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DIAMETRALE: „Heute soll es nicht um Viren gehen, sondern um Kultkino, Sex, Drugs und Punkrock“

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Nutzlos und schön – so lautet das Motto der diesjährigen Diametrale. Das Filmfestival dreht sich in acht Lang- und 35 Kurzfilmen rund um alles Experimentelle und Komische dieser Welt. Die Zeitlos war beim Warm-Up live dabei.

Das gut gefüllte Innsbrucker Leokino am Abend des vierten Julis. Lackierte Nägel drücken mir zwei Karten in die Hand. „Liquid Sky“, steht da als Titel. Der SciFi-New-Wave-Punk-Klassiker bildet auf einer 35mm-Filmkopie den Auftakt für ein Festival, das sich trotz coronabedingter Verzögerung nicht geschlagen geben möchte. Der Kulturbetrieb soll weitergehen; und so finden vom 15.-18. Juli 2020 groteske Artefakte, Musikfundstücke, ein Überraschungskonzert und alles weitere Nutzlose und Schöne Platz in einem bunten, experimentellen Mix.

Punk in seiner Reinform

Der US-Film Liquid Sky aus dem Jahre 1982 handelt von einem Alien, das mit seiner fliegenden Untertasse im zügellosen New York der 80er landet, dort beginnt, die dortige New Wave-Szene aufzumischen und dabei heroin- und sexsüchtig wird.

Als ironischer Kommentar auf die monströsen, unheimlichen Science-Fiction-Filme der 70er Jahre, in denen Aliens meist so grässlich und UFOs so gigantisch wie möglich dargestellt werden, fügt sich das Alien in Slava Tsukermans Liquid Sky stattdessen nahtlos in die Masse der Punk-Bewegung ein. Zusätzlich entspricht seine fliegende Untertasse – tatsächlich – der Größe einer regulären Untertasse vom Kaffeekränzchen nebenan.

Tsukerman ging davon aus, dass Sex und Drogen die gleichen Belohnungssysteme im Gehirn aktivieren – eine Theorie, mit welcher er schlussendlich gar nicht so unrecht lag und die später auch im Film Anklang findet. Zusätzlich implementiert er Frauen, die keinen Orgasmus bekommen können, stellt Missbrauch – in jeglicher Form – an den Pranger und konserviert allgemein den subkulturellen Zeitgeist aus Sex, Drugs und New Wave in einem postfeministischen Manifest in 118 Minuten.

Nutzlos und schön?

Liquid Sky schreit nicht nach den 80ern, er brüllt sie. Audiovisuell wurde ordentlich in der Special-Effects-Kiste gewühlt und alles rausgeholt; traumartige Szenen in wilden Farben und Pop-Art-Filtern gehen Hand in Hand mit einem verzerrten, dissonanten Mix aus dem Synthesizer. Die Leute sind alle skurril gekleidet und man fragt sich ständig, woher die schräge Hintergrundmusik kommt – ein bisschen, wie in den 80ern selbst.

Allerdings erfüllt sich die Prämisse, die sich die Diametrale mit ihrem Motto selbst gesetzt hat, im Endeffekt nicht unbedingt. So wunderbar absurd und schön der Warm-Up-Film auch in den ersten Minuten wirken mag, entpuppt er sich zum Schluss dann doch als äußerst nützlich – ein sachdienliches Konglomerat aus Satire und Gesellschaftskritik, das beim Heimweg zum Nachdenken und Diskutieren auffordert.

Egal, ob heimische Underground-Musikdokus, afrofuturistische Spionagegeschichten, feministisches Empowerment bei Pornoproduktionen oder gar umherirrende Geister auf einem Selbstfindungstrip: die Diametrale hat allen nutzlosen und schönen Geschmäckern etwas zu bieten.

Mehr unter: https://www.diametrale.at/

Fotos:

Titelbild: DIAMETRALE. Experimental Film Festival