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Über Erwartungen, Sex und das Potential von „feminist porn“

TW: Sexismus, explizite Beschreibungen

Als ich 12 Jahre alt war, verbot man uns in der Schule Shirts ohne Ärmel oder mit Ausschnitt zu tragen. Die Begründung: Die männlichen Lehrpersonen könnten sich ansonsten nicht auf den Unterricht konzentrieren. Während ich über die Reitstunde vom Vortag und das Bandentreffen meiner mit Freundinnen gegründeten Tigerbande nachdachte, wurde ich, ohne es zu bemerken, zu einem aus männlichem Blickwinkel sexualisierten Objekt.

(So etwas wie) ein Kommentar von Claudia Ploner

Beim Wahl-Wahrheit-oder-Pflicht spielen im Hof erzählten die männlichen Beteiligten von all den mir so abwegig erscheinenden Dingen, die sie anstellen würden während sie ihre täglichen, jugendlichen Hormonschübe aus ihren verwirrten Körpern masturbierten. Ich erinnere mich noch, wie ich gemeinsam mit den anderen weiblichen Mitspielerinnen krampfhaft, schamerrötet hoffte, das Gespräch würde nie auf unsere Masturbationserfahrungen fallen. (Wie peinlich wäre denn das gewesen? Natürlich müsste man das eigene Masturbieren negieren, aber was, wenn man dann als total prüde abgestempelt werden würde am Ende? Das wollten wir ja irgendwie noch weniger sein, …) Die Sorgen hätten wir uns allerdings sowieso sparen können: Weder unter Freund*innen noch in der Schule oder sonst wo wurde das Thema je tatsächlich zu einem verbal äußerbaren Thema. Im Wahl-Wahrheit oder-Pflicht-Spiel entschieden wir uns also lieber für „Pflicht“ statt „Wahrheit“ und küssten irgendeinen Mitspieler mit viel zu viel Spucke und nicht vorhandener Lust oder zeigten unsere kindlichen Brüste. da waren wir zumindest (ein bisschen) sicher, dass das „geil“ anzusehen war. Erst viel später, weit nach den ersten sexuellen Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht sprach ich zum ersten Mal mit Freundinnen über unsere eigene Lust und die tatsächlichen, eigenen Vorlieben, die mir davor natürlich auch noch kaum bewusst waren. Wie auch? Die einzigen Inputs zum Thema waren eventuell die Bravo, Erzählungen von männlichen Bekannten, oder ganz heimlich mit Freundinnen ein „natürlich nur zum Spaß geschauter“ Porno im Schutze der Anonymität des Internets und der Nacht. Äußerlich kicherten wir, im Inneren speicherten, ja verinnerlichten wir jede einzelne Sekunde, der aus einem männlichen Blickfeld konzipierten, an männlicher Lust orientierten, von uns internalisierten Mainstreampornografie. Wir wollten auf die Männerwelt vorbereitet sein. Hilfestellung bot uns da auch die Bravo. Ich erinnere mich an die Checkliste mit 111 Dingen, die frau machen sollte, „wie du einfach unwiderstehlich für Jungs wirst“. Mein wissbegieriges 14-Jähriges Ich ist daraufhin natürlich sofort ausgezogen, um hohe Schuhe zu kaufen denn die “lenken alle Blicke der Männer auf dich“. Klar, was will frau denn mehr, wenn sie durch die Straßen geht? Außerdem trug ich ab dem Zeitpunkt klimpernde Armreifen, denn die würden Jungs „ein akustisches Signal senden ‚bitte sprich mich an‘ “ (kein Witz!).

Ich wusste wie man einen „Blow-Job“ gibt inklusive verschiedene Techniken mit Namen, und kannte eine „wie man ihn so richtig geil macht: Schritt-für-Schritt-Anleitung“ auswendig, bevor ich auch nur annähernd wusste, dass auch wichtig ist, sogar wichtiger für mich, dass ich so richtig geil bin. bzw. einen Hauch einer Ahnung hatte, wie das funktionieren soll. Um das herauszufinden braucht man als Frau* Mut, Engagement zur Selbstfortbildung und ein dickes Fell (unrasiert als Frau* übrigens auch…), und um dann noch offen damit umzugehen sowieso noch einmal so viel mehr. Ob du dir anhören kannst, dass du eine Slut bist oder a prude kommt ganz auf die Situation an, in der dir eine andere Person ungefragt ihre natürlich außerordentlich wichtige Meinung um die Ohren haut. Besonders als Frau* lebt man in dieser Gesellschaft in der stetigen Zerrissenheit zwischen Extrempolen an Erwartungshaltungen, die einen in einen zweidimensionalen Raum zu drängen scheinen. Und dieser Raum ist oft unfassbar eng, lässt keine Luft zum Atmen, kann dir das Gefühl geben zu ersticken. Doch dieses Gefühl sollte Sex Menschen nicht vermitteln (außer du stehst drauf- dann be safe and go for it). Sex ist so viel mehr, und manchmal auch so viel weniger, aber definitiv anders als im Mainstreamporno. Das zeigte auch die sex-positive shortfilm night im Zuge des Porn.Film.Fests Innsbruck.

Da sitzt du dann mit all den anderen Menschen im Zuschauer*innenraum und es erscheint ein Penis auf der Leinwand. Nervöses Gekicher hallt durch den Raum, das gleiche Kichern wie damals mit 14 Jahren beim heimlichen Pornoschauen unter der Decke. Doch bald breitet sich spürbar Entspannung aus, denn der erste Film ist ein extrem witziger Beitrag über Sex in Zeiten von Corona und die Menschen merken: Es ist okay zu lachen, obwohl da grad nackte Haut und sexuelle Handlungen in einem satirischen Beitrag eingebettet sind. Sex ist nicht dieses abgegrenzte durchzuexerzierende Ritual, das es im Mainstreamporno und in der Vorstellung vieler Menschen sein muss. Sex muss Humor nicht ausschließen.

Im feminist porn sollen alle Geschlechter und Menschen aller sexuellen Orientierungen gleichermaßen angesprochen wie repräsentiert werden.  Die Filme werden mit consent in einem sicheren Raum für alle Beteiligten produziert wodurch sichergestellt wird, dass alle Handlungen in den Filmen freiwillig passieren. Dies steht in krassem Gegensatz zum Mainstreamporno bei dem häufig, gerade bei großen dahinterstehenden Firmen und Netzwerken unfreiwillige, oder nicht freiwillige Handlungen gezeigt werden durch die mitwirkenden Menschen ausgebeutet und teilweise nachhaltig traumatisiert werden. Auch wenn das nun im feminist porn nun bei Mitwirkenden* nicht der Fall ist bedeutet das keinesfalls, dass einem deshalb jeder Film persönlich zusagen muss oder wird. Es ist, wie in anderen Lebensbereichen auch klar, dass einem etwas zu viel werden kann oder es einen einfach nicht persönlich anspricht. Das ist doch genau das schöne an einem vielfältigen, individuellen und breitgefächerten Angebot an porn und ganz generell an Sexualität. Auch wenn mir etwas persönluch nicht zusagt, kann ich es schön finden für die Menschen, denen es gefällt und die dabei Lust verspüren können. Dann ist es eben deren  Fantasie, deren ausgelebte Kreativität und Sexualität in diesem Moment. Ich muss das nicht wertend oder normierend betrachten – Wenn es mir nicht gefällt, muss ich es gar nicht betrachten. Denn sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen bedeutet auch, klar Grenzen für sich zu abzustecken. Grenzen, die man vielleicht gar nie kennenlernt, wenn man sich nicht damit beschäftigt oder dafür interessiert, was alles möglich ist. Was für ein Potential zur Normalisierung der Sexualität im Alltag das Porn.Film.Fest bietet, wird auch in der Pause der Veranstaltung klar. Die Leute holen sich ein Bier, stellen sich in Gruppen zusammen, führen üblich Small-Talk über die Veranstaltung:

„Hey, lange nicht gesehen“ (*Umarmung*)  
„Jaaa, vooll. Alles klar?“        
„Jaa alles klar?“         
„Und wie wars für dich so, als dem Mann mit der Hundemaske in „Antifa faggots“ der Baseballschläger in den Anus eingeführt wurde?“ Und dann unterhält man sich darüber und plötzlich ist Sex gar nicht mehr dieses große Geheimnis der Erwachsenen, dieser schambehaftete, sagenumwobene Akt.

Im nächsten Kurzfilm nach der Pause reibt eine Frau* ihren ganzen Körper mit langsamen Bewegungen, liebevoll und sinnlich mit Glitzer ein, während sie immer wieder masturbiert. Sie scheint sehr im Reinen mit sich zu sein, während die Kamera ihre golden schimmernde Haut einfängt. Als Zuschauerin fühle ich mich in einen sehr intimen Moment mit der Frau* versetzt und bin dankbar für das Vertrauen sich in dieser scheinbaren Verletzlichkeit zu zeigen. Ein ähnliches Gefühl vermittelt auch mein persönlicher Lieblingsfilm des Abends:

Es wird eine Situation zwischen zwei Personen dargestellt, die bereits einmal eine sexuelle Erfahrung geteilt haben, sich jedoch anderweitig noch nicht kennengelernt haben. Der Kurzfilm zeigt ihr zweites Treffen in der Altbauwohnung der Frau, die dort noch mit einer weiteren Freundin auf ihn wartet. Die Situation ist schräg und irgendwie deshalb so unglaublich nachvollziehbar und sympathisch. Der Film hat wenig Schnitte, keine auffällige Einstellungen, sondern filmt einfach die Szenen, die sich zwischen den Personen abspielen. Er zeigt ihre Annäherung, ihre Unsicherheiten, so wie auch Gespräche vor, über und während dem Sex. Damit steht er repräsentativ für den feminist porn in krassem Gegensatz zum Mainstreamporno in dem Sex als abgeschlossener Akt, unbesprochen voreinander anstatt miteinander performt wird.

Wir sind Menschen. Akzeptieren, nein, zelebrieren wir unsere unterschiedlichen Vorlieben, unsere individuellen Vorstellungen von Lust, von Sex, von Intimität! Wir sind imperfekt, und genau so ist unser Sex auch. Durch eine komplizierte undurchschaubare Welt tragen wir Körper, die wir nicht gelernt haben zu verstehen, geschweige denn zu lieben. Seien wir stolz auf sie und dankbar dafür, was wir mit ihnen erleben können. Dass wir Nähe spüren können, Haut auf Haut, Sex mit anderen Menschen haben können.       
Also machen wir auch unsere Sexualität zu einem Teil von diesem imperfekten, gerade deshalb so individuellen Wesen, das wir sind.

ABOUT PORN.FILM.FEST

Das Porn.Film.Fest will das Stigma rund um Sexualitäten brechen. Es will den Raum für eine neue Sicht auf das Thema eröffnen. An vier Tagen (vom: 17. Mär 2022 – 20. Mär 2022) wurden ausgewählte Sex-positive (Kurz)filme gezeigt, Workshops zu unterschiedlichen die Sexualität betreffenden Themen veranstaltet, Vorträge gehalten, aber auch Konzerte von queeren Künstler*innen gegeben und bei einer Afterparty in der Arche*Ahoi in einem gemeinsamen Safe-Space getanzt, sich bewegt und das Leben, die Liebe, den Sex und noch so vieles mehr zelebriert.

Titelbild: Simon Graf & friends,    
Beitragsbild: Claudia Ploner

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, kuschel mit meinen Katzen und gehe in Bars. IG: @edendenoir