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„Hinter den Schlagzeilen“ – So arbeiten Investigativjournalist*innen

Am 17. Mai 2019 veröffentlichen die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel ein Video, das die österreichische Innenpolitik vollkommen auf den Kopf stellt. Tags darauf dankt Vizekanzler Strache ab, wenige Tage später spricht der Nationalrat der gesamten Bundesregierung das Misstrauen aus. Die sogenannte Ibiza-Affäre nimmt ihren Lauf. Zu diesem Zeitpunkt sind die Dreharbeiten für den Dokumentarfilm Hinter den Schlagzeilen bereits abgeschlossen. Zwei Jahre lang begleitete der Regisseur Daniel Sager das Investigativ-Team der Süddeutschen Zeitung. Der Film zeichnet ein realistisches Bild vom Arbeitsalltag investigativer Journalist*innen und zeigt am Beispiel des Ibiza-Videos, wieviel minutiöse Recherchearbeit einer Veröffentlichung vorausgeht.

Der Dokumentarfilm Hinter den Schlagzeilen feierte 2021 im Rahmen des CPH:DOX, einem der größten Dokumentationsfilm-Festivals Europas, in Kopenhagen Premiere. In ruhigen, nüchternen Bildern zeigt der Film die Investigativjournalist*innen der Süddeutschen Zeitung (hauptsächlich jedoch Bastian Obermayer und Frederik Obermaier) bei der Arbeit. Sie reisen, versuchen Kontakte zu knüpfen, führen Interviews. Sehr viel des Geschehens spielt sich jedoch in Büroräumen und vor Computerbildschirmen ab. Der Lügenpresse-Vorwurf, der von der politischen Rechten immer wieder erhoben wird, steht im krassen Widerspruch zur akribischen Recherchearbeit, die der Film Hinter den Schlagzeilen sichtbar macht.

Dass die Vorgeschichte zur Veröffentlichung des Ibiza-Videos in dem Film einen so prominenten Platz einnimmt, ist dem Zufall zu verdanken. Während der Dreharbeiten wurde dem Ressort Investigative Recherche der Süddeutschen Zeitung das brisante Videomaterial zugespielt. Im Film ist zu sehen, wie die preisgekrönten Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier das Video zum ersten Mal unter strengen Sicherheitsauflagen vorgespielt bekommen. Unter anderem müssen sie spezielle Brillen tragen, ohne die auf dem Laptop nur ein weißer Bildschirm zu sehen ist. So soll verhindert werden, dass jemand das Videomaterial mit einer versteckten Kamera abfilmt. Das Gesehene schockiert sie sichtlich. „Wenn auch nur die Hälfte von dem Zeug stimmt, dann zerschießt das die ganze Partei.“ Immer wieder sorgen ähnliche Aussagen im Publikum trotz der ernsten Thematik für Erheiterung, denn im Gegensatz zu den beiden Protagonisten wissen wir heute, was nach der Veröffentlichung alles passierte. Für das Recherche-Team heißt es jedoch erst einmal abwarten. Über ein Jahr lang müssen sie sich gedulden, bis die Informanten mit einer Veröffentlichung des Videos einverstanden sind.

Währenddessen laufen jedoch andere Projekte weiter. Auf Malta versucht ein internationales Team, an dem sich wichtige Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung, Le Monde, The Guardian und The New York Times beteiligen, den Mord an Daphne Caruana Galizia aufzuklären. Die maltesische Journalistin hatte unter anderem an der Enthüllung der Panama-Papers mitgearbeitet, die von Bastian Obermayer und Frederik Obermaier initiiert worden war. Am 16. Oktober 2017 wurde sie durch eine Autobombe getötet. „Wir wollen, dass die Leute sich merken, wenn sie eine Journalistin töten, dann wird ihre Geschichte eher mehr Aufmerksamkeit kriegen als weniger.“, erklärt Bastian Obermayer. Daphne Caruana Galizias Beispiel zeigt, wie gefährlich investigativer Journalismus sein kann, auch in Europa.

In dem Film wird jedoch auch deutlich, dass bei Weitem nicht alle Recherchen zufriedenstellende Ergebnisse bringen. Wer für den Mord Daphne Caruana Galizia verantwortlich ist, bleibt auch am Ende der Nachforschungen in Malta unklar. Auch die Spur eines mysteriösen Waffenhändlers, der unter anderem den Iran mit Massenvernichtungswaffen beliefert haben soll, verläuft im Sand. Die Story wird nie zur Druckreife gebracht. Anders jedoch bei der Ibiza-Affäre: Schlussendlich bekommt die Süddeutsche Zeitung Zugang zu dem gesamten Videomaterial. Die Naivität von Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus verblüfft die Redaktion: „Die fragen nicht nach einem Pass, die wissen nicht, wer die sind – und versprechen denen halb Österreich. Kann es sein, dass jemand hier uns eine Falle stellt?“

Alles wird minutiös nachgeprüft. Ein Forensiker wird hinzugezogen, um festzustellen, ob die Videos echt sind. Ein Team transkribiert das Videomaterial. Der ganze Abend auf der Finca in Ibiza wird so genau wie möglich rekonstruiert. Jeder Satz in jedem Artikel, den die Süddeutsche Zeitung dazu veröffentlicht, muss mit einer Fußnote belegt werden, um im Falle vor Gericht standzuhalten. Auch mögliche rechtliche Konsequenzen klären die Journalist*innen ab, denn es ist unklar, ob sie das Video überhaupt mit Bild und Ton veröffentlichen dürfen. Allen ist von Anfang an bewusst, dass sich die FPÖ massiv gegen die Anschuldigungen wehren wird. Man will gegen alle Vorwürfe gewappnet sein.

Daniel Sager hält seine Dokumentation im Stil des Direct Cinemas, bei dem es um das unbeteiligte Beobachten der Ereignisse geht. Es gibt so gut wie keine Interviews mit den Protagonisten, auch Hintergrundmusik wird sehr sparsam eingesetzt. Diesem Zugang ist es wohl zu verdanken, dass es in ein paar turbulenten Momenten so wirkt, als hätten die Protagonisten die Anwesenheit der Kamera ganz vergessen, etwa als Heinz-Christian Straches Pressesprecher kurz vor der Veröffentlichung des Ibiza-Videos anruft, um herauszufinden, was die Journalisten in Erfahrung bringen konnten und was sie genau wissen. Der Glamour, der den Beruf von investigativen Journalist*innen in fiktiven Spielfilmen umgibt, ist hier jedoch nicht zu finden. Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Realitätsnähe bleibt der Film bis zum Ende spannend.


Der Film Hinter den Schlagzeilen war am 16.3.22 im Leokino zu sehen. Im Anschluss diskutierten Eva Linsinger vom Nachrichtenmagazin profil und Josef Redl von der Wochenzeitung Falter über den Film und die Bedeutung von kritischem, unabhängigem Journalismus. Die Podiumsdiskussion wurde für Freirad aufgezeichnet und wird im Zuge der Sendung BRISANT am 11.04.22 von 19 – 20 Uhr sowie am 25.04.22 von 10 – 11 Uhr ausgestrahlt. Nach dem ersten Sendetermin wird die Sendung auch online zu finden sein.

Der Film wird im Zuge des Journalismusfests noch einmal in Innsbruck gezeigt.

Bilder: © bauderfilm