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Jugendschicksale beim IFFI 2022

Letzte Woche ging das große Filmfestival von Cannes zu Ende. Die ganze Filmwelt blickte zu der zwölftägigen Veranstaltung wohl nach Cannes und während in Südfrankreich Filmtheater gefüllt und rote Teppiche beschritten wurden, fand auch in unserer Alpenmetropole das alljährliche Internationale Filmfestival Innsbruck (IFFI) im Leokino und Cinematograph statt. An sechs Tagen feierte das IFFI den Film als globales Phänomen in all seinen Facetten. Neben den großen Kategorien Spielfilmwettbewerb und Dokumentarfilmwettbewerb war auch dieses Jahr wieder der Jugendjurywettbewerb vertreten. Aus vier Filmen wird von Schüler*innen und Lehrlingen der Gewinnerfilm gewählt. Alle vier Filme zeigen Geschichten von Kindern und Jugendlichen und in drei davon verkörpern weibliche Hauptrollen ihre Stäke in einer patriarchalen Welt.

Mit dem Film „Yuni“ eröffnete ein starker und lyrischer Film noch vor der offiziellen Eröffnung das IFFI. Der Film spielt in Indonesien, wo Yuni, eine 16-jährige talentierte Schülerin, möchte gerne studieren und erhofft sich ein Stipendium. Ihre Noten sind gut, nur für das Fach Literatur fehlt ihr das Verständnis und ausgerechnet der Lehrer dieses Fachs hat es ihr angetan. Mitfühlend und mitleidend wird man als Zuschauer*in Teil ihrer jugendlichen Krisen. Das Schwärmen für den Lehrer, Gossip auf dem Schulhof, den ersten Ausflug in einen Club ab 18 und die Zerrissenheit zwischen Kind-bleiben-dürfen und Erwachsen-sein-wollen kann man als Zuschauer*in gut nachempfinden. Nur den Konflikt der Heirat, eine Entscheidung zwischen Stipendium und Ehe, zwischen Eigenständigkeit und gesellschaftlichen Erwartungen, können wir uns aus einer vergleichsweise emanzipierten Gesellschaft nur schwer vorstellen. Denn obwohl Yuni gute Chancen auf ein Stipendium hat, kann sie sich darauf nur bewerben, wenn sie unverheiratet ist und es gilt als Schande, mehr als zwei Heiratsanträge abzulehnen; und Yuni bekommt als kluge, schöne Frau bereits ihre ersten Anträge.

Yunis Lehrer schafft es kaum, ihr die Lyrik näher zu bringen. Dafür aber ihr schüchterner Mitschüler, der ihr immer wieder Zettel mit kurzen Gedichten zusteckt. Sie ist geschmeichelt durch seine Aufmerksamkeit und nutzt ihn als Hilfe für Hausaufgaben und als Clubbegleitung, als ihre Freudinnen sie nicht begleiten möchten. Obwohl sie ihn anfangs eher ausnutzt, beginnt sie ihn doch zu mögen und verbringt immer mehr Zeit mit ihm. Auch sexuell übergriffige Handlungen ihrerseits schmälern seine Begeisterung zu ihr nicht. Als Yunis Literatur-Lehrer ihr den, für sie dritten Heiratsantrag macht, fällt ihr die Entscheidung besonders schwer. Anfangs schwärmte sie zwar noch für ihn, in der Zwischenzeit ist sie jedoch Hüterin eines seiner Geheimnisse geworden, durch das sich ihre Verliebtheit verflüchtigt hat. Ihre Entscheidung teilt sie zuletzt selbst mit einem Gedicht mit. Die Gedichte im Film beruhen auf dem Werk des berühmten indonesischen Dichters Sapardi Djoko Damono und rahmen die Gefühlslage der Jugendlichen passend ein. Yuni, der Name eines Mädchens, das im Juni geboren ist, zitiert selbst im Film das Gedicht „Regen im Juni“:

tak ada yang lebih tabah
dari hujan bulan Juni
dirahasiakannya rintik rindunya
kepada pohon berbunga itu
tak ada yang lebih bijak
dari hujan bulan Juni

dihapusnya jejak-jejak kakinya
yang ragu-ragu di jalan itu
tak ada yang lebih arif
dari hujan bulan Juni
dibiarkannya yang tak terucapkan
diserap akar pohon bunga itu

Es gibt nichts Stärkeres
als Regen im Juni
der seine Sehnsucht in Nieselregen
an den blühenden Baum treibt
Es gibt nichts Weiseres
als Regen im Juni
der die zögerlichen Spuren
auf dem Weg verwischt
Es gibt nichts Feinfühligeres
als Regen im Juni
der das Unausgesprochene
aus den Wurzeln des Baumes zieht

„Yuni“ ist ein Film über Selbstbestimmung und das Erwachsenwerden. Die Regisseurin Kamila Andini möchte mit diesem Film die Konflikte und die Gegensätze in der Gesellschaft sichtbar machen. Das gelingt ihr auf sehr intime und persönliche Art und Weise, ohne zu provozieren aber immer mit einer kleinen Erschütterung über die Gedanken und Handlungen der Jugendlichen, in denen man sich selbst schnell wieder findet.

Im Gewinnerfilm des Jugendjurywettbewerbs „Nachbarn“ erzählt der Regisseur Mano Khalil mit Inspirationen aus seiner eigenen Kindheit die Geschichte des Jungen Sero, der mit seiner Familie in einem kleinen syrischen Grenzdorf lebt. Der Film spielt in den frühen 1980er Jahren und der junge Kurde erlebt, wie sich seine Welt beim Besuch der Schule unter der Assad-Diktatur verändert. Die kurdische Sprache wird durch den neuen Lehrer verboten und der Hass auf jüdische Mitmenschen geschürt. Der Film zeigt berührende Momente aus dem vermeintlich leichten Kinderleben, das sich plötzlich so sehr ändern soll. Auf einmal soll Sero die liebevolle jüdische Nachbarsfamilie verachten, das versteht der Erstklässler nicht. Durch die Perspektive des sechsjährigen Sero ermöglicht der Film eine kindliche Sicht auf den Konflikt. Ohne Dokumentarfilm-Charakter zeigt er die Grausamkeit der Geschehnisse und bleibt dabei doch humorvoll.

Wie diese Filme zeigten auch die anderen Kategorien des IFFI Produktionen aus der ganzen Welt. So wurden dem Publikum unter anderem Filme aus Haiti, Vietnam, Argentinien, Portugal, Iran und vielen weiteren Ländern präsentiert. Es wurden über 80 Kurz- und Langfilme in 73 Vorstellungen gezeigt und einige ausgewählte Filme sind noch weitere 6 Tage über den Stream des IFFI verfügbar.

Bilder: trigon-film.org
Frenetic Films

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