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Pussy Riot: Russischer Punk gegen Putin

Mit „Riot Days“ tourt das feministische Punk-Kollektiv aus Russland durch Europa und legt dabei auch einen Halt in Österreich ein. Mit ihrem regierungskritischen Aktivismus erregen sie seit über zehn Jahren immer wieder aufs Neue Aufsehen in und außerhalb Russlands und lassen sich auch von Drohungen und Klagen nicht abhalten. Die Themen ihres Aktivismus könnten aktueller nicht sein. Die herrschende politische Lage hat dem Protest gegen Putin und sein Regime öffentlich weiteren Nachdruck verliehen.

Pussy Riot in Tirol

„Einziger Österreich-Gig von Pussy Riot – in St. Johann in Tirol“ – Diese Headline lässt aufhorchen… Pussy Riot? Für mich ist dieser Name mit einem prägnanten Bild verknüpft: Die Titelseite der lachsfarbenen Tageszeitung, die vor über zehn Jahren am Küchentisch lag – sie zeigte drei bunt maskierte Frauen, die in einer russischen Kirche mit Instrumenten auftraten. So wirklich verstand ich damals nicht, was sie da gemacht hatten, es häuften sich die Fragen: Warum tragen sie alle diese komischen Sturmhauben? Warum spielt man eine Art Konzert in der Kirche? Warum muss man „gegen“ etwas demonstrieren? Und was hat das mit dem Präsidenten von Russland zu tun?

Wer ist Pussy Riot?

Pussy Riot wurde 2011 als feministische Punk-Band in Russland gegründet. Die bunten Sturmhauben, die die Musikerinnen bei ihren Auftritten auf der Bühne oder den unangemeldeten Performances im öffentlichen Raum tragen, sind ihr Markenzeichen. So sollte von Beginn an die Anonymität der Frauen gewahrt werden, bei offenkundig regierungskritischen Protestaktionen durchaus nachvollziehbar.
Bei ihren Performances setzt sich Pussy Riot aus einer Auswahl der zehn bis zwanzig Frauen*, die dem Kollektiv angehören, zusammen. Zu dieser offenen Zusammensetzung gehört auch, dass ein Mitglied von Pussy Riot sein darf, wer sich selbst als Frau sieht – unabhängig des biologischen Geschlechtes. Über die Jahre waren aber auch bei einigen Aktionen und im Hintergrund Personen beteiligt, die sich nicht als Frauen identifizieren. Wichtig sind die geteilten Werte, die die Aktivist*innen von und rund um Pussy Riot verbindet. Zu diesen Grundeinstellungen des Kollektivs gehören Feminismus, Einsatz für die LGBTIQ+-Community und anti-Autoritarismus. Öffentlich am stärksten wahrgenommen wird wahrscheinlich ihr schon jahrelang andauernder Protest gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und sein Regime.

Bühnenperformance von Pussy Riot (c) Pussy Riot

„Punk Prayer“ – Aktivismus in der Kirche

Der Auftritt mit dem Pussy Riot um die Welt ging, dauerte nur 41 Sekunden. So lange währte die Performance „Punk Prayer“ von Pussy Riot am 21. Februar 2012 in der Moskauer Christus-Erlöser Kirche, bei welcher sie ihren Protestsong Virgin Mary, send Putin away („Jungfrau Maria, schick Putin weg“) performten. Dabei übten sie scharfe Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche, dem damals im Amt befindlichen Ministerpräsidenten Wladimir Putin und der Verbindung zwischen Kirche und dem russischem Staat. Die Performance ereignete sich vor dem Hintergrund der russischen Präsidentschaftswahl Anfang März 2012, aus welcher Wladimir Putin als Präsident von Russland hervorging. Im vorangegangenen Wahlkampf hatte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. offen für diesen geworben.

Drei der damals auftretenden Aktivistinnen wurden einige Wochen später festgenommen. Auf die Untersuchungshaft folgte ein Strafverfahren, das im Juli 2012 mit einer Verurteilung zu zwei Jahren Haft wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ endete.
Die Performance des „Punk Prayers“ und die darauf folgende strafrechtliche Verfolgung der Aktivistinnen erregte weit über Russland hinaus öffentliche Aufmerksamkeit: Weltweit protestierten Menschen mit bunten Sturmhauben auf dem Kopf gegen die Festnahmen der Pussy Riot Aktivistinnen und positionierten sich somit gegen Putin. Auch Kunstschaffende wie Paul McCartney und Madonna oder Politiker*innen wie Angela Merkel kritisierten das harte Urteil stark und sprachen Pussy Riot damit ihre Unterstützung aus.

Jekaterina Samuzewitsch wurde im Oktober 2012 als Erste der festgehaltenen Aktivistinnen unter Bewährung freigelassen. Die anderen beiden, Maria Alekhina und Nadya Tolokonnikova, wurden fast zwei Jahre in unterschiedlichen Arbeitslagern festgehalten. Sie berichteten von menschenunwürdigen Haftbedingungen, Misshandlungen durch das Gefängnispersonal und Todesdrohungen ihnen gegenüber. Die Arbeit, die sie an bis zu 17 Stunden langen Arbeitstagen, sechs Tage die Woche verrichten mussten, beschrieben sie als sklaven-ähnlich, weshalb beide zeitweise in den Hungerstreik traten.
Erst im Dezember 2013 wurden Maria Alekhina und Nadya Tolokonnikova im Rahmen einer Generalamnestie des russischen Parlaments freigelassen. Dieser generelle Straferlass stand in engem zeitlichem Zusammenhang mit den Anfang 2014 im russischen Sochi durchgeführten Olympischen Winterspielen, was von Pussy Riot hervorgehoben und kritisiert wurde.
Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte die Prozessführung gegen die drei Aktivistinnen: Im Sommer 2015 urteilte er über eine dementsprechende Beschwerde, dass der Prozess, die darauf folgende Haft und die Demütigungen der Frauen im Zuge dessen nicht mit der Meinungsfreiheit vereinbar sei.

Protestperformances und ihre Auswirkungen

Trotz der Gefahr vor weiteren strafrechtlichen Verfolgungen, hielt und hält der Aktivismus der Mitglieder von Pussy Riot an: Bei der 2018 in Russland stattgefundenen Fußballweltmeisterschaft, führten sie eine Störaktion durch, bei der vier Aktivist*innen in Polizeiuniformen während des Finalspiels auf das Spielfeld liefen. Damit wollten sie auf die Missachtung der Menschenrechte in Russland hinweisen und stellten an den im Stadium anwesenden Präsidenten Putin konkrete Forderungen wie die Freilassung politischer Gefangener oder ein Ende der Festnahmen bei Kundgebungen. Nur kurz danach wurde einer der teilnehmenden Aktivist*innnen, Pjotr Wersilow, wegen Vergiftungserscheinungen zuerst in ein Krankenhaus in Moskau eingeliefert und dann in die Berliner Charité überstellt werden. Er überlebte die mutmaßliche Vergiftung, deren Hergang nicht genauer aufgeklärt wurde. Pussy Riot und Wersilow selbst machen den russischen Geheimdienst dafür verantwortlich.

Auch zum 68. Geburtstag von Wladimir Putin am 7. Oktober 2020 ließ es sich das Kollektiv nicht nehmen, ihn mit einer Performance öffentlich zu kritisieren. Sie „beschenkten“ Putin mit Regenbogenflaggen, die sie auf Regierungsgebäuden in Moskau hissten. Laut ihrem dazugehörigen Beitrag auf Instagram symbolisierten die Fahnen die „fehlende Liebe und Freiheit“ im Land. Dadurch und mit den dazugehörigen Forderungen, die sie an Putin und seine Regierung richteten, machten sie abermals auf die prekäre Situation von LGBTQI+-Personen in Land aufmerksam.

Aktuelle russische Regimekritik

Seit Anfang 2021 spitzte sich die Lage für regierungskritischen Medien und Aktivist*innen in Russland weiter zu. Das ist unter anderem der Zeitraum, in welchem der Anti-Korruptions-Aktivist und Blogger Alexej Navalny nach der Erholung vom gegen ihn verübten Giftanschlag nach Russland zurückkehrte und zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde. Auch die Aktivist*innen von Pussy Riot sind von der staatlichen Kontrolle betroffen, wegen ihres Protestes gegen Putin und das russische Regime werden sie vielfach verfolgt.
Erst Ende 2021 wurden zwei Mitglieder des Kollektivs, Maria Alekhina (welche schon 2012 wegen des „Punk Prayers“ in Haft saß) und Lucy Shtein, festgenommen. Schon zuvor und seitdem standen sie mehrfach unter Hausarrest. Als Grund für die Verfolgung des queeren Paares wird von offizieller Seite das Posten von Beiträgen auf Social-Media im Jahre 2015 bzw. 2018 genannt. Während der mehrwöchigen Haft mussten auch sie sich in den Hungerstreik begeben, um ihren Forderungen Nachdruck für angemessene Behandlung zu verschaffen.

Der Umgang von Seiten der russischen Regierung mit den Aktivist*innen von Pussy Riot zeichnet ein klares Bild, wie mit aktiven Regierungskritiker*innen verfahren wird. Methoden wie die Einstufungen als „ausländische Agent*innen“, Festnahmen wegen regimekritischem Protest, Hausarrest und elektronische Fußfesseln werden angewandt, aber auch von Giftanschlägen gegen Kritiker*innen wird berichtet (siehe beispielsweise Alexej Nawalny oder mutmaßlich Pjotr Wersilow).
Seit dem Beginn des Angriffskrieges durch Putin und die russische Armee auf die Ukraine Ende Februar hat sich die Situation für regimekritische Aktivist*innen nur verschärft. Auf jegliche Art von öffentlicher Missbilligung des Regimes – sei es nur das Hochhalten eines weißen Schildes – wird mit Festnahmen durch die Polizei reagiert. Auch das neue Gesetz gegen die Verbreitung angeblicher „Falschnachrichten“ bietet dafür die Grundlage.
Jede Art des Protestes ist gefährlich, die Aktivist*innen von Pussy Riot gaben an, dass sogar ihre Instagram-Stories vom russischen Staat kontrolliert werden.

Provokant präsent bis nach Tirol

Drei Singles brachte Pussy Riot in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit anderen Musikschaffenden, wie der US-amerikanischen Musikschaffenden Slayyyter, heraus. All diese Songs sind unter dem Zyklus „Patriarchy RIP“ vereint und thematisieren das Empowerment von Frauen, um dem Patriachat und der Marginalisierung von Minderheiten ein Ende zu setzen. Sowohl die Lyrics als auch das dazugehörige Musikvideo zeigen, dass Pussy Riot sich provokant positioniert, um ihren Positionen Nachdruck zu verleihen.

Denn trotz der zahlreichen und immer noch andauernden Versuche, Pussy Riot wie andere russische Regimekritiker*innen zum Schweigen zu bringen, kämpft das Kollektiv weiter. So organisierte die Pussy Riot Aktivistin Nadya Tolokonnikova schon zu Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine eine Spendenaktion, bei welcher durch den Verkauf der Ukraine-Flagge als NFT viel Geld für die ukrainische Hilfsorganisation „Come Back Alive“ gesammelt wurde.
Mit ihren Performances tourten sie im Februar und im März zwei Wochen durch die USA, wo sich die Aktivistinnen auch für die Rechte von Frauen bezüglich ihres Körpers einsetzten. Daran anschließend ist nun Europa an der Reihe, wo sie in acht Ländern mit „Riot Days“ auftreten.

In diesem Rahmen findet auch der Auftritt in Tirol statt, auf welchen ich mich schon sehr freue! Ich finde es sehr inspirierend, dass Aktivist*innen mit solcher internationalen Reichweite unerschrocken für ihre Werte einstehen und kämpfen. Gerade jetzt scheint es umso wichtiger, dass sie ihren Aktivismus international verbreiten – und dabei freut es mich sehr, dass sie dafür auch nach St.Johann kommen! Es fühlt sich für mich ein bisschen so an, als ob mit ihnen ein Stück Weltpolitik nach Tirol mitkommt. Deshalb bin ich gespannt, wie sich ihre Performance im dortigen Rahmen der durchaus kleineren Weltbühne in der Alten Gerberei gestalten wird und wie sie auf das Publikum wirken wird. Bei ihrem Auftritt wird Pussy Riot die Anwesenden inspirieren und jedenfalls zeigen, worin feministischer Punk und Aktivismus gegen Putin für sie besteht!

Weiterführende Links:

Pussy Riot auf Instagram: https://www.instagram.com/wearepussyriot/

Link Konzert von Pussy Riot am 15.05.2022 in der Alten Gerberei, St.Johann in Tirol (vor Ort und Livestream): https://www.muku.at/Konzert-PUSSY-RIOT_pid,16610,nid,137646,type,newsdetail.html

Artikel zu Maria Alekhinas Flucht aus Russland: https://www.nytimes.com/2022/05/10/world/europe/pussy-riot-russia-escape.html

Video der Performance „Punk Prayer“ (2012): https://www.youtube.com/watch?v=PN5inCayfnM

Artikel zu Alexej Nawalnis Vergiftung: https://www.bellingcat.com/news/uk-and-europe/2020/12/14/fsb-team-of-chemical-weapon-experts-implicated-in-alexey-navalny-novichok-poisoning/
Trailer zur Dokumentation Nawalny (2022): https://youtu.be/81AAlzoKNPU

Beitragsbild: Pussy Riot