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Mein Sommerjob in der Waffenschmiede

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Es tut nichts zur Sache, um welche Firma es sich handelt, wo sie liegt und welche namentlichen Produkte in ihr zusammengestellt werden. Es genügt zu wissen, dass dieses Gebäude einem Hochsicherheitstrakt ähnelt, sich in Österreich befindet und ihre Waren in sämtliche Länder der Welt exportiert. Eine Germanistik-Studentin aus Innsbruck hat sich in diesen schwarzen Bunker verirrt und erzählt euch jetzt den Grund dafür.

Die Firma

Außen schwarz wie die Nacht, innen wohl heller als das Licht am Ende des Tunnels. Hier teile ich mir die Werkstatt mit einigen Frauen und dem Chef der Produktionsabteilung. Ich genieße meinen morgendlichen Snack an meinem Arbeitsplatz, während im Beschussraum nebenan die neuen, verbesserten Pistolen getestet werden. Mit einigen tausend Schüssen pro Tag. Mit Magazinen á zehn Schuss. Mit Munition, an die sich meine Finger lange erinnern werden, denn ich magaziniere eigenhändig auf.

Die Produkte

Fakt ist: Ich befinde mich in einer österreichischen Firma, in der Gewehre und Pistolen aus angelieferten Einzelteilen zusammengeschraubt, eingeschossen, verpackt und verkauft werden. Zu Sportzwecken versteht sich. Für die Polizei zum Üben. Um den Kaninchenbestand andernorts in Schach zu halten. Oder einfach nur als pinkes Accessoire in schicker Gürteltasche. Dieses Geschäft boomt. Heute wie vorgestern wie übermorgen. Ein Mitarbeiter definiert den Begriff „Waffe“ folgendermaßen: Gewehre, Pistolen und diverse andere Schussapparate werden erst dann zu einer Waffe, wenn diese gegen einen Menschen eingesetzt werden, um diesem Schaden zuzufügen. Eine Schrotflinte zur Jagdzeit auf einen Feldhasen gerichtet wird folglich nicht als Waffe bezeichnet.

Meine Arbeit

Magazine sind mein Spezialgebiet. Damals als ich noch nach Stückzahl bezahlt wurde, lernte ich die schnelle, effiziente Fließbandarbeit. Heute werde ich nach Stunden bezahlt. Und verarbeite immer noch Kleinteile zu fertigen Magazinen. Mein Schnitt liegt mit 1300 in 17 Stunden, also in keinen zwei Arbeitstagen, deutlich über dem Durchschnitt. Doch bei dieser eintönigen Arbeit mit den immer wiederkehrenden 5 Arbeitsschritten und Handgriffen und Hammergeklopfe im Takt zur Ö3-Musik bleibt viel gedankliche Freiheit.

Keith LaFaille via FlickrDie Moral

Ich bin Studentin eines als brotlos angeprangerten Studiums. Ich bin 22 und noch immer abhängig vom Geld meiner Eltern. Nächstes Jahr um diese Zeit habe ich meinen BA und finde idealerweise in Innsbruck einen Job. Nicht nur wegen des Geldes, sondern wegen des Bleibens.

Dennoch frage ich mich zwischen dem Magazinwechsel im Beschussraum und mit einer neuen 10er-Reihe, die ich unterbewusst mitzähle: Ist meine Arbeit moralisch in Ordnung? Darf ich hier sitzen und Sportpistolen basteln, mit denen ein Nachbar einen aus dem Nachbarland erschießen könnte? Darf ich nach der Autofahrt hier sitzen und mir bei der Arbeit Gedanken darüber machen, was wohl mit den beiden Flüchtlingen passiert, die eben um 7 Uhr früh den Weg von der Autobahnabfahrt ins Gebüsch gesucht haben? Darf ich hier sitzen und „Waffen“ basteln, die in das Heimatland dieser Flüchtlinge verschifft werden könnten und sie zum Weglaufen bewegt?

Doch ich bin Studentin. Ich brauche das Geld. Und will vor allem in Innsbruck bleiben.

Fotos: Ute Schneiderbauer und „Glock 19“ von Keith LaFaille via Flickr unter CC 2.0

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