Drei Innsbrucker nördlich der Nordkette: Tag 4

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Jeder kennt die Nordkette. Viele waren schon oben, sei es zu Fuß oder bequem mit der Bahn und Gondel. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage: Was verbirgt sich dahinter? Spekulationen zufolge treibt dort Sauron noch immer sein Unwesen. Nach 61 Fußkilometer, 8.900 Höhenmeter, 50kg Gepäck, Killerschafen und kalten ungemütlichen Nächten können wir euch versichern: dem ist nicht so. In 6 Tagen einmal um die bekannteste Bergfassade Österreichs. Tag 4.

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 Ein neuer Tag entsteht und ich bin wach

Ein Novum! Die dritte Nacht unserer Wanderung lässt mich erstmalig gut schlafen und der Morgen empfängt mich mit dem Gefühl, tatsächlich gut gerastet zu haben. Ob das an der besonders schönen Lagerstelle, der geringeren Seehöhe (und den damit verbundenen höheren nächtlichen Temperaturen) oder vielleicht doch dem vermehrten abendlichen Konsum von Zillertaler Zirbenlikör liegt, sei jetzt mal dahin gestellt. Was aber feststeht, ist das mein gestriger Durchhänger überwunden ist. Der Kopf drückt nicht mehr, der Hals hat aufgehört zu schmerzen und alte Kräfte kehren zurück. Meine Entscheidung die Nacht noch abzuwarten und doch nicht schon in Scharnitz abzubrechen, war definitiv richtig. Ärgerlicherweise hat es dafür jemand anderen getroffen.

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Felix, der sich gestern noch im Blickfeld von empörten deutschen Touristen wie eine junge Seenixe geräkelt hat, wird von Bauchschmerzen geplagt. Wir entscheiden uns daher den Tag geruhsam anzugehen, setzen Tee auf und bereiten ein reichhaltiges Frühstück (Müsliriegel, Müsliriegel und noch mehr Müsliriegel) zu. Während Tobias und ich die Zeltstätte abbauen, kann sich unser Patient auch noch ein wenig ausruhen, bevor wir unseren Marsch flußaufwärts fortsetzen.

Die schlechtesten Touristen im ganzen Tal

Waren wir die letzten Tage, mit Ausnahme der Hüttenaufenthalte, großteils noch alleine unterwegs, müssen wir jetzt feststellen, dass das Hinterautal touristisch offensichtlich sehr gut erschlossen ist. Der Verkehr des Vorabends war nur ein kleiner Vorgeschmack auf die wahren Massen, die uns nun begegnen.
Kaum 2 Minuten vergehen, ohne das Geräusch eines heranrauschenden Autos oder Baufahrzeugs. Ältere Herren und Damen sausen auf summenden E-Bikes an uns vorbei. Sogar ein eigenes Karwendeltaxi gibt es, dass Schaulustige und Gehfaule zum Isarursprung (1162m) und noch weiter ins Hinterautal hinein befördert.

Mit viel zu professioneller Ausrüstung, sonnengebräunter Haut und unserem Skeptizismus motorisierten Vehikeln gegenüber, machen wir hier offensichtlich alles falsch, was den modernen Alpentouristen ausmacht.

IMG_3413Zwischenzeitlich werden sogar wir zur Attraktion: Wie kann man so eine Strecke auch nur auf Schusters Rappen zurücklegen? – Diese verrückte Jugend!

Wir sehen die Falle und treten trotzdem hinein

Gegen Mittag erreichen wir unsere erste Raststelle. Die Kastenalm (1220m) enttäuscht aber auf ganzer Linie. Von einer Dame geführt, für die „Kuchldragoner“ noch eine nette Beschreibung wäre (das Pärchen, dass sich mit uns den Tisch teilt bezeichnet sie als „a grantige Kantn“), sind hier die Preise gesalzen, die Portionen spärlich und warme Speisen sucht man vergeblich. Trotzdem ist die Wirtschaft gut besucht, eine gewisse Monopolstellung in Kombination mit guten Deals mit den Taxiunternehmen tun hier wahre Wunder für die die Kasse.
Am liebsten würden wir eine so offensichtliche Touristenfalle boykottieren, Hunger und Durst zwingen uns aber doch zum Verweilen. Gelindert wird das Ganze aber zumindest durch die Anwesenheit von streichelbedürftigem Hausgetier.

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Auseinandergehen ist schwer

Schlechte Nachrichten gibt es auch von der De Zordo’schen Gesundheitsfront. Denn obwohl Felix wieder ein wenig zu Kräften gekommen ist, halten die Bauchkrämpfe immer noch an. Wir versuchen die Entscheidung noch ein wenig hinauszuzögern, doch in Anbetracht der vor uns liegenden Höhenmeter ist es klüger kein Risiko einzugehen und ihn via Scharnitz zurück nach Innsbruck zu schicken. Dort kann sich seine wundervolle und ohnehin schon schmerzlich vermisste Freundin dann ansprechend um ihn kümmern.
Schweren Herzens packen Tobias und ich unsere Rucksäcke um und nehmen Abschied von unserem gefallenen Kameraden.

DSC06700Der Verlust sitzt tief in den Knochen

Nicht kartografiertes Gebiet

Zu zweit kämpfen wir uns den Berg in Richtung Lafatscher Hochleger (1648m) hoch. Der Gedanke an warmes Essen lässt uns die 400 Höhenmeter in knapp zwei Stunden bewältigen und als wir ankommen, werden wir aufs freundlichste (sprich: mit Schnaps) empfangen. Die eigentliche Mission können wir dann aber doch nicht erfüllen.
Entgegen unserem (brandneuen) Kartenmaterial ist die ehemalige Sommerwirtschaft vor drei Jahren nämlich verkauft worden und befindet sich nun in Privatbesitz. Der ältere Herr, der uns so herzlich aufgenommen hat, ist eigentlich Teil des Bautrupps, der hier gerade mit Renovierungen an der Fassade beschäftigt ist.

Nach einer netten Plauderei setzen wir unseren Weg fort. Der krasse Unterschied zwischen der unsympathischen Kastenalm und der bedingungslosen Gastfreundschaft unserer gerade neugewonnenen Freunde bleibt mir noch Tage später im Gedächtnis.

Zelt in Bachnähe (2er WG geeignet)

Mit etwas Treibstoff im Blut (Obstler) kommen Tobias und ich flott voran und eine knappe Stunde später finden wir einen gut gelegenen Lagerplatz. Dieser ist nicht nur windgeschützt, sondern kann auch mit einem nahegelegenen Bach aufwarten – perfekt für eine schnelle Waschung, um im Hallerangerhaus (1768m) nicht olfaktorisch unangenehm aufzufallen.

Hier kommen wir endlich an eine heiße Mahlzeit und hoffen mit Gulasch, kühlem Bier und der Coolness bis auf elf aufgedreht (dank Sonnenbrillen), dass es Felix inzwischen unbeschadet zurück in die schützenden Arme Innsbrucks geschafft hat.

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Fotos: Tobias Pircher und Google Earth (Karte)


Das Karwendel ist das größte Naturschutzgebiet Österreichs. Besonders hier ist Zelten, Feuermachen, die Störung von Wildtieren und das Pflücken von Pflanzen(teilen) strengstens verboten. Die Übernachtung im Zelt sollte eine absolute Notlösung sein und es muss unbedingt auf den Schutz von Flora und Fauna geachtet werden.

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