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Zwischenmomente: Flânerie durch Innsbruck

Begeben wir uns auf einen Streifzug durch Innsbruck, in den Raum zwischen Beobachtung und Teilnahme am öffentlichen Leben. Das Konzept des Flanierens, des Müßiggangs und Umherwanderns durch urbane Räume wurde stark von dem Philosophen Walter Benjamin geprägt. Anders als jener perspektiviert dieser Text seine Betrachtungen jedoch nicht aus cis männlicher Position. Verfolgen wir andere Perspektiven[1], um der Realität nah zu bleiben.

Walter Benjamin[2] gilt in vielen Vorstellungen als Verkörperung von linkem intellektuellem Schicksal. Er führte ein bürgerliches und dennoch armes Leben. Seine Passagen (1982), an denen er von 1927 bis 1940 schrieb, können als eine Art Sammlung oder Montage verschiedener Bilder gesehen werden, die die durch Stadtstrukturen geprägte Wahrnehmung erkennbar machen. Benjamin ging es darum, seine Überzeugungen durch das von ihm präsentierte Material sichtbar zu machen – das Material also selbst sprechen zu lassen. Dabei spielte die Gegenwärtigkeit des Augenblicks eine entscheidende Rolle, da durch sie gesellschaftliche und kulturelle Prozesse sichtbar gemacht werden konnten. Darunter fiel u.a. die „Ware als umfassende Kulturpraxis“, in deren Zusammenhang Benjamin nicht konkret in den Waren einen Wert sah, sondern für ihn das gesellschaftliche Verhältnis der gemeinsam erbrachten Arbeit bedeutend war.


Auf meinem Heimweg durch die Stadt – mein Fahrrad schiebend, weil ich die Lichter vergessen habe und deshalb schon vor Kurzem von der Bullerei angehalten wurde. Zehn Euro und das Versprechen, mir Reflektoren zu kaufen waren der Preis. Es nieselt. Menschengruppen kommen mir entgegen oder ich ihnen – Ansichtssache. Paare überholen mich oder umgekehrt. Ein Kind mit Elternteil steht vor den Schaufenstern eines Juweliers und bewundert Schätze. Es sind viele junge Menschen unterwegs. Erst seitlich, dann meinen Weg kreuzend höre ich boah und da war so eine trotzige Fotze. Und hinter mir die Schlanke da mit dem vielen Make-up und den Nägeln, die Blonde, die ging gar nicht, so unsympathisch. Über die Straße gerufen ey wo ist eigentlich der-und-der. Ich frage mich, warum die Bullerei statt Geld zu kassieren nicht einfach Fahrradlichter verteilt. Für die akute Gewährleistung von Sicherheit im Verkehr oder so. Mit meinem Rad quetsche ich mich, kettenklickernd, weil sie nicht gut genug gespannt ist, an zwei jungen Menschen vorbei. Die männlich gelesene Person, die ich hier der Einfachheit halber Typ nennen werde, trägt die schwarze Lederhandtasche der weiblich gelesenen Person. Sie hat einen kurzen Henkel und sieht irgendwie knautschig aus. Die Tasche, meine ich. Die Begleitung raucht eine Zigarette. Ich möchte Typ sagen, dass die Tasche gut zu Typ passt. So mit dem schwarzen, langen Mantel, den elegant gewellten braunen Haaren, die im kühlen Licht der Straßenlaternen leicht glänzen. Als Reaktion auf mein imaginiertes Kompliment stelle ich mir Perplexität vor, auf die dann nervöses Lachen und ein komischer Spruch folgen würden, um Männlichkeit zu (re-)statuieren.

Ich biege um eine Ecke und sehe an einer Bushaltestelle einen typical skater boy, bekleidet mit baggy clothes und einer dieser Mützen, die die Ohren nicht warmhält. Die winkende Hand zu einer Rock’n’Roll-Geste geformt. So mit kleinem Finger und Zeigefinger gehoben. Das Gesicht macht einen freudigen Eindruck; die Augen zusammengekniffen, der Mund offen, sodass die Zähne sichtbar werden, passend zur Geste. Grund dafür ist typical skater boy 2, aus dem Supermarkt kommend, die Straße überquerend. Sie umarmen sich.

Wieder bin ich in der Stadt, am gleichen Ort. Diesmal habe ich Lichter dabei, höre andere Worte. Ich befinde mich auf einer mühevoll organisierten Friedenskundgebung, bei der u.a. das Tiroler Symphonieorchester, Bischof Hermann Glettler und das Kulturzetrum Treibhaus mitwirken. Ich höre: Das Unerhörte ist alltäglich geworden[3] und gerate in die verlockende Vorstellung der Abschaffung von Staaten[4], denn dann bräuchte es keinen Krieg mehr. Und ich höre Brechts Worte mit der Ungerechtigkeit von Privilegien ringen[5]. Es riecht nach den fackelartigen Kerzen, die gegen Spenden verkauft werden. Ein Orchester spielt. Die Hände des Dirigenten fließen durch ihre Bewegungen, manchmal sehen sie aus, als würden sie etwas formen. Im Hintergrund der Bühne hängt ein Bild, das zerbombte Häuser zeigt. Der Vortragende erklärt, dass es sich dabei nicht etwa um ein Bild Mariupols in der Ukraine handelt, sondern, dass Aleppo an Ramadan darauf zu sehen ist. Die Menschen im Vordergrund des Bildes brechen zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade das Fasten. Das Bild hängt dort, um darauf hinzuweisen, dass, neben dem schrecklichen Krieg in der Ukraine, andere bereits länger fortdauernde und immer wieder aufkommende Kriege hier weit weniger (mediale) Aufmerksamkeit bekommen und nicht ignoriert werden dürfen. Während dies erklärt wird, schaut sich neben mir jemand Gewichte auf willhaben an und flieht kippenqualmend okay das reicht danke, als ein Gedicht mit theologischem Bezug rezitiert wird.     

Es graupelt. Auf der Straße liegt ein Einkaufszettel: 

  • Eier
  • Aufbackbrötchen 
  • Bier 
  • Kartoffeln Zwiebeln 
  • Spaghetti 
  • Datteln 
  • Staudensellerie 
  • Ananas 

Ich frage mich, was heute wohl gegessen wird. Spaghetti mit Soße und zum Nachtisch Obst. Drei-Gänge-Menü. Frühstück (Eier, Aufbackbrötchen), Mittagessen (Spaghetti, Staudensellerie, Zwiebeln), Nachtisch (Datteln, Ananas). Bier.


[1] Lea Sauer: „Sie schauen, immer schon.“ 26.08.2019.  In: der Freitag. Die Wochenzeitung. Ausgabe 34, 2019. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sie-schauen-immer-schon (Zugriff: 08.04.2022)

[2] „Walter Benjamin – Passagenwerk. Alex Demirović im Gespräch mit der Benjamin-Kennerin Ruth Sonderegger.“ #7, 25.08.2021. tl;dr – der Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.  https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/1584 (Zugriff: 08.04.2022)

[3] Ingeborg Bachmann: „Alle Tage.“ https://www.lyrikline.org/de/gedichte/alle-tage-265 (Zugriff: 08.04.2022)

[4] John Lennon: „Imagine.“ https://genius.com/John-lennon-imagine-lyrics (Zugriff: 08.04.2022)

[5] Bertolt Brecht: „An die Nachgeborenen.“https://www.lyrikline.org/de/gedichte/die-nachgeborenen-740 (Zugriff: 08.04.2022)

Titelbild: Priska Wörl