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„Hip-Hop ist ein Spiegel der Gesellschaft…“ Das Frauenbild im Deutschrap

„…und darin schaut man halt scheiße aus, wenn man das weibliche Geschlecht hat.“. Mit diesen Worten endet eine Line von Edgar Wasser, welcher in seinem Song Bad Boy die allgemeine Einstellung der Rap Community gegenüber Frauen und im Speziellen rappenden Frauen, darzustellen versucht. Nun ist der Release dieses Tracks schon über sieben Jahre her, doch wie steht es mittlerweile um das Frauenbild und den feministischen Widerstand in der deutschsprachigen Hip-Hop Szene?

Dass der meist von Männern geführte Machtkampf im Deutschrap zu großen Teilen auf Kosten von Minderheiten und Frauen ausgetragen wird, dürfte den meisten Leuten, die die letzten Jahre Kontakt mit dem durchaus heterogenen Genre hatten, nicht neu sein. Dabei ist der Rap schon seit Jahrzehnten geprägt von Frauen wie Lil‘ Kim oder Lauryn Hill und auch im deutschsprachigen Raum werden schon lange Beats von Frauen betextet. Vor allem in den letzten Jahren erschienen immer mehr Rapperinnen auf dem Musikmarkt. Doch bei einem Blick in die Charts oder die Modus Mio Playlist (Spotifys größter Deutschrap Playlist), werden einem die noch immer herrschenden patriarchalen Verhältnisse und das zutiefst zu verurteilende Frauenbild im deutschsprachigen Rap wieder bewusst. Dabei stellt der Hip-Hop doch eine Musik dar, die schon immer auf soziale Ungleichheit aufmerksam gemacht hat und vielen unterdrückten Menschen als ein Mittel zur Artikulation ihres Frustes und ihrer Wut diente und das auch heute noch tut.

 Ob es die schweren Beats oder das lang etablierte Format des Battle-Raps sind, durch welche jedoch das Hervorheben der eigenen übertriebenen Männlichkeit und Überlegenheit stetig überwiegen zu scheinen? Genau wie Edgar Wasser kann auch ich nur aus der Perspektive eines Mannes schildern, wie ich die Rolle von Frauen im Deutschrap wahrnehme. Eine Bewertung der verschiedenen feministischen Reaktionen steht mir daher nicht zu, doch das ist auch nicht die Absicht dieses Artikels. 

Manchmal reicht es, den Spiegel vorzuhalten

Unschwer jedoch für jede*n wahrzunehmen, ist die Etablierung des Deutschraps als Gewinner-Musik. Dicke Autos, teure Uhren und nicht zuletzt das Selbstbild als der größte P.i.m.p (ein Zuhälter, der sein Geld mit dem Handel mit Prostituierten macht), wie es 50 Cent schon in den frühen 2000ern formulierte, sind in den Texten des Rap und speziell im Deutschrap von großer Bedeutung. Sich diese Ausdrucksweise auch zu eigen zu machen und auf eine ähnlich aggressive Weise zurück zu feuern, schafften Künstlerinnen wie Juju und Nura vom ehemaligen Rap Duo SXTNund führten damit ihre männlichen Mitstreiter mit ihren eigenen lächerlichen Versuchen, sich Frauen überzuordnen, vor. In Songs wie Hass Frau wird der patriarchalen Szene ganz unbefangen der Spiegel vorgehalten. Es braucht dabei keine Erklärungsversuche oder Statements, der Scham über dieses Gehabe kommt durch die präsentierten Lines ganz von allein. 

Das Duo SXTN provozierte bis zu seiner Trennung in 2019 vor allem durch seine Texte (Credits: Josephine Jatzlau)

Sexismus als Erfolgsrezept

Dass die Objektifizierung von Frauen zahllosen Rappern allerdings nicht lächerlich vorzukommen scheint und ihnen die Gefahr nicht bewusst ist, wie sich dieses Frauenbild unter den Hörenden ins reale Leben projiziert, zeigen die Texte der Top fünf Artists des Jahres 2021 von Spotify Deutschland. Hier daher eine kleine Auswahl derer Lines, die letztes Jahr so oft durch die Kopfhörer unserer Gesellschaft dröhnten:

Baby kann Twerken und Spagat aber hat Schach nie gelernt…Ich nehm vom Extasy die Hälfte und dann fress ich sie auf.

Bonez MC, Extasy

Ja sie regt mich manchmal auf und macht mich manchmal krank. Aber jeden meiner Gucci Pullis wäscht sie mit der Hand.

Capital Bra, One Night Stand

…, und während ich mich tot stell, ist Schwanz lutschen ihr Job.

Raf Camora, Blaues Licht

Die Diskussion über die künstlerische Bedeutung der Texte wird schon seit einer gefühlten Ewigkeit geführt und kann auch hier wieder aufflammen. Allerdings tut das nichts zur Sache, wenn dieses Frauenbild in einer solchen Frequenz vor allem auf jüngere Hörende trifft, welche das Gehörte nicht dementsprechend einordnen können. Denn wer seine ganze Jugend über durch die rappenden Vorbilder ein Bild der Frau als untergeordnetes Lustobjekt eingetrichtert bekommt, trägt das Ganze auch gerne in die reale Welt hinaus. Zudem verdeutlichen die zahlreichen Vorwürfe des sexuellen Übergriffs in Richtung vieler Deutschrapper, welche im letzten Sommer im Zuge der deutschrapmetoo Bewegung aufgekommen sind, dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen im Deutschrap kein überspitztes Stilmittel, sondern bittere Realität sind. Auch Rapper Samra, welcher 2021 übrigens Platz fünf der beliebtesten Spotify Artists erreichte, musste sich massiven Missbrauchs Vorwürfen stellen, was sowohl ihn als auch andere Rapper und Universal Music, wo Samra unter Vertrag stand (die Zusammenarbeit wurde mittlerweile beendet), unter Druck setzte.

Veränderung muss von allen ausgehen

Das Sexismus Problem des Deutschraps scheint also auch heute noch trotz vieler weiblicher Künstlerinnen wie HaiytiShirin David oder Loredana bestehen zu bleiben. Diese Künstlerinnen allein haben sich jedoch nicht um dieses Problem zu kümmern und es wäre falsch, von Rapperinnen pauschal zu erwarten, sie müssten sich in ihren Tracks aktiv mit dem Sexismus auseinandersetzen, nur weil sie sich als Frauen in diesem patriarchalen Genre befinden. Auch SXTN wollten sich selbst nie als Feministinnen bezeichnen, sondern einfach ihren Rap so wie die männlichen Rapper ausleben können, ohne als Frau eine Sonderbehandlung zu erfahren. Rohe Sprache ist dabei schon immer ein Stilmittel, in welchem nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden sollte, die allgemein zugrunde liegende Weltsicht darf das hingegen schon. Die zahlreichen Rassismus, Sexismus und Homophobie Vorwürfe der letzten Jahre gegenüber dem Hip-Hop zeugen nämlich vielleicht nicht von einer übersensiblen Gesellschaft, sondern einfach davon, dass es im Sinne der Zeit wäre, sich Gedanken darüber zu machen, was Rapper*innen in ihre Texte packen und welche Auswirkungen es auf die oft so jungen Fans hat. Provokation hin oder her, Rap ist durch seinen Fokus auf den Text einfach zu tiefgründig, um sich durch stumpfe, sexistische Lines kaputt machen zu lassen. Der Widerstand gegen dieses Frauenbild muss dabei von der gesamten Community, und nicht nur von weiblichen Künstlerinnen ausgehen.

Titelbild: Arièle Bonte