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Über das Suchen und Finden

Rezension: Simone von Anja Reich

*Inhaltswarnung: Dieser Artikel und das Buch behandeln psychische Krankheiten und Suizid.*

Der Roman “Simone” entführt mich in eine Zeit rund um den Mauerfall, in die DDR, die dortigen Lebensarten und Denkweisen. Er gewährt Einblicke in das Leben einer Frau, die jeden Tag gelebt hat, als wäre es ihr letzter, bis sie schließlich – barfuß – von ihren Nachbarn tot aufgefunden wird. Das Buch erzählt die Geschichte von Simone und von der Suche nach einem „Warum?“.

Während Anja, die Autorin und Ich-Erzählerin, gemeinsam mit der ganzen Welt inmitten der Corona-Pandemie steckt, beginnt sie, dem Suizid ihrer Freundin Simone auf den Grund zu gehen. Sie trifft Bekannte, Liebhaber und Freund*innen von Simone, sucht deren Familie auf und spricht mit ihrem Bruder sowie den Eltern. Dabei taucht sie tief in die Vergangenheit ein, beleuchtet die Lebensgeschichten von Simones Großeltern und Eltern und sucht nach möglichen Gründen für den Suizid ihrer Freundin. Anja beschäftigt sich mit dem Aufwachsen in der DDR, mit ständigem Leistungsdruck und der andauernden Kontrolle durch den  Staat. Sie beschreibt, ohne zu werten oder zu verurteilen, wie es ist, in einem Staat zu leben, in dem die Liebsten Dinge vor anderen verbergen müssen und das Vertrauen ständig auf die Probe gestellt wird.

Das Buch lässt  mich tief in eine Zeit blicken, in der ich noch nicht geboren war und die ich nur aus Erzählungen kenne. Noch nie war die Trennung von Ost und West so greifbar wie in diesem Buch. Selten habe ich mich so intensiv in die Lebensrealitäten dort hineinversetzen können. Durch die Art und Weise der Erzählung des Alltags fühlt man sich als Leser*in zurückversetzt in eine Zeit und an einen Ort, in dem zwar politisch keine Klassen existierten, jedoch alles von Privilegien geprägt war.

Neben der historischen Komponente bietet “Simone” auch etwas anderes: Es wird erzählt von einem rastlosen, suchenden Leben. Durch die Recherche der Autorin wird Schicht für Schicht das Leben der Frau aufgedeckt, die sich in ihren späten Zwanzigern aus dem Fenster stürzte. Als Leserin erhalte ich Einblicke in Simones Tagebuch sowie in die Erzählungen und Erinnerungen ihres Umfelds und werde so in ihr Leben hineingezogen. Es wird deutlich, wie lange Simone schon vor ihrem Suizid nicht mehr wusste, wo sie hingehört, wie sie von Traurigkeit übermannt wurde und im nächsten Moment waghalsige Reisen unternahm.

Mit sanfter und ruhiger Hand beschreibt Anja die Sprunghaftigkeit, Unzufriedenheit und Härte des Lebens ihrer Freundin. Fast wie in einem Tagebuch schildert sie so in einer zusammenhängenden Geschichte ihre Suche nach einem „Warum“. Seite für Seite erzählt sie von den Treffen, die sie mit dem Umfeld von Simone arrangiert hat, von ihrem eigenen Leben mit Simone, die manchmal da war und manchmal nicht. Sie zitiert aus Tagebüchern und Briefen von Simone und deckt Schritt für Schritt Geheimnisse auf, entdeckt Ängste und Sorgen. Man kann das Buch nicht aus der Hand legen, so nah fühlt man sich den Protagonistinnen Anja und Simone. Dabei wirkt die Erzählung so authentisch und lebensnah, als würde man in der eigenen Vergangenheit forschen. Auch die einfache Sprache, die nicht blumig, sondern hart, ehrlich wirkt, trägt dazu bei, dass ich mich den Personen nahe fühle. Das Buch steuert unaufhaltsam auf Simones Selbstmord zu, obwohl Erklärungen bis zum Schluss hin schwer zu finden sind. Und dennoch gibt es ein Ende, das es erleichtert, das Buch loszulassen – mit einem lächelnden und einem weinenden Auge.

**Simone**
*Autorin: Anja Reich*
*Seiten: 304*
*Veröffentlichungsdatum: 15. August 2023*
*Verlag: Aufbau-Verlag*

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