass Politik ein dreckiges Geschäft sei. Irgendwann haben wir das gemeinsam überwunden und ich habe angefangen mich bei parteiunabhängigen Umweltorganisationen zu engagieren. Nach kurzer Zeit wurde der Aktivismus etwas, das meinen Bruder und mich verband und inzwischen ist meine ganze Familie politisch aktiv. In die Parteipolitik zu wechseln war ein großer Schritt, aber trotz aller Kritik finde ich es sehr wichtig, dass sich junge Menschen an politischen Prozessen beteiligen. Die GRAS verbindet für mich allgemeinen Aktivismus mit der Fraktionsarbeit in den Gremien der ÖH. Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt in einer Organisation.

Z: Ihr seid die einzige Doppelspitze einer Studierendenpartei, die heuer an den ÖH-Wahlen in Innsbruck teilnimmt. Wie wird man denn Spitzenkandidatin bei den GRAS?

Prinzipiell sind wir antiautoritär und basisdemokratisch eingestellt. Deshalb auch die Doppelspitze als Zeichen, dass wir als ein großes Team mit gemeinsamen Anliegen antreten. Wir stellen Inhalte in den Vordergrund und lehnen den von manchen Fraktionen betriebenen Personenkult ab. Es wird schlussendlich bei unseren Versammlungen und im Kollektiv auf dich zugegangen und im Konsens und gemeinschaftlich entschieden wer Spitzenkandidatin oder Spitzenkandidat wird. Spitzenkandidatinnen oder -kandidaten sehen wir mehr als Formsache. Auch im Wahlkampf können sich alle interessierten Menschen bei uns gleichermaßen an Aufgaben und Entscheidungen aktiv beteiligen.

Z: Die Wahlbeteiligung bei den ÖH-Wahlen ist generell niedrig. Dies war nicht immer so. Etwa in den 1960ern lag die Wahlbeteiligung bundesweit bei gut 70%. Glaubt ihr, dass eine niedrige Wahlbeteiligung die Legitimität der ÖH untergraben könnte, v.a. im Hinblick darauf, wenn man Druck auf die Politik ausüben möchte?

Die mittlerweile sehr niedere Wahlbeteiligung finden wir sehr traurig und natürlich verschlechtert sie österreichweit die Verhandlungsposition der Studierendenvertretungen. Die aktuelle Innsbrucker ÖH unter der AG vermittelt das Bild einer Studierendenvertretung, die sich ausschließlich auf Service konzentriert. Kein Wunder, dass Studierende für Service nicht zur Wahl gehen, denn Service ist nichts das gewählt werden muss. Service ist das absolute Minimum. Politische Vertretung wird gewählt. Viele Studierende gehen auf uns zu und fragen, was die ÖH Innsbruck ist und was sie denn überhaupt macht. Das zeigt, dass zum einen nicht mal der Mindestanspruch des guten Service derzeit erfüllt wird, von allem weiteren ganz zu schweigen. Wir stehen für eine aktive, kritische und laute ÖH mit inhaltlichen Forderungen. Eine laute, aktive ÖH kann und wird auch politischen Einfluss haben. Als Opposition sind wir im Gespräch mit der Stadt Innsbruck zur Wiedereinführung der Mietzinsbeihilfe und der Auflösung der Altersgrenze beim Öffi-Ticket. Wir wollen in die Exekutive, um unseren Forderungen noch mehr Nachdruck verleihen zu können und die Situation für alle Studierenden endlich zu verbessern.

Z: Wissenschaftsminister Mitterlehner hat Ende Apirl sein neues Reformmodell präsentiert, welches ab 2019 wirksam werden soll. Sein Plan sieht mehr Budget, mehr Personal und Ausstattung, bessere Betreuung und mehr prüfungsaktive Studien vor. Um dies zu erreichen will Mitterlehner Eignungsverfahren, Eignungstest und Zugangsregeln einführen, über deren Einführung die Unis selbst entscheiden können. Auch soll die Studienbeihilfe erhöht werden. Ein guter Plan?

H: Bildung hat immer einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Es kann nicht das Ziel der Politik sein weniger Menschen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Mit diesen Forderungen will man sich nur aus der Affäre ziehen langfristig zu investieren. Das Problem ist, dass unsere Universitäten chronisch unterfinanziert sind und nicht, dass zu viele junge Menschen sich bilden möchten. Eine Gesellschaft leidet unter einer Elitenförderung, in der der Zugang zu Universitäten vom Einkommen der Eltern abhängig ist oder der Möglichkeit sich Monate lang frei zu nehmen, um für einen Aufnahmetest zu lernen. Deshalb sind wir für einen offenen und freien Hochschulzugang, gegen jede Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren. Wir fordern die Ausfinanzierung des Hochschulsektors und ein auf Studierende ausgerichtetes Studium. Wir sind gegen Knockout-Prüfungen und für eine faire Orientierungsphase, zum Beispiel in Form eines sogenannten studium generale.

B: Mitterlehner meinte „Wer keinen Studienplatz in einem Fach bekommt, könne an Fachhochschulen wechseln oder ein anderes unbeschränktes Unistudium belegen“. Dies ist in unseren Augen nicht vertretbar und darf nicht zur Realität werden. Dass junge, motivierte Maturaabsolventinnen und -absolventen, die gerne Psychologie studieren würden, auf weniger stark ausgelasteten Studiengänge, wie Ingenieurwissenschaften oder Weltraumwissenschaften, ausweichen sollen, ist Nonsens. Die Universitäten müssen besser finanziert werden, aber nicht auf Kosten von Studierenden.

Z: Ihr habt jetzt schon einige Themen vorweggenommen, mit denen ihr versucht die Innsbrucker Studierende zu überzeugen. Mit welchen anderen Themen wollt ihr noch besonders punkten?

H: Wir erleben momentan den Zustand einer sehr passiven, energielosen ÖH, geführt von einer absoluten Mehrheit der ÖVP-nahen AG. Als die Wartefrist für die Mietzinsbeihilfe eingeführt wurde, sah die AG in Funktion der ÖH nicht nur passiv zu, sondern bezog sich in einer Presseaussendung sogar positiv auf ein Forderungspapier der Tiroler Sozialpartnerinnen und -partner, in dem eine Wartefrist gefordert wurde. Für viele Studierende wurde Wohnen noch teurer. Ein Paradebeispiel für die Politik der AG. Schließlich waren wir es, die eine Unterschriftenaktion initiierten und damit über 4000 Unterschriften gegen die Abschaffung der Mietzinsbeihilfe sammelten und dem zuständigen Stadtrat Andreas Wanker (ÖVP) übergaben. Wir bleiben widerständig und setzen uns aktiv für Studierende ein. Sowohl bei der Mietzinsbeihilfe, als auch bei der unsäglichen Altersgrenze beim Öffi-Ticket ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

B: Zudem wollen wir das Studium grundsätzlich unkomplizierter und kostengünstiger gestalten. Momentan sind die Studierenden gezwungen Skripte und Lernmaterialien zu kopieren, auszudrucken und Bücher zu kaufen. Dadurch fallen hohe Kosten und ein unnötiger Papierverbrauch an. Die Studierenden sollen freien Zugang zu allen Lernmaterialien, E-Books, digitalen Skripten und wissenschaftlichen Publikationen haben. Zwei Drittel der Studierenden sind gezwungen 20 Stunden oder mehr pro Woche zu arbeiten, um sich ihr Studium leisten zu können. Dadurch haben sie auch oft nicht die Möglichkeit, alle Vorlesungen zu besuchen. Deshalb fordern wir, dass alle Vorlesungen aufgezeichnet und online gestellt werden. Für ein selbstbestimmtes, ökologisches und soziales Studium. Daneben fordern wir auch die Abschaffung der Lateinergänzungsprüfung, mehr Auswahl an Seminaren und mehr individuelle Wahlmöglichkeiten innerhalb des Curriculums.

Z: Zwischen der Grünen Bundespartei und den Jungen Grünen kam es ja zum Streit. Es ging darum, dass die Jungen Grünen in Graz und Linz mit einer anderen Grünen Liste an den ÖH-Wahlen teilnehmen wollten. Dies führte schlussendlich dazu, dass die Jungen Grünen aus der Parteiorganisation ausgeschlossen wurden. Glaubt ihr, dass dies Auswirkungen auf die ÖH-Wahlen hier in Innsbruck haben könnte? 

Dieser Konflikt spielt hier in Tirol keine Rolle. Wir sind die einzige grüne Studierendenfraktion und die Arbeit mit der Partei ist nach wie vor sehr konstruktiv und produktiv. Wir alle in Tirol konzentrieren uns auf Inhalte und Sachpolitik. Die ÖH Innsbruck endlich zu einer relevanten Playerin in der Politik machen, endlich aktiv für alle Studierende eintreten – dafür kämpfen und arbeiten wir.

Z: Letzte Frage: Was habt ihr als Spitzenkandidatinnen für Fragen an die Studierenden bzw. was würdet ihr gerne von ihnen wissen?

B: Da ich viel mit Studierenden diskutiere und reflektiere, nicht nur innerhalb des Wahlkampfes, weiß ich ungefähr was sie innerhalb des Unikontextes beschäftigt. Mir tut es nur leid, dass wir in der Opposition ihre Anliegen nicht wirklich angehen können. Darum wünsche ich mir eine Veränderung in der Unipolitiklandschaft. Was mich immer freut ist, wenn Studierende sich bei uns melden und Ideen, Anmerkungen und so weiter einbringen.

H: Generell interessieren mich natürlich alle Gedanken, die sich Studierende über die Uni machen. Ich studiere ausschließlich an der Sowi und manchmal ist es da schwierig sich in seinen Forderungen und mit dem eigenen Engagement gleichermaßen auf alle Standorte zu konzentrieren. Das wird uns aber zum Glück durch den ständigen direkten Dialog erleichtert.

Z: Danke für das Interview.

Foto: Matthäus Masè

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