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Schöne Sachen können aus Naivitäten entstehen: Interview mit doppelfinger

An einem sonnigen Montagmorgen haben sich zwei Redakteurinnen vom Studierendenmagazin Die Zeitlos vor den Computer gesetzt, voller Vorfreude auf ein baldiges Gespräch. Ein Gespräch mit Clemens Bäre, vielleicht besser bekannt unter dem Künstlernamen doppelfinger. Er spricht ruhig und überlegt, hört aufmerksam zu und nach einer halben Stunde Gespräch, die so schnell wie Augenblicke vergeht, sind wir um Erkenntnisse und Lebensfreude reicher.

Der gebürtige Oberösterreicher Clemens Bäre begann schon früh damit, Musik zu machen, seit 2019 ist diese auch für andere zu hören. Er vermischt Stile und Instrumente, konstant bleibt seine ruhige Stimme. Im März erschien sein Debütalbum „by design“, gefüllt mit Weltschmerz und Trauer. Und ein bisschen Nostalgie und Hoffnung. Am Donnerstag, 19.05.2022 tritt er in der Bäckerei – Kulturbackstube Innsbruck um 19:00 Uhr auf.

Die Zeitlos: Noch einmal vielen Dank, dass du Zeit hast und Glückwunsch auch zu dem tollen Album. Zum Einstieg: Was ist eigentlich dein Lieblingskleidungsstück?

Clemens Bäre: Boah, Lieblingskleidungsstück? Wahrscheinlich der Pullover.

Mit Kapuze oder ohne?

Eigentlich ohne Kapuze.

Wie schaut ein perfekter Sonntagnachmittag für dich aus?

Ich bin ja überhaupt kein Freund von Sonntagen, weil, besonders wenn man hauptberuflich eh das macht, was einem Spaß macht, an einem Sonntag gefühlt so wenig passiert. Aber der perfekte Sonntag schaut wahrscheinlich bei mir so aus: umgeben von den wichtigen Leuten in meinem Leben und – im besten Fall – umgeben von Musik.

Warum der Name doppelfinger? Und was bedeutet diese Identität, die du dir vielleicht durch diesen Namen gibst, für dich?

Also, der Name doppelfinger, weil ich auf der rechten Hand einen doppelten Finger habe. Die Bezeichnung kommt von meiner Mutter. Es ist ein Teil von mir und es ist ein Alleinstellungsmerkmal – in irgendeiner Form. Aber es ist jetzt nicht mein bürgerlicher Name. Es gibt mir ein bisschen einen Rahmen, um mich auszutoben, trennt sich nicht ganz von mir, aber es ist auch nicht vollkommen privat. Und es war auch ein bisschen ein „Augenzwinker-Ding“, weil die Musik doch auch an manchen Stellen sehr schwer daherkommt.

Wie ist denn dein Leben außerhalb der Musik? Wer bist du da?

Vor fast einem Jahr war alles noch ein bisschen anders. Fast über den ganzen Album-Prozess habe ich Musik eher an der Seite machen müssen, leider. Ich spiele mittlerweile bei einem anderen Projekt auch noch mit und es hat dann alles ein bisschen überhandgenommen. Jetzt bin ich eigentlich seit August nur mehr im Namen der Musik tätig, was extrem schön ist. Teilweise manchmal ein bisschen überfordernd, wenn man dann durch so einen Album-Prozess gleich wieder ein bisschen Druck hat. Es ist auf jeden Fall ein Privileg, das so machen zu können und es braucht alles sehr viel Zeit und sehr viel Kopf-Space, um sich auf Konzerte vorzubereiten und Sachen zu organisieren. Das ist so eigentlich mein Leben, es besteht hauptsächlich aus Musik.

Was motiviert dich, auch wenn du sagst, es ist viel Arbeit, viel Anstrengung, zum Musik machen?

Ich glaube Sybille Berger hat das einmal gesagt, dass ein Bauarbeiter ja auch nicht aufhören kann, der kann ja auch nicht morgen nicht in die Arbeit kommen. Das klingt jetzt viel schlimmer, als ich es empfinde. Ich habe mir das schon als Kind auferlegt, weil ich selbst so ein riesiger Musikfan bin und so viel in der Musik finde und so viel Energie und Zuspruch daraus ziehe. Als Jugendlicher oder als Kind habe ich mir gedacht, dass ich das zurückgeben will. Das gibt mir so ein bisschen die Energie und den Drive, man probiert es immer wieder, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber alles ist manchmal schwierig und geistig ist es für mich persönlich einfach das Schönste.

Was gibt dir das dann, dass du Musik machst?

Es kommt auf den Rahmen an. Wenn das in einem Konzert stattfindet, dann ist das für mich als ausführende Person ein ganz anderer Moment. Es vergeht die Zeit irgendwie schneller, aber auch irgendwie nicht. Und es ist eine ganze schräg Situation. Das ist eine ganz interessante Dynamik und trotzdem ist es etwas Schönes. Wenn ich daheimsitze und Musik mache, dann gibt mir das im Sinne eines Zufluchtsortes viel. Es ist einer der wenigen Zufluchtsorte in meinem Leben der nicht ungesund ist. Alle anderen Zufluchtsorte, die ich davor gefunden habe, waren oft ungesund.

Weil du jetzt auch Publikum angesprochen hast: Was willst du denn Menschen geben, die deine Musik anhören? Hast du gewisse Messages an Menschen oder musiziert du hauptsächlich für dich selbst?

Es ist schon immer für mich selbst. Aber im Hintergedanken schon irgendwie immer präsent, dass ich hoffe, dass ich irgendwie Verständnis erzeugen kann. Dass man aus einem Konzert oder einem Song rausgeht und sich denkt: „Jedes Gefühl, sei es noch so schwierig, schlimm, gruselig oder komisch, ist valide.“ Und ich glaube, wenn man ehrlich in seinen Texten ist, kann das eh nur sein, indem ich selbst mit mir ehrlich umgehe. Vielleicht kann der Zuhörer oder die Zuhörerin sich dann darin spiegeln. Aber wenn nicht, ist das auch egal.

Und jetzt steht ja das Konzert am Donnerstag in der Bäckerei an. Was sind da so Gefühle, wenn du daran denkst? Freust du dich darauf? Freust du dich auf die Stadt?

Wir waren vor zwei Monaten oder so das letzte Mal in Innsbruck, in der Bäckerei mit dem Projekt, wo ich mitspiele. Das war sehr schön. Die Bäckerei ist so süß, ich freue mich schon sehr. Ich bin schon gespannt, weil ich glaube, dass ich noch nicht so eine große Verbindung zu Innsbruck habe, obwohl ich es privat habe, aber musikalisch kennt man mich eher weniger. Die Bäckerei ist einfach eine Location, die sehr gut passt. Ich glaube, das wird sehr schön und ich freue mich schon sehr.

Und bist du nach wie vor nervös vor Auftritten?

Lustigerweise bin ich jetzt schon ein bisschen nervös, meistens bin ich eigentlich ok, es ist nie so, dass man sich denkt: „Ok is ma wuascht“. Es wäre schlimm wenn ich mir denke: „ich bin nicht nervös“, weil dann wäre es mir nicht wichtig. Es ist ja eine Verantwortung, dass man vor mehreren Menschen irgendwie, irgendwas macht die dann vielleicht sogar Eintritt gezahlt haben. Das ist dann auch meine Verantwortung und da gehört ein gewisser Nervositätsgrundspiegel dazu und ist auch wichtig. Grad bin ich einfach ein bisschen nervös, weil in Innsbruck die erste Show ist, die wir im Duo spielen, das ist ganz etwas Neues für mich. Ich habe schonmal mit Band gespielt, aber das ist ganz frisch. Auf das freue ich mich, aber da muss man sich wahrscheinlich auch noch einpendeln und es ist ein on-going-process. Die Grundnervosität ist immer da, sogar jetzt schon, aber die ist auch irgendwie etwas Schönes.

Wenn du dir drei Dinge für die Zukunft wünschen könntest, welche wären das?

Also mich hat in den letzten Monaten am meisten beschäftigt, dass sich die Ukraine-Krise auflösen sollte. Und das ist ein naiver Wunsch, weil in Russland jemand sitzt, der relativ verrückt agiert. Das wirkt wie eine veraltete Welt, die dann anscheinend aber doch nicht mehr so weit weg ist. Unsere Generation hat das vielleicht immer etwas naiver gesehen, als es war. Ein egoistisches Ziel wäre, dass ich die Songs schreibe, die mir Spaß machen, die mir über längere Zeit Freude bereiten. Und das dritte: dass es den wichtigen Menschen in meinem Leben einfach gut geht.

Hast du irgendetwas, was du Leser*innen mitgeben willst – Tipps, Lebensmottos?

Das ist eh das 0815 Gebrabbel von Musiker*innen und Selbstständigen, die etwas machen, das sie sich selbst auferlegt haben, das nicht irgendwie in einem konventionellen Rahmen passiert. Egal wie naiv Sachen sich anfühlen oder der Wunsch sich anfühlt, es ist immer gescheiter, dass man dem folgt, als Sachen, die leicht sind. Es war für mich leicht, einen 40-Stunden Job zu haben, und mir, weil ich viel Geld verdient habe, darüber keine Sorgen habe machen müssen. Aber es hat mich nie vollendet und ich habe alles Geld, was ich verdient habe nicht gespart, sondern in etwas anderes gesteckt – in das Album gesteckt. All die finanziellen Mittel sind geflossen in den Output, den ich unbedingt machen wollte, weil ich in dieser Situation auch so unzufrieden war. Und ich glaube, es ist manchmal wichtig, etwas naiv zu bleiben und sich selbst ein bisschen zu vertrauen, auch wenn man es nicht gern tut. Aber es ist viel wichtiger, als den einfach Weg zu suchen und zu sagen: „Ich lasse mich in meiner Komfortzone irgendwie in Ruhe“. Ich glaube, das ist etwas Schönes.

Und es ist etwas Schönes dabei herausgekommen, oder?

Ja das hoffe ich, das ist das Ding: Es ist nicht mehr meins, ich habe zweieinhalb Jahre damit verbracht, dieses Ding zu beurteilen und jetzt ist es draußen und es ist nicht mehr meins und ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken. Aber es ist etwas Schönes damit entstanden, weil ich einen Schritt gesetzt habe und gesagt habe: „Ok, mir ist das wichtig, und ich möchte das machen.“ Das hat mir auch wieder etwas gegeben. Und ich glaube, schöne Sachen können auch aus Nativitäten entstehen, und ich darf das selbst nicht vergessen. Man rastet oft viel zu sehr in seinen Gewohnheiten. Eigentlich wäre es leichter zu sagen: „Ich arbeite in einer großen Firma“. In der Gesellschaft ist es leichter zu sagen: „Lohnarbeit und geht schon“. Ich finde es wichtig, jungen Menschen den Mut zu geben, da auszubrechen.

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Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Bettina Plangg erstellt.

Beitragsbild: Sophie Löw
Bilder im Beitrag: Alex Gotter

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