Drei Innsbrucker nördlich der Nordkette: Tag 2

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Jeder kennt die Nordkette. Viele waren schon oben, sei es zu Fuß oder bequem mit Bahn und Gondel. Es stellt sich aber trotz allem die Frage: Was liegt eigentlich dahinter? Spekulationen zufolge treibt dort Sauron noch immer sein Unwesen. Nach 61 Fußkilometer, 8.900 Höhenmeter, 50kg Gepäck, Killerschafen und kalten ungemütlichen Nächten können wir euch versichern: dem ist nicht so. In 6 Tagen einmal um die bekannteste Bergfassade Österreichs. Tag 2.

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Der erste Morgen

Nachdem die gestrigen Strapazen erst für eine schnelle Reise ins Traumland gesorgt haben, ließen die niedrigen Temperaturen und der unebene Lagerboden (unfreiwillige Kuscheltime!) die Nacht dann doch alles andere als gemütlich ausfallen. Letztendlich wache ich aber voller Motivation ob der am Vortag geleisteten Höhenmeter auf. Mein Rücken kracht und ächzt zwar, doch die Stimmung ist gut als ich aus dem Zelt steige.

Schneidender Wind küsst mich endgültig wach, verkompliziert erst die morgendliche Blasenentleerung und dann auch noch das Teekochen. Wir suchen daher erst hinter einem Felsen Zuflucht, bevor wir das Lager verlassen und uns auf den Weg zum ersten Gipfel unserer Tour machen.

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Der Tag der Bestie I

Der Weg führt uns zu Anfang noch recht gemütlich in Richtung Osten über den Solsteinsattel. Müde Geister werden wach, steife Muskeln entspannen sich und wir kommen gerade wieder auf Betriebstemperatur, als wir durch einen wundervollen Anblick ins Stocken geraten: Steinböcke

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Neun Exemplare grasen knapp 100m vor uns und haben uns, da wir uns in ihrem Abwind befinden, noch nicht bemerkt. Als sich dieser legt, werden wir aber doch entdeckt und Weibchen und Jungtiere ziehen sich rasch zurück. Die Böcke hingegen zeigen sich relativ unbeeindruckt und stapfen ohne Hast davon, und zwar genau in die Richtung, die wir auch einschlagen müssen. Wir wollen die Könige der Alpen um keinen Preis stören und so bleibt uns nichts anderes, als uns in Geduld zu üben, abzuwarten und unseren Weg langsam und behutsam fortzusetzen, um die Tiere nicht unnötig aufzuscheuchen.

Ich kann mein Haus von hier oben sehen

Die Rechnung geht auf und nach einigen ungeschickten Klettermoves (im Vergleich zu den Steinböcken zumindest), stehen wir tatsächlich am Kleinen Solstein (2637m) und damit am höchsten Punkt der Nordkette.

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Der Ausblick, die morgendliche Sonne (es ist gerade erst 8:00) und sogar der gefühlt zwölfte Müsliriegel des Tages sind himmlisch. Ordnungsgemäß tragen wir uns ins Gipfelbuch ein und zeigen uns gegenseitig unsere Häuser in der uns zu Füßen liegenden Stadt. Der Gedanke an das restliche Tagespensum zwingt uns aber zum baldigen Aufbruch.

A long way down, in the shadow of the Latsche

Wieder zurück im Lager, beginnen wir dieses abzubauen und starten dann in Richtung Großer Solstein (2541m). Als wir diesen überqueren, frischt der Wind erneut auf und lässt uns trotz dem zusätzlichen Gewicht auf den Schultern öfters ins Straucheln kommen.

Der Abstieg zum Solsteinhaus (1806m) stellt sich als härter heraus, als ursprünglich angenommen: der bisher zumindest noch kühlende Luftzug setzt nach kurzer Zeit aus und als sich der Weg auf ungefähr halber Strecke in die Latschen hineinbewegt, brennt die Höhensonne unerbittlich auf uns herab. Mit häufigen Pausen und genügend Wasserzufuhr schaffen wir es dann aber doch zum rettenden Apfelsaft und Gröstl.

Satt, ausgeruht und mit frisch aufgefüllten Wasservorräten wollen wir gerade wieder auf den Weg machen, als ich dann aber doch gewisse Nachwirkungen an mir feststellen muss. Meine Ohren haben einen wunderschönen roten Sonnenbrand abbekommen, den unser Dr. Felix* mit einem „Ich habs euch doch noch gesagt!“ kommentiert.

Der Tag der Bestie II

Unser Ziel für heute, der Zischgenkopf (1932m), scheint nun schon in greifbarer Nähe. Knappe 100 Höhenmeter und 2,5km Luftlinie scheinen auf der Karte leicht zu bewältigen, der Weg ist aber wenig benutzt und nach einer Stunde Marsch stoßen wir auch auf den vermeintlichen Grund dafür.

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Ab dem Oberissjoch (1902m) quert der Pfad eine ausgedehnte Schafalm. Von weitem hört man schon ihre Glocken, ab und zu blökt es auch irgendwo am Hang und überall muss man schon ihren Hinterlassenschaften ausweichen.

Die Bergidylle scheint perfekt, bis wir über eine Kuppe kommen und eine kleine Gruppe der Wollproduzenten aufschrecken. Die Tiere flüchten ins Gebüsch und im ersten Moment scheint es, als ob es das schon gewesen wäre. Doch dann kommt das Blöken.

Erst ertönen nur einzelne Rufe, wie ein Nachfragen ob alles in Ordnung sei. Diese werden prompt beantwortet, doch es folgen noch weitere, und zwar aus Richtungen, in denen wir bis dorthin noch gar keine Schafe wahrgenommen hatten. Die Geräuschkulisse wird langsam hektisch und als wir uns nach einem besonders lauten Ruf umdrehen, sehen wir, dass sich hinter uns mindestens zehn von ihnen gesammelt haben und uns hinterhertraben. Irritiert erhöhen wir unser Tempo und wägen uns nach einer Kurve schon in Sicherheit, als das vermeintliche Leitschaf der Meute in der Biegung anhält und uns nur noch glühende Blicke hinterherschickt.

killersheep_byorgen_druffeldroffKünstlerische Interpretation (byorgen druffeldroff via Flickr)

Doch wir haben Koordinationsfähigkeiten und das taktische Geschick der Biester unterschätzt. Als wir weitergehen wollen, sehen wir uns einer weiteren Gruppe gegenüber, die uns jetzt entgegenkommt und keinerlei Anstalten macht stehenzubleiben. Versuche sie mit Stockfuchteln und selbstbewusstem Auftreten einzuschüchtern scheitern, und so bleibt uns nur uns auf höheres Gebiet zurückzuziehen und uns ruhig zu verhalten.

Die mordlüsternen Kreaturen verlieren daraufhin schnell das Interesse an uns (bewegungsbasiertes Sehvermögen?) und ziehen langsam wieder ab. Erst als auch das letzte weiße Schwänzchen verschwunden und das letzte wütende Blöken verklungen ist, steigen wir wieder auf den Weg herunter und setzen unseren Marsch fort.

Der zweite Abend

Mit dem Schrecken in den Knochen und einem neugefundenen Respekt vor den zukünftigen Weltherrschern (wenn wir Menschen nicht aufpassen), schlagen wir dann alsbald unser Lager auf und bereiten ein köstliches Mahl, bestehend aus Packerlsuppe und anschließend einem Gang Fertignudeln in Paprikasauce – tres magnifique!

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Der Tag geht langsam zur Neige und nicht ganz zufällig stehen unsere Zelte im Schatten des Großen und Kleinen Solstein, den beiden Spitzen, zwischen denen wir unseren heutigen Tag gestartet haben.

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Fotos: Tobias Pircher und Google Earth (Karte)


* Felix de Zordo ist kein ausgebildeter Arzt. Der Titel des Doktors wurde ihm hier zu humoristischen Zwecken angedichtet. Bitte wenden Sie sich mit gesundheitlichen Problemen an Personen mit abgeschlossener medizinischer Ausbildung, und nicht an Felix de Zordo.

Das Karwendel ist das größte Naturschutzgebiet Österreichs. Besonders hier ist Zelten, Feuermachen, die Störung von Wildtieren und das Pflücken von Pflanzen(teilen) strengstens verboten. Die Übernachtung im Zelt sollte eine absolute Notlösung sein und es muss unbedingt auf den Schutz von Flora und Fauna geachtet werden.


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