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Von Sad-Girls und Muscle Worship – ein Abend beim Porn.Film.Fest Innsbruck

Im Rahmen des ersten Porn.Film.Fest in Innsbruck, über das meine Kolleginnen hier und hier schon ausführlich berichteten, besuchte auch ich am vierten Veranstaltungstag die beiden Filme „Die traurigen Mädchen aus den Bergen“ und „I am the tigress“. Zwei unglaublich eindrucksvolle Kinoerfahrungen, die dennoch unterschiedlicher nicht sein hätten können. 

Die traurigen Mädchen aus den Bergen 

In Form einer Mockumentary, einem fiktionalen Dokumentarfilm, nähert sich die Regie rund um Candy Flip und Theo Meow dem Problem der postmodernen Traurigkeit im durch das Patriachat getragenen Unrechtssystem nicht nur an, es wird den Zuseher*innen auf humorvolle, skurrile, exotische und unzensierte Art klar gemacht. 

Die vier jungen Mädchen Momo, Selma, Tess und Lara verschanzen sich, ausgestattet mit einer klar feministischen Haltung, einigen Kameras und reichlich Traurigkeit über die herrschenden Umstände in einer verlassenen Bergregion Osteuropas. Von dort produzieren sie Pornos durch deren Verkauf sie ihre depressive Existenz finanzieren. Das restliche Geld fließt an kurdische Frauenmilizen der PKK. Die PKK ist eine in Europa als Terrororgansiation eingestufte kurdische Arbeiterpartei, die in der Osttürkei und Syrien einen bewaffneten Widerstand gegen den IS leistet. Durch diese Verbindungen ins Terrormilieu sind sie nicht nur ein gefundenes Fressen der Boulevardpresse im Sommerloch und einer europaweit agierenden Staatsanwaltschaft. 

Der Dokumentarfilmer Gonzo (Hendrik Adams) will seine journalistische Karriere um eine Erfolgsdoku erweitern und reißt mit seiner Assistentin Katharina Hübner ins Auge des Geschehens. In der verlassenen Hütte der Frauen angekommen, wird aus dem abgebrühten und hippen End-Millennial ein verunsicherter Mann, der sich dem erotischen Sog der vier jungen Frauen und ihren klaren Ansagen gegen das Patriachat nicht mehr recht zu entziehen weiß. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so geplant scheint, werden die Zuseher*innen in Stromberg-Manier ganz gewollt aus der Behind-the-Scenes Perspektive Teil dieses Prozesses. Dies führt zu humorvollen, aber auch plakativen Momenten, beispielsweise wenn es zwischen Gonzo und den Sad-Girls zuerst zum heftigen Theorieschlagabtausch und später dann zum sexuellen Exzess kommt. Obwohl es zwischenzeitlich so scheint, als würde der traurige Widerstand und das Instrumentalisieren des männlichen Blicks zum Zwecke der Revolution tatsächlich zu einem Wandel der Gesellschaft beitragen, aber das Porno-Projekt schmeitert und der Film endet mit einem männlichen Monolog von Gonzo. Dies mag zwar ernüchternd wirken, ist aber klug gewählt, so gibt es den Protagonistinnen und ihrer Anfangsthese letzten Endes recht und bildet einen roten Faden der Traurigkeit.  

Generell setzt der Film auf ein gewisses politisches Basiswissen feministischer Klassiker und auf Vorerfahrungen mit diesem Pornogenre, um alle Pointen begreifen zu können. Der Film löste in mir unterschiedlichste Emotionen aus, von herzhaften Lachern, über (wenn auch unbegründetes) Unbehagen, bis zu nachdenklichen, schon fast pessimistisch Seufzern. So kam ein rundes Filmerlebnis zustande, das mich noch lange über die angeschnittenen Themen nachdenken ließ. 

I am the tigress

Die bildgewaltige Dokumentation begleitet die 47-jährige Tischa „The Tigress“ Thomas auf ihrem entbehrungsreichen Lebensweg zwischen unterschiedlichsten Rollen, die alle gleichermaßen von Weiblichkeit und dem Verhältnis zum eignen Körper handeln.

Da ist zum einen Tischa die Bodybuilderin. Durch strickte Diätpläne und knallharte Trainingseinheiten, stählt sie ihren Körper bis hin zur Perfektion. Be- und fast verwundernde Muskelmassen werden mit Hilfe von Bräunungsspray und künstlichen Licht-Schatten-Kontrasten eindrucksvoll in Szene gesetzt. Als Tischa bei ihrem ersten internationalen Bodybuildung-Wettbewerb in Bukarest durch eine Lebensmittelvergiftung und andere unglückliche Umstände nur auf dem sechsten Platz landet ist die Verzweiflung groß. Es wird deutlich, dass hinter dem ernüchternden Ergebnis mehr steckt als sportliche Enttäuschung, Tischa steht unter dem finanziellen Druck, die Miete für sich und ihren Mitbewohner und besten Freund Edd verdienen zu müssen. 

Dies führt zur Rolle der Tischa als Domina. Mit ihrem Körper bedient sie in Webcam-Shows den Fetisch des „muscle worship“ und sichert so ihre Existenz. Immer wieder wird Tischa in alltäglichen Situationen und auf offener Straße von Männern für ihre Muskeln mit verächtlichen Kommentaren gestraft. In Anbetracht dessen wirken die Szenen aus ihren Webshows und mit Klienten empowernd, Tischa genießt die Wertschätzung und lässt keine Zweifel an ihrer eigenen Weiblichkeit erkennen. 

Ihr Selbstbewusstsein ist beeindruckend und gerade als die Zuseher*innen denken könnten, dass es sich bei Tischa um eine zwar leidenschaftliche, aber einsame Person handeln könnte, wird ihre Rolle als liebende (Groß-)Mutter gezeigt. Zärtlich kümmert sie sich um ihre Enkel und legt ihnen bereits im jüngsten Alter die Glaubenssätze nahe, die ihr zu Kreation des Muskelkörpers verholfen und stark an die amerikanische „Believe in yourself“-Mentalität erinnern. 

Die Dokumentation in Spielfilmlänge von Philipp Fussenegger und Dino Osmanovic, lässt einen facettenreichen und beeindruckend Blick auf die verschiedenen Aspekte der Weiblichkeit zu. Es gelingt einen persönlichen Bezug zur Protagonistin herzustellen und ich als Zuseher litt mit Trischas Enttäuschungen genauso wie mich ihr optimistischer Charakter nachhaltig beeindruckten. 

Bei diesem Artikel handelt es sich um mein subjektives Empfinden. Da es sich bei den meisten der Protagonist*innen um Frauen handelt ist es mir wichtig zu betonen, dass diese Eindrücke aus einer männlichen Perspektive heraus entstanden und keinesfalls allgemeingültig sind.

Wer Interesse an der Thematik hat und weitere Infos zu den präsentierten Filmen und zum Porn.Film.Fest 2022 sucht findet diese ihr hier:  

https://www.instagram.com/amsa.innsbruck/