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Die Map durchs Erwachsensein

So stellt Sinah Edhofer ihr neues Buch vor, das sie im letzten Jahr zusammen mit Leonie-Rachel Soyel geschrieben hat. Die beiden Hosts des Sex-Podcasts Couchgeflüster sprechen darin über ihre eigenen Erfahrungen und zeigen den Leser*innen, dass man mit seinen Problemen als Twenty-Something nicht allein ist.

Dating, BDSM und Intimbehaarung sind nur wenige der Themen, über die sich Sinah und Leonie in ihrem Podcast bei einem – oder einigen – Glaserl Wein unterhalten. Im April 2019 startete er mit der ersten Folge Tinder – Segen oder Fluch und hat seitdem 100.000 regelmäßige Hörer*innen in Österreich und dem deutschsprachigen Raum gesammelt. Es ist das private Setting, das Sinah bei den Aufnahmen entspannt aus dem Nähkästchen plaudern lässt. Denn vor so vielen unbekannten Zuhörer*innen über Analsex zu sprechen, ist auch für die 30-jährige Wahl-Wienerin nichts Alltägliches. „Hoffentlich hört meine Mama das nicht“, denkt sie sich nach einigen Aufnahmen. Anders Leonie, die, wie sie selbst sagt, „kein Schamgefühl“ hat und über alles redet. Dieses private Zwiegespräch ist auch eines der Erfolgsrezepte, denn die Podcasterinnen erzählen aus ihrem eigenen Leben – wie man Storys der besten Freundin oder großen Schwester erzählt. Mit vielen Lachern und lebendigen Geschichten gespickt.

Fuckboys reproduzieren Märchen und wer wünscht sie sich nicht?

2022 erscheint ihr erstes gemeinsames Buch Couchgeflüster, eine Ode ans Erwachsenwerden und seine Tücken. Ernste Themen wie die erste eigene Wohnung, das Getingel von Bewerbungsgespräch zu Bewerbungsgespräch oder nachhaltige Finanzverwaltung, werden aufgegriffen.

Wer Fan der klassischeren Couchgeflüster-Fragen ist, wird nicht enttäuscht sein, denn natürlich spielen One-Night-Stands, Schlussmachen und Fuckboy-Island eine wichtige Rolle. Auf letzterer ist Leonie bereits mehrmals gelandet, wie sie bei der Lesung am 02. Mai in der Innsbrucker Stadtbibliothek erzählt. „Merkt euch eines: Wenn die Unterhaltung fast einschläft, weil er nie antwortet, er dich aber nach einem Nude aber sofort treffen will – rennt und fliegt zurück in die Realität!“ Sinah lässt – mit einem süffisanten Grinsen und gehobenen Augenbrauen – immer wieder verbale Seitenhiebe fallen, dass sie es ihrer Freundin doch eh gesagt hätte…

Leonie liest aus ihrem Lieblingskapitel „Gestrandet auf Fuckboy-Island“ und erzählt, dass es einer ihrer liebsten Dating-Domizile ist – zum Leidwesen ihrer Freundin Sinah. © Jasmin Eiglmeier

Selbstzweifel

…kennt ein Jede*r. Auch Sinah hatte sie lange und gewährt im Buch einen Einblick ins Loslassen dieser Zweifel. Ihre Singlezeit begleiteten Fragen wie „Bin ich nicht liebenswert?“ oder „Muss man Modelmaße haben, um einen Mann zu finden?“ Heute blickt sie zurück und weiß, dass statt den Selbstzweifeln vielmehr Lebenserfahrung, ein Lächeln und Selbstbestimmtheit die Faktoren sind, die einen weiterbringen – in der Arbeits- und Beziehungswelt. Als die Podcasterin und Autorin dieses persönliche Kapitel bei der Lesung vorliest, ist sie ernst gestimmt, aber auch froh, dass sie viele dieser Zweifel hinter sich lassen konnte.

Wien – die „große Stadt“ oder das „Dorf“?

Die Idee zum Podcast hatte Leonie-Rachel Soyel und holte sich dann Sinah Edhofer mit ins Boot. Sinah, 30, ist in Oberösterreich aufgewachsen und nach der Matura nach Wien gezogen, in die „große Stadt, wo alles möglich ist“. Während des Publizistikstudiums macht sie zahlreiche Praktika im Medienbereich und bloggt auf The Black Shirt Blog über das Studierendenleben und seine Issues. Dort hat sie u. a. ihrer Wut über die Ausbeutung von Praktikant*innen (es wird ja mit Erfahrung bezahlt…) Öffentlichkeit verschafft und es damit bis in zahlreiche österreichische und europäische Medien geschafft.

Auch die gebürtige Wienerin Leonie-Rachel ist Bloggerin und studierte nach der Matura Modedesign. Sie zog es bereits nach Berlin und Amsterdam – wegen Jobs oder dem nötigen Tapetenwechseln nach dem Beziehungsaus. Heute ist sie selbstständige Influencerin auf Instagram und Podcasterin. Als selbst Betroffene klärt Leonie über psychische Krankheiten auf und macht anderen Mut, sich Hilfe zu holen und das Thema zu enttabuisieren. Ihre Heimatstadt ist für die experimentierfreudige Leonie fast wie ein großes Dorf, in dem jede*r jede*n kennt.

Leonie-Rachel und Sinah (v. l.) sind sich bewusst, dass der Podcast und das Buch aus ihrer individuellen Sicht als weiße cis-Frauen handelt. Sie möchten jedoch keine Geschlechtsidentitäten ausschließen und betonen, dass ihre Kapitel auf viele Geschlechter bezogen werden können. © Couchgeflüster

Fehler sind da, um gemacht zu werden

Die Beschreibung Map passt für das Buch gut, denn es gibt keine starre Route vor wie ein Navigationsgerät durch die Erwachsenenzeit. Vielmehr stehen an einigen Abzweigungen Schilder, die Erfahrungen von Frauen zeigen, die vor uns diese Pfade gegangen sind. Die Schilder können uns helfen, aber man kann sie auch ignorieren und den eigenen Weg ausprobieren. Denn Leonie und Sinah sind sich bewusst, dass es nicht den einen Ratschlag für alle gibt. Der Grund für ihren teils autobiographischen Ratgeber ist, dass sie selbst gerne so ein Buch am Anfang ihrer 20er gehabt hätten. Auf die Frage, ob sie sich denn mit 20 auch selbst daran gehalten hätten, antworten sie mit einem Lächeln: „Nein, sicher nicht. Ein*e jede*r muss seine eigenen Fehler und Erfahrungen machen.“

Beitragsbild: Jasmin Eiglmeier

Stets neugierig und mutig - so stelle ich mir guten Journalismus vor. Darum bekommt ihr von mir Reportagen und Berichte, gerne multimedial aufgearbeitet, zu Themen, die mich gerade so umtreiben. Motto: "Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut." (Pippi Langstrumpf)