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Ein bisschen Frieden. Ein bisschen Politik.

Am 14. Mai ist es so weit. Der Eurovision Songcontest findet wieder statt. Dieses Mal darf die italienische Stadt Turin ihre Tore öffnen. Mit dem Sieg des österreichischen Sängers Conchita Wurst im Jahre 2014 dürfte mittlerweile jedem*r Österreicher*in das mediale Ereignis bekannt sein. Es ist das alljährige Hochfest der Musik und ein symbolischer Spielplatz internationaler Politik.

Jede*r muss mal klein anfangen

Der ESC wurde 1956 von der europäischen Rundfunkunion (EBU) gegründet. Das Ziel: eine gemeinsame Annäherung eines zerrütteten Europas nach den emotionalen Wirrungen und dem fehlenden Vertrauen nach dem zweiten Weltkrieg. Sozusagen ein gemeinsames, länderübergreifendes Event für die Völkerverständigung. Seitdem konkurrieren jährlich zahlreiche Künstler*innen aus den verschiedensten Ländern um die begehrten zwölf Punkte. Und das mit großem Erfolg. Mittlerweile ist der Grand Prix zum weltweit größten medialen Ereignis abseits des Sportes aufgestiegen.

Es ist eine Zelebrierung des Kulturaustausches, der musikalischen Vielfalt und der Selbstinszenierung. Nur eines stellt das Regelwerk eindeutig klar. Politik hat im Wettbewerb nichts zu suchen. Mehrmals wird erwähnt, dass sowohl Texte, Ansprachen als auch Auftritte der Künstler*innen von keiner politischen Natur sein dürfen. Die jeweiligen Rundfunkanbieter der am Wettbewerb teilnehmenden Länder sollen „alle erforderlichen Schritte“ unternehmen, die eine Politisierung des Grand Prix verhindern.

Die Türkei – reicht es diesmal für den EU-Beitritt?

Dass eine vollständige Entpolitisierung nun einmal reines Wunschdenken ist, beweist zum Beispiel die Türkei. Erdoğans Islamisierung des Landes und seine konservative Politikausrichtung haben in den letzten Jahren autoritäre Züge angenommen. Da ist es kein Wunder, dass ein Medienspektakel, welches queere, freizügige und den traditionellen Rahmen sprengende Musiker*innen vorstellt und fördert, bei der AKP auf Ablehnung stößt.

Seit 2013 hat sich die Türkei also gegen eine Teilnahme entschieden.  Offiziell hieße es, dass man mit der Regelung der Punktevergabe nicht mehr einverstanden sei. Auch der bis dato unerfüllten Wunsch in die Gruppe der Big Five – der fünf beständigen Finalisten –aufgenommen zu werden, trägt wohl seinen Anteil zu dieser Entscheidung bei. Auf politischer Ebene wird die von der EU (anstelle einer vollwertigen EU-Mitgliedschaft) angebotene „privilegierte Partnerschaft“ von der Türkei noch immer als eine Beleidigung aufgefasst und vehement abgelehnt.

Allerspätestens nach dem Auftritt Conchita Wursts hatte die Regierung der AKP einen ihnen zufolge angemessenen Anlass aufgrund moralischer Werte dem Wettbewerb in Zukunft fernzubleiben. Mitunter eine Handlung, welche symbolische Bedeutung trägt.

Der Nahostkonflikt beherrscht die ganze Welt

Dass die Mitgliedschaft für Rundfunkländer keinesfalls verpflichtend ist, zeigen einige Arabische Staaten, welche eine Teilnahme noch immer vehement ablehnen. Der Grund für diesen Entschluss ist derselbe wie bei vielen Entscheidungen, die die Politik im Nahen Osten betreffen: die Existenz des Staates Israels und dahingehend seine Teilnahme am Grand Prix. Dass der Nahostkonflikt seit Jahrzehnten politischen Entscheidungsträger*innen schlaflose Nächte bereitet, dürfte wohl allseits bekannt sein.

Der Staat Israel ist vielen arabischen Nachbarländern seit seiner Gründung ein Dorn im Auge. In Folge ist Marokko mit seinem einzigen Auftritt im Jahre 1980 das einzige Land aus der arabischen Welt, welches sich zu einer Teilnahme bereit erklärte. Ein Auftritt, der bereits über vierzig Jahre zurück liegt. In den Jahren 1977 und 2005 zogen Tunesien und der Libanon ihre Teilnahme  sogar wieder zurück, nachdem bekannt wurde, dass der unbeliebte Nachbar ebenfalls teilnehmen würde.

Den Höhepunkt dieser Spannungen könnte wohl der Sieg der Sängerin Netta sein. Sie sorgte dafür, dass der Grand Prix im darauffolgenden Jahr in Israel stattfand. Das offizielle Motto: „Dare to dream“. Wage es zu träumen. Folgende Mitteilung könnte möglicherweise in diesen drei Worten stecken:Wir existieren. Und wir werden weiterhin existieren.“ Boykotte wurden mit dem Vorwurf ins Leben gerufen, Israel benütze das Medienspektakel als Ablenkung von den Umständen im Westjordanland, welches 2018 zu bereits 59% unter israelischer Besatzung stand. Auch ein Boykott des Boykotts wurde initiiert. Während dieses Wettkampfes fanden zahlreiche Proteste statt. Die isländischen Teilnehmer*innen hielten ein Banner mit der Aufschrift „Palestine“ in die Kamera und ernteten daraufhin Buhrufe aus dem überwiegend israelischen Publikum.

Songtexte für die Welt

Der kleine Protestakt der Isländer*innen ist nicht das erste Mal, dass der Wettbewerb auch für die Künstler*innen mehr bedeutet als eine Musikshow mit überdurchschnittlicher Bühnentechnik.

2009 weigerte sich Georgien den Titel seines Beitrittsliedes für den ESC in Moskau zu ändern. Der Titel „We don‘t wanna put in– ein offensichtlicher Seitenhieb an den russischen Präsidenten Vladimir Putin – würde im Gastgeberland nach den Wirrungen des Kaukasuskonfliktes deutlich für Empörung sorgen. Die für das Land Antretenden mussten sich kurzfristig aus dem Wettbewerb zurückziehen.

Letztes Jahr versuchte auch Belarus einen regelwidrigen Beitrag einzureichen. Die Regierung unter Lukaschenko entsandte eine regierungstreue Band, um mit den Zeilen

“I’ll teach you to dance to the tune
I’ll teach you to peck at the bait
I’ll teach you to walk on a string
You will be happy and glad about everything”

für musikalische Propaganda zu sorgen. In ihrem Song machten sie sich sowohl über die Opposition als auch die Massendemonstrationen lustig, welche nach dem angeblichen Wahlsieges Lukaschenkos und der Niederlage seiner Kontrahentin Sviatlana Tsikhanouskaya vermehrt stattfanden.

Der wohl bekannteste „unpolitische“ Beitrag ist jedoch der der ESC Gewinnerin Jamala. Mit ihrem Song 1944 machte sie zwar auf eine der menschenrechtswidrigsten Handlungen des Stalin-Regimes während des zweiten Weltkriegs aufmerksam. Nämlich thematisierte sie die Deportation von über 180.000 Krimatar*innen von der Krim nach Mittelasien, bei der zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Der Auftritt wurde aufgrund seines politischen Inhalts von vielen als nicht regelkonform kritisiert.

Es knistert im geeinten Europa

Eine der wohl spannendsten Stunden des ESC ist die berühmte Punktevergabe am Ende des Abends. Die Länder vergeben in absteigender Reihenfolge ein bis 12 Punkte an die von ihnen als am besten befundenen Titel. Der Rest geht leer aus. Aber auch hier fehlt die Neutralität. Zwar können die Teilnehmerländer in diesem Verfahren nicht für sich selbst stimmen (denn wenn sie es könnten, würden viele es wahrscheinlich tun). Das hindert sie jedoch nicht, internationale Vetternwirtschaft zu betreiben.

Deutlich wird dies zum Beispiel bei unseren Freunden im Norden. Dort laufen die Abstimmungen jedes Jahr zum Verwechseln ähnlich ab. Dänemark vergibt Punkte an Schweden, Schweden an Norwegen, Norwegen ebenfalls an Schweden usw. Ein ähnliches Muster zeigt sich in den Balkanstaaten. Ähnlich wie der „Viking Block“ tendieren auch sie dazu, die ehemaligen Mitgliedsstaaten Jugoslawiens mit einer höheren Punktezahl zu unterstützen.

Politik – unvermeidlich?

Der ESC ist nicht das einzige Event, in dessen Vorgängen sich zwischenstaatliche politische Verhältnisse abzeichnen. Das Gleiche gilt zum Beispiel auch für die olympischen Spiele. Dieses Jahr weigern sich die USA und Australien diplomatische Vertretungen nach Peking zu entsenden, um ein Zeichen gegen die Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang zu setzen.

Große mediale Ereignisse haben schon lange ihre unpolitische Seite verloren, wenn sie sie überhaupt jemals besaßen. Auf der Bühne oder dem Platz treffen nicht nur Musiker oder Sportler*innen aufeinander, sondern auch die repräsentierten Länder, soziale Missstände, fehlende Kommunikation usw. Die Liste ist unendlich. Ist Politik demzufolge unvermeidbar? Das Offensichtliche ist schließlich schwer zu ignorieren.

Genau diese verbotenen Spannungen machen das Ganze mithin so interessant. Uns Zuschauer*innen bleib nichts anderes übrig, als weiterhin zuzusehen, abzustimmen und anzufeuern. Schließlich haben wir alle trotz unserer vielen Differenzen eines gemeinsam. Den Wunsch nach dem Sieg.

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© Jordy Barda