Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Rezension: „Wenn das in die Hose geht, sind wir hin“

Nicht erst seit Sebastian Kurz‘ Aufstieg und Fall ist Österreich ist ein Füllhorn für Korruptionsskandale, verdeckte Parteienfinanzierung und sonstige Peinlichkeiten. Aber zum Glück ist das alles halb so wild: liefern doch die Mächtigen dieses Landes als Gegenleistung für die Veruntreuung von Steuergeldern stets Stoff für gute Unterhaltung – etwa für das neue Buch des Investigativ-Kabarettisten Florian Scheuba.

Schon das Cover von Wenn das in die Hose geht, sind wir hin ist ein Meisterwerk. Mit Thomas-Schmid-Zitat als Titel und der Designsprache der Kurz’schen „Neuen Volkspartei“ tut es die Absicht des Autors kund, restlos alle von Akteur*innen wie Thomas Schmid und seinem über der ÖVP schwebenden „Damokleshandy“ aufgelegten kabarettistischen Elfmeter zu verwandeln.

Florian Scheubas Schaffen ist eine Symbiose aus traditionellem österreichischem Kabarett und dem mit feiner satirischer Klinge ausgerüsteten Unterhaltungsjournalismus, dessen Wurzeln über dem Atlantik bei Moderatoren wie Jon Stewart und der von ihm groß gemachten Daily Show zu finden sind.

Die große Stärke dieses Ansatzes ist seine extreme Zugänglichkeit: Während selbst die größten Innenpolitik-Nerds auf neue, vergessene oder verdrängte Details und Zahlen aus dem hiesigen „von propagandistischen Nebelgranaten verdunkelten Trümmerfeld“ stoßen, auf das sich Scheuba, bewaffnet mit der „satirisch illuminierten Fackel der Aufklärung“ begibt, kommen auch weniger genaue Beobachter*innen des Geschehens auf ihre Kosten. So ist Wenn das in die Hose geht, sind wir hin das richtige Gegenmittel, wenn einen das Gefühl beschleicht, bei all den neu veröffentlichten Chatprotokollen und den daraus resultierenden Skandalen den Überblick ganz und gar verloren zu haben.

Auf schlanken 150 Seiten nimmt Florian Scheuba seine Leser*innenschaft mit auf eine Safari durch den  österreichischen Korruptionssumpf der letzten 20 Jahre. Einige der Stationen: Die Eurofighter-Affäre, mit deren gewaltigen Auswirkungen auf die Staatskasse (und die Kassen von korrupten Akteur*innen aus Politik und Wirtschaft) wir uns seit der ersten schwarz-blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel beschäftigen müssen; der Glücksspielkonzern Novomatic, der in fast jedem Politskandal eine Rolle spielt und etwa die Kontrolle seiner illegalen Glücksspielautomaten mit großzügigen Geldgeschenken seines Geschäftsführers an Personen im Umfeld von SPÖ-Politikern verhindert; das Ibiza-Videdo und der unrühmliche Umgang mit dessen Drahtzieher Julian Hessenthaler, der von privaten Ermittlern mit Auftraggebern aus dem Umfeld der Novomatic erfolgreich mit Dreck beworfen wurde; die menschlichen Abgründe, die sich bei der Neuaufstellung der ÖVP durch Sebastian Kurz und sein Umfeld auftaten und nun in Form von Chatprotokollen ihren Weg in die mediale Auslage gefunden haben.

 

Möchte man Wenn das in die Hose geht, sind wir hin kritisieren, fällt eingefleischten Scheuba-Fans ein gewisser „Best-of-Charakter“ auf. Immer wieder kommen „recycelte“ Formulierungen und Beschreibungen vor, die man bereits in identischer Weise in einer Kolumne gelesen oder in einem Podcast gehört hat. Aufgrund des durchgehend hohen journalistischen, humoristischen und sprachlichen Niveaus ändert das aber nichts am Gesamteindruck: Uneingeschränkte Empfehlung.

 

Florian Scheuba: Wenn das in die Hose geht, sind wir hin: Chats, Macht und Korruption. Eine Spurensuche

Erschienen am 11.04.2022 bei Zsolnay, Wien

ISBN 978-3-552-07316-6