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Drei Innsbrucker nördlich der Nordkette: Tag 6

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Jeder kennt die Nordkette. Viele waren schon oben, sei es zu Fuß oder bequem mit der Bahn und Gondel. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage: Was verbirgt sich dahinter? Spekulationen zufolge treibt dort Sauron noch immer sein Unwesen. 61 Fußkilometer, 8.900 Höhenmeter, 50kg Gepäck, Killerschafen und kalten ungemütlichen Nächten später können wir euch versichern: dem ist nicht so. In 6 Tagen einmal um die bekannteste Bergfassade Österreichs. Tag 6.

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00:01 – Ich kann immer noch nicht einschlafen. Im Biwak knistert und knackst es überall. Durch das gebrochene Fenster in der Tür pfeift der Wind herein und bedroht stark die einzige noch brennende Kerze. Ich ziehe einen Arm aus dem Schlafsack und suche nach meinen Handy. Ich finde es am feuchten, durchlöcherten Holzboden und wundere mich über die 3% Akku, die noch in meinen iTelefon schlummern. Eigentlich wollte ich ja mittels Wecker pünktlich zum Sonnenaufgang geweckt werden, aber dazu wird es wohl nicht kommen. Wage bilde ich mir ein, dass in einem iPhone Polymer Batterien verbaut sind. Da diese Art der Batterien extrem kältesensibel sind (elektrotechnische Oberschule lässt grüßen), nehme ich mein kaltes iTelefon und stecke es mir zwischen die Oberschenkel. Ich ziehe den Schlafsack wieder ganz zu und beginne mit dem Schäfchenzählen. Bei 21 gebe ich auf.

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03.04 – Plötzlich rast mein Herz und ich schrecke auf. Ein unbekanntes Lebewesen ist mir gerade über die Füße gelaufen. Ich halte den Atem an und starre in den mittlerweile tiefschwarzen Raum. Leises Rascheln kommt aus meiner Essensbox. Ich suche nach meiner Taschenlampe und leuchte damit den Raum aus. Rasch huscht etwas aus meinem Rucksack und verschwindet zwischen den großen Backsteinen in der Wand. Ich lege mich wieder auf meine Thermomatte, ziehe den Schlafsack bis oben hin zu und versuche mir einzureden, dass es nur eine kleine hungrige Maus war. Verwundert greife ich nach dem harten Gegenstand auf dem ich liege und ziehe mein aufgewärmtes Handy hervor. Dank der Oberschenkelwärme sehe ich wieder grüne 21% Restkapazität. An der Innenseite der Rettungsdecke entdecke ich jede Menge Kondenswasser, das sich wohl durch meine Körperwärme gebildet hat. Nach 10 Minuten höre ich, wie es an der Thermodecke entlang runterläuft und dort auf den holzigen Boden platscht.

05.42 – Es klingelt der Wecker und ich freue mich unbändig über das lang ersehnte Tageslicht. Müde ziehe ich mich an und öffne die Tür. Wolkenloser Himmel und das naive Blöken eines Schafes empfangen mich. Ich krame meine Kamera hervor und laufe die wenigen Höhenmeter zur Mandelspitze hoch. Freudig setze ich mich dort an einen Abgrund und sehe der Sonne beim Aufgehen zu. Mit einer 360 Grad Aussicht sehe ich über die gesamte Nordkette, In Innsbruck leuchten noch vereinzelt die Straßenlichter.

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Ich kehre zum Biwak zurück und packe meine Sachen. Meine Beine signalisieren mir, dass sie diese Strapazen nicht ewig mitmachen werden und ich entscheide mich per Bahn ins Tal zu fahren. Auf dem Weg dorthin setze ich mich nochmals kurz an einen Vorsprung und genieße den Ausblick. Ehrlich gesagt, bin ich ein wenig stolz auf mich. Ich blicke ein letzes Mal über das große Karwendelgebiet und steige in den Fußweg ein, der zur Seegrube führt.

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08:35 – Mit dem faden Nachgeschmack von 14.80€ für eine Talfahrt stehe ich wieder am Marktplatz in Innsbruck. Es schießen Autos und Busse an mir vorbei, keiner grüßt mehr und alle gehen irgendwie für sich stumm ihren Weg. Ich drehe mich um und blicke zurück auf die Nordkette, im guten Wissen, dass es dahinter sehr wohl schöner sein kann, als in der hochgelobten Betongrube davor.

Fotos: Tobias Pircher und Google Earth (Karte)

Das Karwendel ist das größte Naturschutzgebiet Österreichs. Besonders hier ist Zelten, Feuermachen, die Störung von Wildtieren und das Pflücken von Pflanzen(teilen) strengstens verboten. Die Übernachtung im Zelt sollte eine absolute Notlösung sein und es muss unbedingt auf den Schutz von Flora und Fauna geachtet werden.


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