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Drei Innsbrucker nördlich der Nordkette: Tag 5

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Jeder kennt die Nordkette. Viele waren schon oben, sei es zu Fuß oder bequem mit der Bahn und Gondel. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage: Was verbirgt sich dahinter? Spekulationen zufolge treibt dort Sauron noch immer sein Unwesen. Nach 61 Fußkilometer, 8.900 Höhenmeter, 50kg Gepäck, Killerschafen und kalten ungemütlichen Nächten können wir euch versichern: dem ist nicht so. In 6 Tagen einmal um die bekannteste Bergfassade Österreichs. Tag 5.

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05.57 – Es läutet der Wecker, ich wache auf, haue auf die Snooze Taste und schlafe wieder ein. Neun Minuten später das gleiche Szenario. Gegen viertel nach 6 drehe ich mich um und sehe Uli bis zur Nase in seinem Schlafsack eingerollt. Ich wecke ihn auf und robbe aus dem Zelt. Der Morgentau hat all unsere Sachen, die wir eigentlich trocknen wollten, wieder komplett durchnässt.  Ich freue mich über den noch warmen Abendtee und schiebe mir, mit gemischten Gefühlen den gefühlten 411. Müsliriegel zwischen die Zähne. In der Kälte des Morgens packen wir unser Lager zusammen und machen uns auf den Weg zum Lafatscher Joch. Eigentlich wollten wir morgens noch die Haare im Fluss waschen, aber bereits rein der Gedanke daran hält uns von dieser morgentlichen Erfrischung ab.

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08.37 – Nach einem steilen Aufstieg zum Lafatscher Joch genießen wir einen tollen Ausblick über das Hinterautal.  Wir setzen uns am Joch nieder und packen unsere Essensrationen aus. Wir haben definitiv zu viel mit. Nach einer Sichtung der verbleibenden Lebensmittel entscheiden wir uns für Brot mit Wurst und einer Doppelpackung asiatischer Fertignudel mit Fleischgeschmack.

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09.30 – Nach diesem ungewohnt fettigem, aber nährreichem,  Frühstück packt Uli die Wanderkarte aus. Er fährt mit seinem Finger über ein paar rote Wanderwege und entscheidet sich bereits heute über das Törl nach Innsbruck abzusteigen. Kurz wäge ich ab, ob ich wohl auch schon nach Hause will. Zu unserem eigentlichen Tagesziel sind es noch gute 5 Stunden Fußmarsch. Der Blick dem steilen Schotterfeld zum Stempeljoch hoch, dem letzten Übergang zurück zur Nordkette, motiviert mich aber weiterhin unserem Plan zu folgen. Nach wenigen Minuten trennen sich die Wege von Uli und mir.

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Ich folge dem Wilde Bande Steig und erreiche nach zwei Stunden das Stempeljoch. Vor einem ragt die Rumer Spitze in den Himmel und man sieht in die Weiten des Gleischtals. Obwohl mein nächstes Ziel die Pfeishütte wäre, biege ich links ab und laufe noch die wenigen hundert Meter hoch zur Thaurer Spitze. Von hier aus sehe ich nach 5 Tagen zum ersten Mal wieder runter auf Innsbruck.

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13.45 – Ich stecke das Gipfelbuch zurück in seine Ablage und gehe auf die andere Seite des Gipfels. Tief im Tal entdecke ich die Pfeishütte. Offroad über einige Schotterfelder kürze ich den Weg dorthin ab und gehe mit raschem Tempo meinem späten Mittagessen nach. Empfangen von einer netten und sehr aufmerksamen Dame, genehmige ich mir eine Portion Knödelgröstel, ein großes Hefe und ein Stück Kuchen. Als ich für gerade mal 13 Euro meine Brieftasche zücke, muss ich innerlich leicht schmunzeln. Es zeigt sich wiedereinmal, dass auf den Berghütten in Tirol nicht immer alles teuer sein muss.

15.15 – Ich packe meine Sachen wieder zusammen und starte über den Goetheweg weiter zur Arzler Scharte. Es begleitet mich ein junger Mann, der mich kurz nach dem Start angequatscht hat. Gut eine Stunde lang höre ich interessiert seinen Geschichten zu und bewundere sein Vorhaben, von München zu Fuß bis nach Venedig zu gehen. Nach etwas Fachsimpelei verabschieden wir uns und ich steige in den Nordkamm der Nordkette ein.

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Man sieht von hier aus erneut tief ins Gleirschtal und über den Nordrücken der Nordkette. Das Fehlen der Touristen, Wanderer, Autos und Straßen machen diesen Abschnitt zum Ruhigsten von allen der Wandertage bisher. Ich ziehe mein GPS Gerät hervor und suche nach dem Biwak, der sich hier ganz in der Nähe befinden soll. Zwanzig Minuten später stehe ich vor einem großen Haufen Steine mit einem Riffblechdach darüber. Mit gemischten Gefühlen schaue ich in das Innere des „Biwaks“ und male mir bereits jetzt meine kurze und kalte Nacht aus.

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19.14 – Ich sitze vor meiner Unterkunft und esse die Salami auf, die ich noch dabei habe. Im Biwak habe ich noch eine handvoll alter Kerzen gefunden, welche von langen Nächten zuvor zeugen. Ich probiere mit meinem Taschenmesser die Kerzen wieder in Form zu bringen. Nach zwei aufwändigen Wachs und Docht Transplantationen brennen zwei der acht Kerzen wieder. Ich zünde Sie an und stelle sie in den Biwak.

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20.21 – Ich sitze noch eine ganze Weile vor der Hütte und sehe der Sonne beim Verschwinden zu. Meine Beine signalisieren mir: Es ist ein langer Tag, den ich hinter mir habe. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es schnell kalt und ich ziehe mein Schlafzeug an. Auf die böse Vorahnung hin, dass es wohl kalt wird, ziehe ich mir zwei lange Unterhosen, zwei T -Shirts und einen Pullover über. Ich drücke die alte und kaputte Biwaktür in ihren Rahmen und lege mich auf das provisorische Bett. Außerhalb meiner Schutzmauern hört man ein paar Schafe, die langsam aber sicher wieder Richtung Tal wandern.

Für den absoluten Temperatursturz habe ich mir bereits eine Rettungsdecke über den Schlafsack gezogen. Ich stelle meinen Wecker auf halb 6 und hoffe, dass ich bald einschlafen werde. Der pfeifende, kalte Wind und die Vielzahl unheimlicher Geräusche verbessern meine Situation nicht. Ich beneide Uli und Felix um eine warme Dusche und um ihr / mein Bett. Egal, morgen wird ein guter Tag, hoffen wir auf gutes Wetter.

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Fotos: Tobias Pircher und Google Earth (Karte)


Das Karwendel ist das größte Naturschutzgebiet Österreichs. Besonders hier ist Zelten, Feuermachen, die Störung von Wildtieren und das Pflücken von Pflanzen(teilen) strengstens verboten. Die Übernachtung im Zelt sollte eine absolute Notlösung sein und es muss unbedingt auf den Schutz von Flora und Fauna geachtet werden.


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