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Rezension – „Die Bücherdiebin“

Als internationaler Bestseller ist der Roman Die Bücherdiebin von Markus Zusak wohl dem*r ein oder anderen bekannt. So auch mir. In einem klassischen Kaufrausch, von welchem viele überrannt werden, sobald eine Buchhandlung betreten wird, habe ich mir das Buch gekauft.

Über den eigenen Schatten springen

Entweder war es aufrichtiges Interesse, vielleicht aber auch der Wunsch, eine solch gesellschaftlich anerkannte Geschichte im eigenen Regal stehen zu sehen. Die erstmal überwältigende Anzahl von 584 Seiten haben mich jedoch das ein oder andere Mal davon abgehalten, es hervorzuholen und aufzuschlagen. „Mir fehlt die Zeit…“, „Lies doch lieber erst mal ein anderes Buch…“ – Ausreden über Ausreden. (Genauso verhält es sich übrigens mit Hanya Yanagihara’s A little life – aber das ist eine andere Geschichte)

Letzten Endes habe ich es nun doch geschafft. Und was soll ich sagen? Es hat sich durch und durch gelohnt, dieses Buch zu lesen.

Worum es eigentlich geht

Das Buch behandelt die Geschichte eines kleinen Mädchens namens Lisl Memminger. Wir schreiben das Jahr 1939 und Europa steht kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Von nun an verändert sich Lisls Welt. Sie ist gezwungen sich in einer für sie vollkommen neuen und gleichzeitig drastisch verändernden Welt zurecht zu finden. Als Leser*innen werden wir Zeug*innen, wie sich Lisl durch einen Umzug in eine Pflegefamilie in einem fremden Umfeld und mit den verschiedenen Bewohner*innen des fiktiven Städtchens Molching im Norden Münchens arrangiert. Einschließlich ihrer Adoptiveltern, mit welchen ein neues Zusammenleben erlernt werden muss.

Wieder verändert sich Lisls Leben, als ein fremder junger Mann mitten in der Nacht in ihrem Wohnzimmer zusammenbricht. Von nun an ist Lisl gezwungen ein Geheimnis für sich zu behalten. Denn Max Vandenburg ist der Sohn einer jüdischen Mutter und auf der Flucht. Lisl und ihr bester Freund Rudi treten der Hitlerjugend bei, werden Zeugen einer Bücherverbrennung, Bombardierungen durch die Alliierten und dem Abtransport zahlloser Juden in das Konzentrationslager Dachau.

Warum mich das Buch so gefesselt hat

Beim Lesen sticht besonders die Art und Weise hervor, wie der ungewöhnliche Erzähler den/die Leser*in durch die Handlung begleitet. Es existieren zahlreiche Romane, in welchen der Tod eine Rolle einnimmt, doch in wenigen Werke ist er als eigener Erzähler so zentral gegeben wie in Die Bücherdiebin. Er ist es, der von den grausamen Spuren des Krieges und von seinen Begegnungen mit Lisl Memminger berichtet.

Zusak‘s Schreibstil ist dabei besonders. Er schreibt auf eine objektive Weise, die jedoch gleichzeitig so gefühlvoll und emotional ist, dass es mir jedes Mal aufs Neue schwerfiel, das Buch wegzulegen, um endlich schlafen zu gehen. Auf einzigartige Weise ist es dem Autor gelungen, selbst eine abschreckende Gestalt wie die Personifizierung des Todes, einnehmend und komplex zu gestalten.

Über Menschen

Zwischen all den Ereignissen, die sich in der kleinen Stadt Molching begeben, lernt Lisl die Freude am Lesen kennen. Die Macht der Worte schenkt ihr eine tiefgründige Freundschaft zu dem jungen Mann, der ab sofort gezwungen ist in ihrem Keller zu leben.  Mit Max lernt der/die Leser*in, was es heißt, alles zu verlieren, und sich dennoch an der Schönheit des Gewöhnlichen zu erfreuen.

 In Zusak’s Geschichte sind die Menschen des Alltags Held*innen. Er lässt jedoch ebenfalls Raum für Charaktere, die dem damaligen gesellschaftlichen Druck und der Ideologie des NS-Regimes vollständig erlegen sind. In der Himmelstraße wohnen, wie zur damaligen Zeit beinahe überall in Deutschland, gegensätzliche Weltbilder und Moralvorstellungen Tür an Tür und schaffen Raum für zwischenmenschliche Spannungen.

Oftmals sind es jedoch die unschuldigen Gedanken eines zwölfjährigen Mädchens, welche zum hohen Maß an Emotionen führt. Der Leser/ die Leserin erlebt in Zusak’s Buch den bürgerlichen Verfall einer vergangenen Generation aus den Augen eines Kindes. Genau dieser Aspekt unterstreicht die Grausamkeit und Irrationalität des Nationalsozialismus.

Eine Empfehlung

Ich kann das Buch jedem/r Leser*in nur wärmstens empfehlen. Und die/derjenige, dem*r es so ähnlich geht wie mir und das Buch bereits gekauft hat, kann ich nur anregen, über den eigenen Schatten zu springen und es zu lesen. Und für den Fall, dass die hohe Seitenanzahl dennoch zu viel ist: Es gibt eine sehr schön gemachte Verfilmung aus dem Jahr 2013.

So oder so: Die Geschichte von Lisl und ihren Eltern, Max und Rudi sowie all den anderen Bewohner*innen der Himmelstraße ist es Wert, gelesen zu werden.

Bilder: Anna Ludwig