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Wer ist Emily Doe?

!!! Vorsicht: In diesem Artikel geht es um Vergewaltigung

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„This is not the ultimate truth, but it is mine, told to the best of my ability. If you want it through my eyes and ears, to know what it felt like inside my chest, what it’s like to hide in the bathroom during trial, this is what I provide. I give what I can, you take what you need.”

Dieses Zitat stammt aus einem Statement, welches am 2. Juni 2016 in einem Gerichtsaal in Kalifornien von einer jungen Frau verlesen wurde. Um die Identität und Privatsphäre des Opfers zu schützen, wurde ihr für den Verlauf der Ermittlungen und Gerichtsverhandlung der Name „Emily Doe“ gegeben. Doch wer verbirgt sich nun hinter dem Pseudonym?

Das Mädchen hinter dem Phantom

Mit Veröffentlichung ihrer Memoiren gibt Emily Doe ihren wahren Namen preis und bricht gleichzeitig ihr Schweigen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine junge Frau mit dem Namen Chanel Miller. In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar besuchte sie gemeinsam mit ihrer Schwester und zwei Freundinnen eine College Party in Stanford, Kalifornien. Wenige Stunden später wachte sie in einem Krankenhausbett auf – ohne jegliche Erinnerungen an die vergangene Nacht.

Im Krankenhaus wird sie von einem Polizisten über die vergangenen Stunden aufgeklärt. Der damals 19-jährige Student Brock Allen Turner wurde von zwei schwedischen Studenten dabei überrascht, wie er hinter einem Müllcontainer die bewusstlosen Miller vergewaltigte.

Ein Blick hinter die Kulissen

Miller gewährt den Leser*innen ihrer Biographie einen tiefen Einblick in die Abläufe und Prozesse, die sich hinter einem gerichtlichen Verfahren über Vergewaltigung zutragen. Dabei wird dem Leser oder der Leserin vor Augen geführt, wie hinter jeder Nummer, hinter jedem Fall ein Leben und eine Geschichte stehen. Millers Statement vertritt somit unzählige weitere Frauen*, die ähnlichen Umständen ausgesetzt sind.

Das US Department of Justice schätzt, dass allein im Jahre 2018 734.630 Personen Opfer einer Vergewaltigung wurden (miteinbezogen sind Androhung, Versuch oder Durchführung einer Vergewaltigung). Es wird von einer großen Dunkelziffer ausgegangen. Denn nur knapp über 30% aller Fälle werden der Polizei gemeldet. Ein Bruchteil schafft es in einen Gerichtssaal, und die aller wenigsten erhalten eine angemessene Strafe. Aktuell liegt die Quote der Verurteilungen zwischen 0,5% und 0,7%, so die Washington Post.

„innocent until proven guilty“

In den USA gelten Angeklagte als unschuldig. Zumindest so lange, bis die Schuld vom Kläger bewiesen werden konnte. Dies stellt ein weiteres großes Problem dar. Viele Opfer sexuellen Missbrauchs können sich keinen guten Anwalt leisten, besitzen kein Vertrauen in die Justiz und fürchten sich vor der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit. Begleitet wird die Entscheidung gegen eine Anzeige mit der physischen und vor allem psychischen Belastung während und nach der Tat, hohem sowohl externen als auch internen Druck. Dazukommen kann die Angst, sich der harten Realität eines Strafprozesses zu stellen.

„I was pummeled with narrowed, pointed questions that dissected my personal life, love life, past life, family life, insane questions, accumulating trivial details to try and find an excuse for this guy who had me half naked before even bothering to ask for my name.“ 

Auch Miller beschreibt in ihrem Buch, wie es sich anfühlt, sich den Fragen der Verteidigung stellen zu müssen und wie ihr eigener Körper während den Ermittlungen zu einem Beweisstück auf Fotografien wird. Ihr und vielen weiteren Frauen* werden Fragen gestellt wie: Wie oft gehen Sie feiern? Welche Farbe hatte das Kleid, dass Sie an jenem Tag trugen? Waren Sie in der Vergangenheit bereits auf einer College Party? Haben Sie früher Alkohol getrunken? Würden Sie jemals Fremdgehen? Sind Sie schon einmal fremd gegangen?

Turners Haftstrafe

In Millers Fall wurde Turner zu einer sechs-monatigen Haftstrafe mit einer dreijährigen Bewährung verurteilt, wurde jedoch nach drei Monaten verfrüht freigelassen.

Der Forderung des Staatsanwaltes auf sechs Jahre wurde nicht stattgegeben.
Dabei stellt sich die Frage, was passiert wäre, wenn es sich bei Brock Allan Turner nicht um einen weißen Stanford-Studenten der oberen Mittelschicht mit Sportstipendium gehandelt hätte. Zuständiger Richter war Aaron Persky, der selbst in seiner eigenen Studentenzeit ein begnadeter College Sportler war. (Im Jahr 2018 wurde Persky durch eine Abstimmung aus dem Amt enthoben.)

Die Rolle der Medien

Millers victim impact statement erhielt große mediale Aufmerksamkeit, als eine Journalistin des Medienkonzerns BuzzFeed dieses im Internet veröffentlichte Bei einem victim impact statement handelt es sich um eine ausformulierte Erklärung des Opfers einer Tat, bei dem die Möglichkeit besteht, die Folgen des Vorfalls auf das eigene Leben zu beschreiben. Bereits innerhalb weniger Tage erreichte der Bericht weltweit Millionen von Menschen und regte im Zuge der me-too-Bewegung die öffentliche Debatte um sexuelle Übergriffe weiter an.

Mediale Aufmerksamkeit hat jedoch nicht nur gute Seiten. Während Emily Doe von frühen Artikeln zerrissen wurde, wurde Brock Turner in den Medien und von der Verteidigung als unschuldiger und ambitionierter College-Schwimmer mit Aussicht auf Teilnahme an den olympischen Spielen dargestellt. Am Ende einer der ersten veröffentlichten Artikel über den Vorfall wurden beispielsweise. Turners Bestzeiten im Schwimmen aufgelistet. Zahlreiche Kommentare unter Onlinebeiträgen zweifeln den Wahrheitsgehalt von Doe’s Aussage an. Viele können kaum glauben, dass ein junger Sportstipendiat aus gutem Hause zu einer solchen Handlung fähig sein solle.

Auch Turner selbst plädiert dafür, dass eine Nacht nicht sein ganzes Leben beeinflussen sollte. Sein Vater spielt die Tat als „twenty minutes of action“ herunter. In seinem eigenen Statement gibt er noch immer dem Alkoholkonsum und Gruppenzwang die Schuld. Er möchte die mediale Aufmerksamkeit nun nutzen, um an Schulen über die Folgen der „drinking culture“ an amerikanischen Universitäten aufzuklären.

Was Turner jedoch nicht begriffen hat, war, dass es nicht der Alkohol oder seine Kommilitonen waren, die Miller ohne ihre Einwilligung berührt hatten – wie Miller zutreffend in ihrem Statement anmerkte. Turner allein beging die Tat.  Er sollte realisieren, dass der Versuch, die Folgen einer Handlung besser kontrollieren zu können, nicht die Tat selbst neutralisiert.

Aus Doe wird Miller

 Eine der zentralen Fragen, mit denen sich Miller beschäftigt, ist die Tatsache, dass sie von Beginn an als Opfer dargestellt wurde. Ihr wurde eine neue Identität verliehen. „Der regungslose Körper hinter den Müllcontainern“, schreibt Miller in ihrem Buch. So ergeht es vielen Frauen, die sich in der gleichen Lage wie Miller befinden. Den „Opfern“ wird selten Gehör verschafft. Ihre Identität auf die Farbe und Länge ihres Kleides reduziert.

Mit ihrem Statement und ihrem internationalen Bestseller konnte Miller sich und Personen, denen es ähnlich geht, mehr Gehör verschaffen.  

„I hope that by speaking today, you absorbed a small amount of light, a small knowing that you can’t be silenced, a small satisfaction that justice was served, a small assurance that we are getting somewhere […] To girls everywhere, I am with you. Thank you.”

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Für Interessierte: Das vollständige „victim impact statement“ von Chanel Miller gibt es unter folgendem Link zum Lesen: https://www.buzzfeednews.com/article/katiejmbaker/heres-the-powerful-letter-the-stanford-victim-read-to-her-ra

Quellen: Morgan, R., & Oudekerk, B. (2019). Criminal victimization, 2018 (NCJ 253043). U.S. Department of Justice, Bureau of Justice Statistics.

https://www.washingtonpost.com/business/2018/10/06/less-than-percent-rapes-lead-felony-convictions-least-percent-victims-face-emotional-physical-consequences/