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Abteilmenschen

Es ist der 28. Dezember. Der erste Tag nach den Feiertagen. Ich mache mich auf den Rückweg nach Hause, nehme den ersten Zug um 7:40 Uhr. Ich bin müde, habe zu wenig geschlafen und freue mich auf die Zugfahrt. Ich gehe den Bahnsteig entlang, vorbei an den Wagen der ersten Klasse. Weiter hinten blicke ich durch die Fenster ins Innere des Wagons, um ausmachen zu können, welcher Wagen der mit den Abteilen ist.

Seit einiger Zeit fahre ich regelmäßig mit diesem Zug und setze ich mich am liebsten in die Abteile. Sie haben eine Art Retro-Flair und in ihnen wird das Zugfahren zu einer von Melancholie geleiteten Reise durch Raum und Zeit. In den Abteilen haben sechs Personen Platz, meistens bleibe ich jedoch alleine oder zu zweit. Vielleicht scheuen sich Menschen davor, auf so kleinem abgetrennten Raum mit völlig Fremden eine unbestimmte Zeit zu verbringen? Oft erwische ich mich selbst dabei, dass ich bei überfüllten Abteilen den Großraumwagen vorziehe.

Da, der richtige Wagen. Ich drücke den Türöffner und warte, bis sich die Wagentür mit einem Surren aufschiebt. Ich steige ein und gehe den schmalen Gang entlang; vorbei an den Personalabteilen und den anschließenden Personenabteilen. Den Blick immer leicht nach rechts, um ein leeres Abteil zu finden, ohne unterdessen zu penetrant in die bereits besetzten zu blicken.

Ich denke darüber nach, dass Menschen, die sich in Zugabteile setzen, wohl eine gewisse Privatsphäre suchen. Offensichtlich bin auch ich ein Abteilmensch. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich in einem Zug um 7:40 Uhr so viele Abteilmenschen in ihren kleinen Kapseln innerhalb dieses dahingleitenden Gefährts einfinden. Viele einzelne Privatsphären, viele abgetrennte Räume innerhalb eines größeren, sich gemeinsam bewegenden Raums. Es scheint mir, als würde die uhrzeitbedingte Müdigkeit mehr Abteilmenschen hervorbringen als sonst. Aber vielleicht korreliert auch die Wahl der Reisezeit mit der der Privatsphäre. Die meisten Abteilmenschen schlafen und es wirkt so, als täten sie dies bereits seit geraumer Zeit.


Das sechste Abteil ist noch leer. Ich ziehe die Schiebetür auf, nehme meinen Rucksack ab, schäle mich aus meiner dicken Winterjacke und setze mich in Fahrtrichtung ans Fenster. Ich freue mich, dass ich mich vor Weihnachten für den großen Rucksack entschieden habe. Aufrecht auf dem Sitz neben mir stehend und oben gepolstert mit meiner Winterjacke ergibt sich die perfekte Kopfablage für ein paar Minuten Schlaf während der bevorstehenden Zugfahrt. Die Schlafvorrichtung fertig gerichtet, beginne ich meine Kopfhörer zu entwirren, um mit entspannter Klaviermusik in den Schlaf begleitet zu werden. Von dieser Musik weiß ich, dass sie meine Chancen aufs Einschlafen erheblich verbessert und ich freue mich über ein wenig Schlaf und Ruhe. Denn trotz der versuchten Weihnachtsbesinnlichkeit haben mich einige Gespräche und Gedanken am Vorabend wachgehalten. Meine Begegnung am Vortag erfüllte mich und war mit anregenden Gesprächen und einem wertvollen Austausch über zwischenmenschliche Beziehungen und die Selbstwahrnehmung während sozialer Interaktionen geprägt. Es war spannend auf dieser Metaebene über Wahrnehmungen während Begegnungen zu philosophieren, während beide Gesprächsparteien – oder zumindest kann ich das von mir selbst behaupten – parallel versuchten, genau das, worüber wir uns austauschten im Gespräch wahrzunehmen.

Ab einem Punkt, den ich selbst nicht mehr auszumachen vermag, änderte sich jedoch mein Gefühl im Gespräch. Aus einem Gespräch, bei dem ich ganz und gar bei mir war, wurde ein Gespräch, in dem ich mich selbst nicht mehr wiederfinden konnte und wie von außen auf die Szenerie blickte. Der Austausch fühlte sich nun nicht mehr ausgewogen und homogen an, sondern rutschte – aus meinem späteren Blickwinkel – in eine Dysbalance ab. Die Erkenntnis über diese Änderung der Gesprächsdynamik ließ recht lange auf sich warten, war letztendlich jedoch unausweichlich und fühlte sich irgendwie schmerzlich und fremd an. Umso erleichterter bin ich im Hier und Jetzt als einer von vielen Abteilmenschen bei mir selbst. Ich lausche den schnellen Fingern, wie sie in einer Molltonart über die weißen und schwarzen Tasten fliegen. Draußen vor dem Zugfenster eilen Personen von einem Bahnsteig zum anderen. Menschen warten auf ankommende Züge und auf die darin sitzenden Personen, um sie schließlich in die Arme zu schließen. Ich denke darüber nach, in welchem Verhältnis die sich umarmenden Menschen zueinanderstehen könnten. Sind es Geschwister, Liebende, Freund*innen, zukünftige oder vergangene Liebende? Sind ihre Beziehungen von den Umarmungen ablesbar?

Auf dem benachbarten Gleis rollt ein Zug ein und beendet mein Dasein als zuschauende Person eines uninszenierten Theaterstücks. Als Zugabe werde ich gleich das Theater meiner Träume erleben und es wird wohl ein Theaterstück, das sehr vom Moment und nicht von späteren Gedanken und Reflexionen lebt. Denn meistens kann ich mich nicht an meine Träume erinnern. Was das wohl heißt? Ich kenne viele Menschen, die träumen und sich auch immer daran erinnern können. Aber mein Kopf ist schon jeden Tag mit so vielen Dingen beschäftigt, dass ich froh bin, tagsüber nicht auch noch mit der Interpretation meiner nächtlichen Erlebnisse beschäftigt zu sein.

Gerade will ich die Augen schließen, als sich die Tür öffnet und ein großer Rucksack im Abteil erscheint. Unter dunkelblonden Locken strahlt mir ein freundliches Gesicht entgegen. „Hey, darf ich mich zu dir setzen?“ fragt der lächelnde Mund, bevor er hinter einem großen Becher Kaffee verschwindet. – „Ja klar, gerne!“
Da sind auf einmal zwei Abteilmenschen gemeinsam in einem Abteil. Ich lege meinen Kopf wieder auf den vertrauten Abteilbegleiter – meinen Rucksack – und schließe die Augen. „Und, bis wohin fährst du?“ Ich öffne die Augen – „Nach Innsbruck, und du?“
Mein geplanter Schlaf als einsamer Abteilmensch ist Geschichte und ein Gespräch zwischen zwei Fremden – jetzt gemeinsamen Zugfahrenden – beginnt. Während Abteilmensch und ich uns langsam mit Worten näherkommen, geht die Sonne hinter den Berggipfeln auf, auf die wir zufahren.

Zwei Stunden gemeinsame Zeit und wir haben uns über Lebensträume, Auslandsaufenthalte, Impfungen, Familiengeschichten, WG-Konstellationen und psychische Gesundheit unterhalten. Es ist ein sehr natürliches und angenehmes Gespräch. Zu Beginn zwar vorsichtig annähernd und tastend, wie es oft zwischen Fremden anfangs abläuft, aber mit der Zeit sehr locker, leicht, humorvoll. Zwei Abteilmenschen, die das gemeinsame Gespräch schätzen, die Person gegenüber als interessante sehen und sehr achtsam ihre Worte wählen.

Nachdem ich die Dynamik und Homogenität des gestrigen Gesprächs im Nachhinein so genau betrachten und analysieren konnte, fiel es mir in diesem Gespräch zwischen uns zwei Abteilmenschen umso leichter, zu erkennen, ob ich gerade bei mir war und mich auf meinen Platz in diesem Gespräch wohlfühlte. Komisch, wie unterschiedlich solche Gespräche laufen können, unabhängig von der Fremde oder Nähe, die einen verbindet. Und schön – wie anregend und nah Gespräche ablaufen können mit Fremdem. Mit fremden Abteilmenschen.

Zuhause in Wasser, Wald und Worten.