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Interview mit Kerosin95

Am Freitag, 06.05.2022 vor der Bäckerei in Innsbruck. Menschen stehen im leichten Nieselregen, rauchen, trinken, reden und lachen. Und alle warten. Warten, auf ein Konzert, auf das sie bestimmt lange gewartet haben. Kerosin95 tritt auf. Zwei Redakteurinnen von Die Zeitlos hatten die Möglichkeit, im Vorhinein ein Interview zu führen. 

Von Wien ausgehend inspiriert Kerosin95 seit 2019 den deutschsprachigen Raum und bricht mit Genre-, Text- und Performancekonventionen. Auf clevere und kontrastreiche Art und Weise werden Geschlechternormen dekonstruiert – außerdem geht es viel um FLINTA*- Empowerment und Raumeinnahme. 2021 wurde das erste Album Volume 1veröffentlicht, 2022 die EP Trans Agenda Dynastie. Wir treffen uns in der Kulturbackstube Die Bäckerei. In einem hellen Raum sitzen wir uns gegenüber. Die lockere und angehnehme Art des Gesprächs lässt unsere Nervosität abflachen. 

Die Zeitlos: Warum eigentlich der Name Kerosin? 

Kerosin95: Warum der Name? Boah… Einfach so. Es ist immer so das Ding mit Namen, habe ich das Gefühl, für Kunstzeug, dass Leute immer glauben, dass so viel meaning dahinter ist. Vielleicht ist auch bei vielen Projekten meaning dahinter aber (…) meistens passiert das einfach nur so. Vielleicht eine Zahl und irgendwas Cooles, das groß klingt. Der Name ist einfach so unglaublich bedeutungslos, außer dass ich im Jahr 1995 geboren bin. 

Was gibt dir Kerosin95 als Projekt?

Ich glaube es ist ein bisschen phasenweise, was es mir gibt, oder was es mir nicht gibt, oder was ich gern hätte. Es ist Ausdrucksmittel, Tagebuch, Therapie, als großer Faktor Lohnarbeit, was nicht immer funktionier. Eigentlich ist es viel unbezahlte Lohnarbeit, und für mich ein Projekt, in dem ich eine weirde, immer größere Bühne habe, was einfach schräg ist. Also nicht nur Bühne im Sinne von Konzertbühne, sondern Bühne im Sinne von Aufmerksamkeit, mit der ich versuche, so vorsichtig und verantwortungsbewusst, wie ich kann, umzugehen. Ich finde es immer noch komisch, dieses Machtverhältnis. Oder dass ihr jetzt kommt, und euch für mich interessiert – ich kenne euch nicht. Das sind so Dynamiken, wo ich mir immer noch denke:“ hä?“ Voll komisch eigentlich. Aber das entsteht halt dann, und ich denke mir, das ist halt dann so, durch diesen schrägen Job irgendwie. Und ich will damit vorsichtig umgehen, daher heißt das Projekt für mich auch „wie gehe ich mit der Verantwortung um, diese Bühne zu nutzen? Wie will ich sie überhaupt nutzen, wie will ich die Kunst nutzen, die ich mache? Was will ich transportieren? Was kann der Ausdruck überhaupt sein, wenn man sagt, Künstler*innen drücken sich aus, Musikschaffende drücken sich aus?“ Das geht für mich weit über Kreatives hinaus. Ab und zu hätte ich gern, dass ich meine Bühne politisch nutzen kann aber es funktioniert manchmal nicht, und manchmal wieder. 

Was sind Hindernisse oder Herausforderungen, die du in der Musikbranche erlebst? 

Also als queere Person, als Trans-Person gibt es eine Palette von Bullshit, an Diskriminierungserfahrungen, das ist ein großes Hindernis. Das ist gewöhnungsbedürftig. Aber ich habe auch noch nie von einem Job gehört von anderen Leuten, wo es diese Hindernisse nicht geben würde, von anderen FLINTA*s. Wenn mir jemand mal davon erzählt, werde ich fix den Job wechseln (lacht). Es passiert sehr viel im Hintergrund, was Menschen nicht sehen. Die Arbeit, die ich jetzt hier mit euch mache oder die ich auf der Bühne verbringe, das sind insgesamt ca. 5% der Arbeit, die ich eigentlich mache. Der Rest ist wirklich Organisation, Logistik, Management, Ausdenken, ein bisschen Studio-Arbeit, damit überhaupt die Musik entsteht, oder Videos, Fotos, alles Kreative. Ich habe noch nicht die Ressourcen, den Job ein bisschen weniger hinderlich zu machen, weil ich sehr viel Arbeit selbst machen muss. Ich zahle zwar schon sehr viele Leut‘, und gönn‘ mir sehr viel, dass Arbeit abgenommen wird, aber dann wird’s halt wieder zur Lohnarbeit. Das ist ein großes Hindernis, wie prekär eigentlich die Selbstständigkeit ist. Ich glaube aber nicht, dass das nur Kunstschaffende betrifft. Aber in dem Job sind auf jeden Fall Hindernisse: Diskriminierungserfahrungen, schräge Verantwortung im Machtverhältnis und prekärer Scheiß. Das wär‘ so eine Summary. 

Weil die Tour gerade startet: Welche Gefühle verbindest du damit? Wie geht es dir damit, dass es jetzt los geht? 

Ich bin schon sehr anxious irgendwie, weil ich sonst nicht mehr in so vielen Menschenmengen bin und die Vorstellung, dass ich so einen Abend moderieren muss, finde ich voll nervig irgendwie. Ich glaube, ich komme erst wieder hinein in das. Kerosin ist halt nicht nur Kem, ich als Privatperson, sondern auch eine Figur, in die ich mich hineinwerfen kann, wenn ich Bock habe. Aber so selbstsicher wie diese ganzen Texte, die da sind, bin ich auch nicht. Ich bin eher verunsichert grad und schau mir das alles an heute und chill‘ vielleicht einfach mal. Mal schauen. 

Worum ging‘s dir bei der neuen EP? 

Eigentlich um ballern und flexen, und geil, groß, arg, lustig, eigentlich wie vorher auch, nur mit weniger… na, einfach mehr ballern und flexen. Es ist auch einfach nur musikalisch eine neue Sammlung an Musik in einer Platte. Und nicht so: „Okay, musikalisches Konzept, fette Songs“, sondern: „Des ham ma gmocht, des ist die Plattn, sie heißt Trans Agenda Dynastie“, weil: wieso nicht. Also da ist jetzt auch nicht immer das riesen meaning dahinter. Es ist eine Trans Agenda Dynastie in sich selbst.

Da wir ein Innsbrucker Studierendenmagazin sind: Verbindet dich etwas mit der Stadt? Warum startet die Tour hier?

Weil sie auf der Route ist und weil die Veranstalter*innen an dem Tag Zeit für die Show hatten. Ich war schonmal hier, aber nur zum Arbeiten im Bühnenkontext und sonst zum Chillen. Ich habe auch zwei Liebis, die hier wohnen und die schaff‘ ich leider nie zu besuchen. Aber sie kommen zum Glück heute Abend. Sonst verbinde ich nichts mit der Stadt, ich habe wenig Bezug dazu. Ich bin halt auch am Land aufgewachsen und hab in Wien gelebt also ich habe nicht viel Bezug zu anderen Städten außer, wenn ich da arbeite oder hinfahre. Aber umso geiler einen Bezug zu haben oder zu kriegen, weil ich fände es mal so spannend zu wissen, was die ganzen Gays und FLI*NTAs hier alle so machen.

Das Musikvideo für Trans Agenda Dynastie ist mir aufwändiger erschienen als die vorherigen. Wir haben uns gefragt, wie das so war. 

Ja es war eine sehr große, coole Produktion, die größte Produktion, die ich jemals in einem Video gemacht habe. Also voll aufwändig aber auch voll schön. Ich bin mega zufrieden mit dem Ergebnis, ich hab‘ mich richtig geehrt gefühlt, dass so viele Leut‘ im Video mit mir gemeinsam waren und so ihre Performance zur Verfügung gestellt haben. Und ich bin sehr happy mit dem Ergebnis. 

Was inspiriert dich zum Musikmachen? Hast du einen Ort? 

Mich inspirieren viele verschiedene Sachen, die sich um mein Leben drehen. Einen Ort: gibt es nicht – immer irgendwo, irgendwann. Aber ich schreibe auch nicht die ganze Zeit Musik. Die Phasen, wo Zeit dafür ist, sind sehr kurz und die sind auch eher geplant – so romantisch ist alles nicht mehr. Und es ist auch nicht nur: Ich lasse mich inspirieren und schreibe dann etwas Schönes. Es ist eher die Notwendigkeit, weil die Texte entstehen jetzt nicht aus „mmh ich lasse mich inspirieren“ sondern aus „Oh fuck ihr Wixer ich hau‘ euch in die Goschen, weil ihr habt mich grad mega verletzt.“ Texte entstehen selten aus schönen Dingen, sondern aus Frust, Trauer, aus sehr schwierigen Gefühlen. Und die lustigen Texte sind dann natürlich ein Spaß, da kann man stundenlang irgendetwas dissen. Weil eh alles funktioniert. 

Was wünscht du dir für die Zukunft sowohl für dich als auch gesellschaftlich?

Wow. Das ist eine Riesenfrage. Was ich mir gesellschaftlich wünsche? Dritter Geschlechtseintrag in Österreich. Ur-einfach available wär‘ mega geil. Das sag ich mal, weil den Rest kann man eh stundenlang diskutieren. Das wäre nice. Namensänderungen gratis in Österreich wär geil und gratis Top-Surgery. Health-Care für trans-Personen einfach leicht gemacht. Und sonst: was ich mir für mich selbst wünsche? Ganz viel chillen. Und ich würd‘ gern so ein Game auf der Playstation zocken, für das ich voll wenig Zeit habe. 

Gibt es etwas, das du Leser*innen mitgeben willst?

Ich glaube ich wünsche ihnen eine schöne Woche. Hoffentlich könnt ihr mal in der Sonne chillen. Ich kenn das von mir. Ich will nur chillen und Geld.


Bild: privat