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Ist das noch Satire oder schon die traurige Realität?

Bildausschnitte von Krieg, Propaganda, Korruption und Lügen, die sich in der ostukrainischen Provinz Donbass abspielen. Nein, das sind keine Nachrichten, sondern Ausschnitte aus dem Film namens Donbass vom ukrainischen Regisseur Sergei Loznitsa. Doch unterscheidet sich die überzogene Satire aus dem Jahr 2018 noch von der gegenwärtigen Situation in der Ukraine?

Mit grimmiger Miene betrachtet sich die ältere Frau im Spiegel. „Und das sollen Veilchen sein?“, fragt sie die Visagistin kritisch. „Tu mehr schwarz unter die Augen – mehr schwarz!“ Die Tür des Wohnanhängers geht auf und eine unfreundlich dreinblickende, russische Regieassistentin betritt den Caravan: „Kann es losgehen?“, fragt sie in die Runde und scheucht die Statist*innen aus dem Wohnwagen. Plötzlich ertönen Schüsse, laute Knalle. Die Gruppe von Schauspieler*innen rennt los. „Weiter, weiter, nicht zurückbleiben“, brüllt die Regisseurin mit durchdingender Stimme. „Nicht zurückbleiben!“ Zwischen alten, eingestürzten Häusern geht die Truppe schließlich in Deckung. Mit dem Rücken dicht an eine Mauer gepresst, warten sie, bis der Bombenangriff vorbei ist. Keuchen, schweres Atmen, hin und wieder zuckt jemand erschrocken auf, als die letzten Bomben fallen. Dann ist es endlich vorbei. Die Statist*innen treten aus dem Versteck. Jetzt sind sie dran, denn zwischen den vermeintlichen Trümmern des gespielten Angriffs warten bereits ein Kamerateam und Journalist*innen von einem russischen Nachrichtensender auf sie …

Ist das noch Satire oder schon die traurige Realität? 2018, als der Film Donbass von Sergei Loznitsa gedreht wurde, da wirkten die Szenen über den Bürgerkrieg in der ostukrainischen Provinz noch überzogen, teils wie eine absurde Farce und zynisch. Das ist nun vorbei. 2022, vier Jahr später, und fast genau einen Monat, nachdem russische Truppen in die Ukraine einmarschiert sind, bleibt einem beim Anblick der Bilder das Lachen im Hals stecken. Der Film von Loznitsa wirkt grotesk aktuell, ja fast prophetisch.

Propaganda als Kriegswaffe

Ein Mann steht an eine Laterne gefesselt in der Nähe einer Bushaltestelle ein einer kleinen Stadt, die von russischen Separatisten eingenommen wurde. Um seine Schultern ist eine ukrainische Flagge gebunden. Um den Kriegsgefangenen der ukrainischen Armee bildet sich ein Volksauflauf. Immer mehr Menschen kommen dazu – darunter großmäulige Jugendliche. Hasserfüllt beschimpfen sie den gefangenen Söldner als „Faschisten“ und lassen ihre Wut an ihm aus.
Szene aus dem Film Donbass: Anhänger*innen russischer Separatisten lassen ihre Wut an einem ukrainischen Kriegsgefangenen aus.

13 Szenen, die kaum miteinander verknüpft sind, spiegeln den Konflikt zwischen der Ukraine und der von Russland unterstützten Donezker Volksrepublik seit 2014 wider: Der ständig währende Krieg zwischen ukrainischen Regierungstruppen gegen prorussische Separation ist mittlerweile Alltag der Bewohner*innen in Donbass geworden.

„Die Realität wird nur nachgespielt, damit der Zuschauer sich in die Situation des Krieges versetzen kann. Alle Episoden im Film basieren auf echten Material, dass jemand vor Ort gefilmt hat oder auf Augenzeugenberichten. Das heißt, der Film basiert auf dokumentarischem Material.“

Regisseur Sergei Loznitsa

Gekämpft wird nicht nur mit Panzern und Bomben, sondern vielmehr mit Propaganda, Desinformationen, Korruption und Lügen. Die Wahrheit scheint längst verloren.  Der Film, wie ein Bericht von der Front, der vor allem diejenigen Momente einfängt, in denen die Unmenschlichkeit auf beiden Seiten zum Vorschein kommt.

Die Wurzeln reichen tief

Wir können Nachrichten von deutschen oder österreichischen Fernsehsendern verfolgen, uns über die aktuellen Geschehnisse, Zahlen von getöteten und geflohenen Menschen sowie über politische Maßnahmen informieren. Doch all diese Informationen kratzen nur an der Oberfläche eines Konfliktes, der viel tiefergehende Gründe hat. Wer die Auseinandersetzungen zwischen Putin, Russland und der Ukraine wirklich verstehen will, der muss auch die Wurzeln des Konflikts verstehen. Die Beweggründe des russischen Regierungschefs, der geschichtlichen Kontext, Kulturen, Traditionen und die Gefühle der Menschen vor Ort – das alles ist Teil einer tiefen Wunde, die seit Zerfall der Sowejtunion die Gesellschaft in der Ukraine und Russland prägt. Sergei Loznitsas Film bringt all das auf die Leinwand – und spiegelt die Wut und den Frust über die ausweglose Situation wider, die nicht nur der ukrainische Regisseur selbst verspürt.

“It feels like my darkest nightmare and my biggest fear have become true.”

Der Film wurde im Rahmen des PolitFilmFestival am Mittwoch den 23.März im Leokino gezeigt. Mit dem neuen Format PolitFilmFestival AKUT, bestehend aus Filmvorführung und Podiumsdiskussion, wird auf aktuelle Themen aufmerksam gemacht. „PFF AKUT“ gibt es dann, wenn sich die Ereignisse überschlagen – so wie jetzt. Beim anschließenden Plenum erzählen zwei junge Ukrainerinnen von ihren persönlichen Erfahrungen und Eindrücken.

„The whole movie is all about propaganda and how people from Russia and Ukraine get information. Even 2022, this has not changed”, sagt Sofia Darsanyia beim nachfolgenden Plenum. Die junge Georgierin ist in Mariupol aufgewachsen und nach Österreich geflohen. „When I see pictures of Mariupol now, I don’t recognise my city anymore. 85 % of the buildings are destroyed.”, erzählt sie. Und ihre Familie ist noch immer dort: “My family had to live in a bunker for 21 days without electricity, without food.”  

„It feels like we are in the Middle Age again”, fügt Tamara Maksymenko, ebefalls Geflüchtete aus der Ukraine, hinzu. “The scene with the man being judged, insulted, and abused in the street by civilists – this could be in the news right now. It feels like my darkest nightmare and my biggest fearhave become true.”


Persönliche Anmerkung:

Es ist Mittwochabend. Ich sitze in einem gemütlichen Sessel im Leokino in der kleinen, friedlichen Studierendenstadt Innsbruck. Doch der Film, den ich da anschaue, ist keine Fiktion. Das ist mehr oder weniger die Lebensrealität von Millionen von Menschen – und das nur knapp zwei Flugstunden von Innsbruck entfernt. Ich fühle mich machtlos, wie so oft, wenn ich in letzter Zeit die Nachrichten verfolge. Und doch gibt es etwas, das ich tun kann – genau wie wir alle: Zuhören, Verstehen und Helfen.  Uns ist allen bewusst, dass dieser schlimme Krieg nicht von heute auf morgen beendet sein wird. Der International Omission on Migration zufolge sind inzwischen 6,5 Millionen Menschen geflohen, und es werden noch mehr werden. Mit Spenden können wir die Menschen vor Ort, und diejenigen, die hier ankommen, unterstützen, und sie mit offenen Armen willkommen heißen. Und wir dürfen nicht aufhören weiter auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass das, was dort in der Ukraine geschieht, nicht so weiter gehen darf.

Spendenkontakte: Hier kommt die Hilfe wirklich an!

Österreich-Ukraine:

Tamara Maksymenko

tamricotam@gmail.com

www.mmdt.at

Dnipro:

www.climbarmy.org

Kharkiv:

Bodhi Ma (facebook)

Zhuraleva Marina

Kyiv:

Sergey Semichev (facebook) & Marina Semicheva (facebook)

Olga Maximenko (facebook)

Natalia Khomenko (facebook)