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Ungeniert und unzensiert!

Ohne Scham und Tabus über die eigene Sexualität, Masturbation und Lust sprechen. Die Anatomie der eigenen Geschlechtsorgane richtig beschreiben und sich mit anderen darüber austauschen. In unserer Gesellschaft sind diese Themen mit viel Scham verbunden, die durch Unsicherheit und Unwissenheit noch verstärkt wird. Dem stellen sich Julia und Lena von unzensiert! mit ihrem neuen Bildungsangebot für Erwachsene entgegen.

„Eine Teilnehmerin hatte Angst, dass es etwas mit Nacktheit zu tun hat.“

Wer beim Porn.Film.Fest mit viel Zeit in die Bäckerei kam, hatte dort die Möglichkeit bei unzensiert! seine/ihre Kenntnisse über Sexualität und Vulven zu erweitern und nebenbei Geschlechtsteile mit Knete zu gestalten. Der „Seitensprung“ der Veranstaltung lädt mit vielen Büchern, einer gemütlichen Sitzecke und gestalterischen Möglichkeiten zum Verweilen ein. Die Einladung angenommen, lassen sich aus dem gemütlichen Sessel auf einem großen Couchtisch allerlei Dinge entdecken. Neben einer Schale mit Knetmasse, Fragekärtchen – eingeteilt in die Kategorien spicy und soft – springen einem die Fotos von Vulven förmlich ins Auge. Schnell wegschauen! Geschlechtsteile schaut man nun mal nicht länger und vor allem nicht ausführlicher an. Und wenn, dann höchstens ganz vorsichtig und intim zuhause. Oder?

Ist die erste Scham überwunden, weicht diese der Neugierde. Die Fotos auf dem Tisch zeigen die ganze Vielfalt des Körpers, von behaarten und rasierten Vulven über Operationsnarben bis zu Menstruationsblut. Mit kleinen Piktogrammen sind die verschiedenen Eigenschaften der gezeigten Körper erklärt. Schnell entsteht ein offener Austausch über das angebotene Material mit anderen Teilnehmer*innen. Und wer sich aufgrund der Fotos unwohl fühlt, kann sich ganz frei der Gestaltung mit Knetmasse widmen. Neben Vulven werden auch Penisse geformt. Oder auch Kondome und alles, was man gerne gestalten möchte. Der umherschweifende Blick fällt schnell auch auf die große hölzerne Abbildung einer Vulva, an welcher die einzelnen Teile benannt werden sollen. Ach, gar nicht so schwer, das kann ich doch gleich mal ausprobieren. Äußere Vulvalippen, Klitoris-Eichel, Harnröhren-Öffnung, Vaginalöffnung. Aber was und wo ist bitte die vaginale Corona, Raphe und Fourchette? – Schnell ist sie wieder da, die Unsicherheit. Wie kann es sein, dass ich – und noch dazu als Mensch mit Vulva – die eigenen Körperteile nicht benennen kann?!

„Dass man in der Schule nicht lernt, wie die Klitoris ausschaut, sagt ja schon alles.“

Ich habe in der Schule ganz genau gelernt, dass nach dem Magen der Zwölffingerdarm folgt, anschließend der Dünndarm und durch den Dickdarm und den Anus endet die Reise unserer Nahrung. Doch nur ein paar Zentimeter neben dem Anus ist für viele ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Um dieses Unwissen und das dadurch entstehende Unbehagen zu bekämpfen, starteten Julia Tajariol und Lena Jahn Anfang des Jahres das Projekt unzensiert!. Mit diesem Bildungsangebot möchten sie Erwachsenen die Möglichkeit geben, mehr über Körperlichkeit, Partner*innenschaft und Sexualität zu erfahren. Sie selbst haben die Erfahrung gemacht, dass Wissen über Sexualität und Körper oft gar nicht oder sogar falsch vermittelt wird. Mit Empörung schildern sie ihre Erfahrungen aus dem Sexualkundeunterricht in der Schule.

„Die Sexualpädagogik in der Schule beschränkte sich hauptsächlich auf ‚wie wird man schwanger und wie wird man nicht schwanger‘. Die gesamte Bandbreite der Sexualität, die man als Jugendliche*r gerade erforscht, wird dabei vernachlässigt.“

Inzwischen wird das Thema der weiblichen Sexualität und Geschlechtsorgane immer präsenter. Sei es in Vulvacastings (Gipsabdrücke von Vulven) oder Büchern. Die Problematik der „idealen weiblichen Körperbilder“ zeigt sich nicht nur an der Figur, dem Bauch- oder Brustumfang. Auch von Vulven herrschen leider in vielen Köpfen Idealvorstellungen. Diese sind durch die Darstellung in Pornos, in medizinischen Abbildungen oder im Sexualkundeunterricht geprägt. Es mag überraschend scheinen, dass die Verkleinerung der inneren Vulva-Lippen eine der Hauptoperationen von plastischen Chirurg*innen ist. unzensiert! möchte mit diesen Idealvorstellungen aufräumen und bietet dafür in ihrem Workshop Vulvariety viel Anschauungsmaterial und Austausch zu dem Thema an.

Mit ihrer offenen und wertfreien Art ermöglichen sie den Teilnehmenden ihrer Angebote einen Raum für Austausch und Fragen. „Ich habe erst in meinen Zwanzigern gelernt, dass ich Nein sagen darf.“, erzählt Julia. Sie hat sich auch erst spät mit Gleichberechtigung, Feminismus und Sexualität beschäftigt. Lena erzählt, dass sie durch die Recherche für den Vulvariety Workshop das erste Mal von der Skene-Drüse erfahren hat. Eine Drüse, die um die Harnröhre sitzt und die bei Erregung anschwillt. Die beiden vermitteln bei ihren Angeboten immer „Es ist okay, wenn ihr euch nicht auskennt. Wir kannten uns selbst bis vor einigen Jahren nicht aus und genau dafür sind wir ja da.“ Und auch die beiden konnten bei den Workshops viel von den Teilnehmerinnen* lernen. Die ersten zwei Workshops wurden für Frauen* und FLINTA Personen angeboten. Beim nächsten Workshop Cum as you are können sich Personen aller Genderidentitäten anmelden. Da unzensiert! noch in den Kinderschuhen steckt, müssen sich viele Entscheidungen noch herauskristallisieren. So auch die Frage nach der Auswahl der Teilnehmenden. Wie bei ihrem flexiblen Workshop-Beitrag (25-35€), wollen die beiden wie bei der Genderidentität keine Menschen ausschließen. Dennoch ist es für den Workshop bei einigen Themen wichtig, einen Safespace für die Teilnehmenden zu schaffen und so werden die Workshops wohl je nach Thema und Rückmeldung der Teilnehmenden für verschiedene Zielgruppen angeboten.

„Ich war auf einer Mädchenschule und der Sexualkundeunterricht wurde von unserem männlichen Biologielehrer geleitet. Wir mussten alle einzeln vorkommen und ein Kondom über einen Holzdildo ziehen.“

In nur drei Monaten bietet unzensiert! inzwischen drei Workshops an. Wenn es so schnell und erfolgreich weitergeht, sind die Träume von unzensiert! wohl schneller erreicht als anfangs erhofft. Obwohl die Förderungen für sexuelles Bildungsangebot in Tirol recht eingeschränkt sind, geben sie die Hoffnung nicht auf, dass auch die Politik die Notwendigkeit von sexueller Bildung erkennt und entsprechend fördert. In der Zukunft will unzensiert! Workshops und andere Bildungsangebote zu verschiedensten Themen für alle Menschen auch außerhalb der bisherigen feministischen Kreise anbieten. Auch Einzel- und Paarberatungen wollen die ausgebildeten Sexualpädagoginnen mit in ihr Portfolio aufnehmen. Denn wer sich bildet, austauscht und hinterfragt, kann daraus lernen – und weitaus mehr lernen, als was und wo die Fourchette ist.

unzensiert! ist eine der feministischsten Sachen, die man überhaupt machen kann.“

Eine Teilnehmerin* (21 Jahre) des ersten Vulvariety Workshops beschreibt ihre Erfahrung folgendermaßen: „Es macht mich sehr glücklich, dass ich die Möglichkeit hatte, an dem Workshop teilzunehmen. Denn dadurch habe ich eine neue Perspektive meiner Persönlichkeit und mich selbst in meiner sexuellen Orientierung gefunden.“


Alle Infos, News und spannende Umfragen von unzensiert! findet ihr auf der Instagram-Seite.

Hier noch einige Buchtipps von unzensiert! :

  • Jüne Plã: Kommt gut
  • Margarete Stokowski: Untenrum frei
  • Emily Nagoski: Come as you are
  • Chella Quint: Period Positivity

Zuhause in Wasser, Wald und Worten.