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Ausbeutung oder notwendiges Übel? – Über unbezahlte Praktika

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Durch das touristische Aushängeschild der Wiener Sozialdemokratie schlendernd, kann ich mir nicht verkneifen über den Wert nachzudenken, den diese ehemals proklamierten Ideen in der heutigen globalisierten Gesellschaft noch haben. Viele Rechte haben wir dazugewonnen, die Hierarchien sind aber scheinbar unsterblich und die Methoden der Machtausübung wurden aufgrund erhöhter Konkurrenz auf dem Markt immer brutaler, aber dennoch akzeptabler. Ein Paradoxon? Nicht wirklich.

Die Arbeitswelt ist heutzutage, vor allem im Dienstleistungssektor, dem größten Wirtschaftssektor, mehr denn je praktisch orientiert. Eigentlich ist sie nicht mehr auf feste Arbeitszeiten, bzw. -räume fixiert und schafft höhere Effizienz durch die Stärkung des Teamgeistes. Die Branchen, die das größte Interesse der Öffentlichkeit und somit auch der Arbeitssuchenden an sich ziehen, sind für neue Mitarbeiter hermetisch abgeriegelt. Andere Unternehmen wiederum haben im Fall der Ausschreibung offener Arbeitsstellen ganz genaue Vorstellungen darüber, was sie suchen. Auf jeden Fall muss der ideale Kandidierende eine vielschichtige Person sein. In Österreich ist, neben der Lehre, ein Studium die populärste Art des Eintritts in die Arbeitswelt. Der nächste Satz gilt vielleicht nicht in solchem Maße für naturwissenschaftliche und technische Studienrichtungen, aber: ein Studium alleine sichert noch lange nicht das finanzielle Überleben danach. Also müssen die rund 275.000 Personen, die laut Statistik Austria derzeit hierzulande studieren, handfeste Arbeitserfahrungen, idealerweise innerhalb ihrer Fachgebiete, sammeln, um die Theorie zu überprüfen, Fertigkeiten zu erlernen, damit den Lebenslauf ergänzen und damit dem zukünftigen Arbeitgeber Interesse, Wissen und Ausdauer zu signalisieren.

Tatsache ist, dass es auf dem Markt nicht genug bezahlte Möglichkeiten gibt die oben erwähnten Erfahrungen zu sammeln. Will man also in einer bestimmten Branche oder Unternehmen Fuß fassen, kommt man fast nicht um ein unbezahltes Praktikum herum. Die Vorteile sind klar: unser imaginärer, zukünftiger Medienmogul benötigt es als erste Stufe auf der Karriereleiter. Dem Unternehmen nutzen zwei zusätzliche Hände sowieso. Umstritten sind dabei jedoch zwei Punkte. Zum einen natürlich das Entgelt. Gemäß den Daten der Statistik Austria beträgt die Armutsgrenze in Österreich derzeit knapp 1000 Euro pro Monat. Um die anfallenden Lebenskosten zu decken, haben nicht nur, aber vor allem PraktikantInnen nur begrenzte Chancen. Sofern es die Entfernungen zulassen, ist das Wohnen bei den Eltern eine dieser Möglichkeiten, die jedoch längerfristig keine Lösung ist, vor allem wenn man eine etwaige, eigene Familienplanung in Betracht zieht. Die zweite Möglichkeit ist natürlich ein bezahlter Zweitjob. Hingegen zeigt eine einfache mathematische Tatsache, dass der Tag leider nur 24 Stunden hat und kaum ausreicht, um sich dem Praktikum, dem Job, dem Studium und dem Privatleben zu widmen und dabei noch ein paar Stunden zu schlafen. Die daraus resultierende Konsequenz ist, dass infolge des Versuchs dies trotzdem zu erreichen, irgendetwas davon geopfert werden muss. Meistens trifft es entweder das Studium, das Sozialleben oder die Gesundheit. Den Definitionen nach sollten Praktika sich auf das Ausbildungsprogramm beziehen und das Wissen erweitern und vertiefen. Tatsächlich können sich PraktikantInnen in einigen Unternehmen lehrreiches jedoch nur aus der Distanz aneignen und geistern in den Büros irgendwo zwischen zwei Extremen – der Bedienung des Kaffeeautomaten und der Ausübung der Arbeit bezahlter Angestellter. Letzteres beschäftigte in diesem Jahr auch die amerikanischen Medien. Xuedan Wang verklagte ihre ehemaligen Arbeitgeber, weil sie auch bis zu 55 Stunden pro Woche arbeitete und dafür nicht einmal den Mindestlohn bekam. Das Gesetz teilt auf beiden Seiten des Atlantiks Praktika allgemein in unterschiedliche Gruppen – je kürzer und freiwilliger das Praktikum, desto weniger Recht besteht auf ein Entgelt und Anspruch auf Sozialdienste. Die Definitionen und Interpretationen sind dabei wieder Grundlage für die Ausnutzung von Rechtslücken. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich der Inhalt und die Vergütung der Praktika, auch infolge solcher Gerichtsprozesse, zukünftig ändern werden.

In diesem Sinne: frohes Schaffen!

 

von Miha Veingerl

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