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Abends auf einem Poetry-Slam

Scheinwerfer an. Jetzt kommt die Show, auf die Sie gewartet haben. Die Spannung knistert nur so in der Luft. Wart mal, scheiße, ich bin zu früh da! Es ist fast niemand hier. Was sagen Sie? Maskenpflicht? Verzeihen Sie, ich dachte, das hier wäre mehr so wie eine Bar. Zeitschriften hier hinlegen? Ach ja, sehen Sie, ich bin nämlich im Auftrag von dem Magazin die Zeitlos hier. Kennen Sie nicht? Es ist ein Studierendenmagazin. Hier ist unsere Print-Ausgabe, falls Sie mal durchblättern wollen. Wir haben auch ein Onlinemagazin. Na gut, ich leg mal meinen Mantel ab. Ok fuck, was jetzt? Ich geh lieber wieder raus, bis mehr Menschen da sind.

Ach, da sind Skateboarder am Landhausplatz. Skateboarder fand ich immer cool. Hey, dich kenn ich doch? Und, wie geht’s der Nina? Also ihr seid jetzt zusammen? Freut mich für euch. Was ich hier mache? Ich bin dort gegenüber beim Poetry-Slam. Es waren nicht viele Leute da, dann bin ich erstmal abgehauen. Schau‘ mal einer diese Skateboarder an! Und der da drüben ist ja mal attraktiv! Donnerwetter! Naja, jedenfalls gehe ich wieder rein. Hey du, grüß die Nina von mir! Ciao!

Okay, ich bin wieder im Theater. Ich setz‘ mich mal hin und schau ganz ernst, als ob ich etwas Kluges denken würde, irgendetwas Journalistisches eben. Ach, der hinter mir sitzt auch allein. Guten Tag, dürft ich Ihnen ein paar Fragen stellen für einen Artikel, den ich gerade schreibe? Ein Studierendenmagazin. Die Zeitlos nennt es sich. So? Sie kommen schon seit sieben Jahren zu den Poetry-Slams hier in Innsbruck? Faszinierend! Und Sie können die Abende besonders empfehlen, wo das Lesen der Gedichte mit Jazz begleitet wird oder Gedichte in einem Dialekt verfasst werden? Das würde ich gerne einmal miterleben. Sie haben recht, es ist einfach cool, dass sich Leute das trauen und uns an ihren Werken teilhaben lassen. Künstler*innen sehen oft Sachen, die man selbst nicht erkennt und damit schaffen sie es, manch eine zuschauende Person aus seiner/ihrer Bubble zu stoßen. Wie bitte? Verzeihen Sie, ich war mit meinen Gedanken anderswo. Markus Köhle? Nein, den kenne ich nicht. Ach wirklich, einer der Hauptbegründer der Poetry-Slam-Szene in Innsbruck… Ich merke mir seinen Namen! Vielen Dank!

Ach gut, jetzt geht es los. Scheinwerfer an. Nun kommt die Show, auf die Sie gewartet haben. Die Spannung knistert nur so in der Luft. Ein Moderator kommt auf die Bühne. Sein T-Shirt glitzert recht stark. Ist das ein Tiger darauf? So so, er erklärt, wie das ganze heute Abend ablaufen wird. Aha, interessant, aber hoffentlich redet er nicht immer so lange…Haha, ein paar Dinge, die er sagt, bringen mich doch zum Schmunzeln. Als nächstes sollen wir den Applaus trainieren. So als kleines Aufwärmen kann man das schon machen. Ach wirklich? Meinen Sie, wir hätten nicht laut genug geklatscht? Guter Herr, haben Sie vergessen, dass wir stolze Habsburger sind? Das ziemt sich doch nicht. Herr Gott, wir sind doch keine Barbaren!

Endlich die Vortragenden. Eine Frau beginnt. Ich glaube, es ist ihr erstes Mal. Hey, dafür war sie ganz gut! Ich gebe ihr mal eine drei. Habe ich mir das richtig gemerkt? Wenn uns jemand gefällt, ist die höchste Bewertung eine fünf und die schlechteste Bewertung wäre dann eine eins. Genau umgekehrt von dem, was man in der Schule gewöhnt ist. Als nächstes wieder der glitzernde Tiger. Wir sollen ein Stichwort aussuchen, um uns das Gesprochene besser merken zu können und derjenige, der das Stichwort sagt, bekommt ein Schokoei. Gut, ist ja witzig, irgendwie.

Die nächste Person kommt an die Reihe. Eine große Frau mit slawischen Gesichtszügen. Hmm, klingt ein bisschen wie das erste Gedicht. Nein warte, da regt sich etwas in mir. Was für ein schöner Vergleich! Und jetzt spürt man wirklich, wie die Emotionen bei ihr rauskommen. Sehr schön. Applaus, Applaus. Ich denke, ich gebe ihr eine vier.

Der glitzernde Tiger springt nochmal auf die Bühne und wirft ein paar Schokoeier auf unsere Köpfe. Jetzt sollen wir ihm nachrufen. Wie nochmal? Po-Po-Poetry-Slam Oida! Interessant, der nächste Teilnehmer ist extra aus Wien hergereist. Er hat ein schwarzes Kleid an. Haha, das ist ja witzig! Er redet über eine Welt, in der unendlich viele Affen auf unendlich vielen Schreibmaschinen hocken und versuchen, ein verlorenes Shakespeare-Stück zu rekonstruieren. Anscheinend finden es die anderen genauso lustig. Schauspielern kann er auch gut, gefällt mir, höchste Punkteanzahl, ganz recht, eine fünf.

So, wer kommt wohl als nächstes? Dieser Herr scheint selbstbewusst zu sein, aber irgendwie stört mich etwas an ihm. Der redet ja ganz normal, als ob er jetzt neben mir sitzen würde. Jetzt vergleicht er seine Mitbewohnerin mit Russland. Hmm, wird wohl die erste zwei in den Bewertungen werden. Oh wie schön, eine Pause, ich muss dringend aufs Klo. Mittlerweile sind wirklich viele Zuschauer*innen hier. Manche haben nicht einmal Platz, um sich hinzusetzen. Gut, dass die Erlöse an Ärzte ohne Grenzen gespendet werden und wir so Kunst nutzen, um den Menschen im Krieg nebenan zu helfen. Ich gehe jetzt lieber raus und mache mir ein paar Notizen. Draußen steht der Mann im Kleid. Langsam gewöhne ich mich daran. Es steht ihm gar nicht so schlecht.

Alles klar, ich sitz wieder auf meinem alten Platz. Eine ältere Dame, vielleicht um die 70, sitzt neben mir. Grüß Gott, dürfte ich Sie mit ein paar Fragen belästigen? Für ein Magazin ist das nämlich. Die Zeitlos heißt es. Ein Studierendenmagazin. Es stehen draußen ein paar Exemplare, falls Sie interessiert sind. Ach wirklich? Ihr Sohn hat vor 20 Jahren die Poetry-Slam-Szene in Innsbruck mitbegründet? Und so sind Sie natürlich zum ersten Mal, als Unterstützung für Ihren Sohn, auf einem Poetry-Slam gelandet. Wie finden Sie eigentlich, hat sich die Szene in den letzten zwei Jahrzenten verändert?  Es gibt also jetzt deutlich mehr Frauen auf der Bühne als früher. Das ist ja super! Verzeihen Sie, die Show geht gleich weiter.

Der glitzernde Tiger erklärt wieder etwas. Wir sollen durch unser Applaudieren entscheiden, wer gewonnen hat? Gut, dann klatsch ich mal extra laut bei meinem Favoriten. Der Mann aus Wien mit der Affengeschichte, das war einfach brillant. Und wer sagt, dass ein Poetry-Slam nicht lustig sein darf? Also, wer hat jetzt gewonnen? Aha, wir sollen noch einmal applaudieren. Gut, wieder für die Affen und Shakespeare. Was? Im Ernst jetzt? Noch einmal klatschen? Nun kommen Sie doch mein Verehrtester! Langsam komm ich mir doch blöd vor! Aber gut, machen Sie doch, was Sie wollen. Ich bin hier, um Kunst in Form von gesprochener Sprache zu erleben und das ist, was wirklich zählt. Menschen, die ihrer Stimme freien Lauf lassen, um etwas Einzigartiges zu erschaffen. Hoch lebe die Freiheit und das künstlerische Schaffen! Ich muss mich mal bei denen bedanken, die das Ganze hier organisiert haben. So, jetzt geh ich aber erstmal schnell weg. Warum hat der Mensch manchmal den Drang vor anderen Menschen wegzulaufen? Das ist doch urkomisch! Ein menschenscheuer Mensch.

Jetzt hör mal aber auf zu denken!

Okay, dann geh ich wirklich.

Ja, mach das!

Okay.

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Fotos von © Veronika Gasser