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Bis uns der Bissen im Hals stecken bleibt

Gier und Habsucht, Besitzansprüche und Forderungen, Wünsche und Erwartungen – Schlagworte, die unsere heutige Konsumgesellschaft nur allzu treffend beschreiben. Alles, angefangen von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Elektrogeräten, landet bei uns auf dem Müll. Doch mittlerweile scheint es, als habe sich in der Gesellschaft ein mentaler Wandel vollzogen. Hat unsere Konsumgesellschaft ein Ablaufdatum?

Einhundertsiebenundfünfzigtausend Tonnen Nahrungsmittel im Wert von über einer Milliarde Euro – diese Zahlen muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Doch wer denkt, dass wir uns diese Nahrungsmittel schmecken ließen, irrt: Besagte einhundertsiebenundfünfzigtausend Tonnen an Lebensmitteln verschwanden alleine im Jahr 2014 im österreichischen Müll – unverpackt und nur teilweise verzehrt oder aber noch verpackt und konserviert.

Mangel vs. Überfluss

Während es in vielen Ländern der Welt an Nahrung mangelt, viele Menschen wenig bis nichts zu essen haben und an Hunger und den Folgen von Mangel- bzw. Unterernährung sterben (müssen), leben wir hier in Österreich im Überfluss. Wir sind es gewohnt, im Supermarkt zwischen vollen Regalen mit einer riesigen Auswahl an Waren herumzuschlendern. Die angebotenen Produkte sollten dabei natürlich möglichst frisch sein – ein paar Stunden alte Brötchen können wir unserem verhätschelten Gaumen beileibe nicht zumuten. Ist die Produktauswahl noch dazu gering oder sind die Lebensmittel womöglich nicht mehr ganz so frisch, ärgern wir uns und schimpfen über die Lebensmittelproduzenten.

 

Alles ist nicht genug

Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft, in der wir heute leben, ist geprägt von Gier und Habsucht – ganz nach dem Motto „Alles ist nicht genug.“ Ändern wir weder unser Verhalten, unser Denken noch unsere Einstellung zu Nahrungsmitteln, so wird sich die Prophezeiung des amerikanischen Ureinwohnervolkes der Hopi wohl schlussendlich doch noch bewahrheiten: „Sie werden vor vollen Tellern sitzen und trotzdem verhungern.“ Gerade wir hier in Österreich sollten uns glücklich schätzen: Wir haben Wasser und Essen, Frieden und Sicherheit in allen Lebenslagen. Dennoch jammern wir – und das auf einem sehr hohen Niveau. Wir beschweren uns über momentan ausverkaufte Ware, die meist am nächsten Tag (wenn nicht zwei Stunden später) bereits wieder zum Verkauf steht, während in anderen Teilen der Welt in den Regalen gähnende Leere herrscht. Wir empfinden es als Selbstverständlichkeit, das ganze Jahr über Obst und Gemüse, das in den heimischen Gärten und Plantagen nicht beheimatet ist oder saisonal bei uns nicht anbau- und erntefähig ist, auf den Teller zu bekommen. Ob für unseren Gaumenschmaus die Natur gefährdet wird, vergessen wir gerne, während wir Bananen aus Costa Rica verspeisen.

 

Sharing und saving

Bis dato deutet also alles darauf hin, dass Habsucht und Selbstsucht unsere Welt zugrunde richten. Während einerseits alles immer nur gekauft wird – aus dem einfachen Grund, es zu besitzen – landet vieles wiederum im Müll, da nicht gebraucht und im Überfluss vorhanden. Es lässt sich jedoch feststellen, dass langsam eine Bewusstseinsveränderung und damit ein Umdenken eintritt. Weltweit wurden in den letzten Jahren Initiativen und Projekte gestartet, um dem Konsumwahn und der Verschwendung von Lebensmitteln Einhalt zu gebieten. Die im Jahr 2010 in New York geborene Idee, übrig gebliebene, aber noch genießbare Lebensmittel mit anderen Menschen zu teilen, findet auch in Österreich Anklang. Unter dem Motto „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“ setzt es sich diese Foodsharing-Bewegung zum Ziel, der ausufernden Verschwendung von Lebensmitteln, man könnte in unserem Fall ja fast schon von Prasserei sprechen, entgegenzuarbeiten (foodsharing.at). Das Prinzip ist simpel: Überschüssiges Essen, das, aus welchem Grund auch immer, auf dem Müll landen würde, wird kostenlos weitergegeben um es weiterzuverwerten. Das Ergebnis: Essen wird geteilt und vor dem Müll gerettet!

 

Lokal und regional

Doch nicht nur der Anti-Verschwendungs-Gedanke macht sich langsam in den Köpfen der Menschen breit. Auch die bewusste Entscheidung, beim Kauf auf regionale und lokale Produkte zu achten, wird vermehrt getroffen. Bauernmärkte, an denen Köstlichkeiten aus der Region angeboten werden, finden in der Bevölkerung vermehrt Anklang. Einerseits werden dadurch lokale und meist auch kleine Betriebe unterstützt, andererseits die Transportwege für Lebensmittel drastisch verkürzt. Tomaten müssen dann nicht mehr grün von der Tomatenstaude geerntet werden, damit sie auf dem kilometerlangen Frachtweg von Spanien oder einem anderen südländischen Gefilde reifen können, bis sie dann tiefrot in der Gemüseabteilung der österreichischen Supermärkte ankommen. Im Gegenteil! Heimische Produkte kommen innerhalb weniger Stunden direkt von der Pflanze in die Supermärkte und auf unsere Teller. So sind die Tiroler Tomaten aus Haiming, die reif und rot geerntet werden, meist schon am nächsten Tag zum Verkauf in den Läden und Märkten erhältlich. Dass wir hier von Bio und Fair Trade und nicht von Pestiziden, Chemie und Ausbeutung sprechen, dürfte wohl klar sein.

Innsbruck goes green

Auch über Innsbruck ist bereits die Welle der Nachhaltigkeit, des Umweltbewusstseins und des Zukunftsdenkens geschwappt. Über die Facebook-Gruppe „Foodsharing Innsbruck und Umgebung“ kann das Geben-und-Nehmen-Prinzip von überschüssigen Lebensmittel angewendet werden. Unter mehr als 3.400 Gruppenmitgliedern werden fast täglich Nahrungsmittel geshared und in weiterer Folge gesaved. Aber auch auf die Regionalität des Angebots wird in Innsbrucker Gastronomiebetrieben und Supermärkten vermehrt gesetzt. So besteht der Großteil des Sortiments im Laden „tirolermadl“ aus Produkten, die regional angebaut und erzeugt werden. Natürliche Rohstoffe, Herstellungsmethoden und Handelsumgebungen sowie Fairness, Transparenz und Regionalität werden hier großgeschrieben.

 

Umdenken und handeln

Lebensmitteln eine zweite Chance zu geben, ein respektvoller Umgang mit Waren und Produkten sowie mit Hirn und Verstand einkaufen und wirtschaften – das wären kleine Schritte in Richtung Erhalt unseres Planeten. Alternatives Denken und Handeln scheinen erforderlich, um der Zerstörung von Mutter Erde entgegenzuwirken. Den Verzicht auf Saus und Braus im Hier und Jetzt werden uns unsere Enkel und Ur-Enkel einmal danken.


Anm. d. Red.: Dieser Artikel wurde erstmals in unserer Printausgabe #7 veröffentlicht.