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Die Interviews zum Artikel „Alpen: Lebensraum und Skivergnügen“

Schneevergnügen auf Kosten der Umwelt? Der gestrige Artikel beinhaltet Informationen darüber, was die technische Beschneiung für den Lebensraum der Alpen bedeutet. Die Zeitlos hat, um Informationen aus erster Hand zu bekommen, E-Mails an die verschiedensten Menschen gesendet, die sich in diesem Sektor auskennen.

Geantwortet haben zwei Personen: Michael Rothleitner und Irene Welebil. Wie gestern bereits angekündigt, werden hier heute ihre Antworten veröffentlicht, ohne weitere Kommentare. So kannst du dir deine eigene Meinung bilden und hoffentlich verschiedene Einblicke in die Thematik erlangen.

Optimierung

Michael Rothleitner arbeitet beim Schneezentrum Tirol, welches sich, laut Website „die ökologische und ökonomische Optimierung des Pistenmanagements“ zum Ziel gesetzt hat.

Die Zeitlos: Wofür ist der Einsatz von Beschneiungsanlagen in Tirol notwendig?

Michael Rothleitner: Wenn der Schnee kommt, kommt der Gast. Wenn der Gast kommt, ist der Koch schon da. Als der Koch kam, war die Milch schon geliefert. … Wann kommt der Schnee? Der Tourismus ist so wie jede andere Branche auch von einem effizienten Ressourceneinsatz abhängig. Keine Liftgesellschaft kann sich Pistengerätefahrer leisten, wenn kein Schnee auf den Pisten liegt, kein Hotelier einen Koch, wenn kein Gast im Hause ist und verdorbene Milch, weil kein Koch sie benötigt. Die Beschneiungsanlagen in den Skigebieten haben daher seit ihrem Einsatz ab den 1970er Jahren dazu gedient, die Saison und deren Beginn beziehungsweise Ende planbar zu machen.

Die so entstandenen Beschneiungsanlagen dienen nun auch dazu, den Gästen eine über den Tag möglichst gleichbleibende Pistenqualität zu bieten. Damit werden insbesondere am Nachmittag viele Skiunfälle und damit auch schwere Verletzungen vermieden, die durch die Ermüdung und schwierigen Schneebedingungen sonst an der Tagesordnung standen. Ähnlich verhält es sich mit aperen oder vereisten Stellen in Folge von Schneemangel.

Welche Vorteile und Nachteile sehen Sie in der Benutzung von Schneekanonen?

Zu den Vorteilen siehe oben: Planbarkeit, verlässlich gute Bedingungen, Verletzungsprävention

Zu den Nachteilen: keine – das muss man natürlich erklären. Leider neigen wir Menschen dazu, uns selbst mit Schuldzuschreibungen bei anderen eine reine Weste zu verpassen. Ein Sündenbock muss her. Längst haben wir alle erkannt, dass wir mit der Natur anders umgehen müssen, als wir das bisher getan haben. Dabei resignieren wir teilweise vor den Auswüchsen des Konsums, der Zerstörung in urbanen Räumen oder der Verschmutzung der Meere. Aber die Berge sind noch heile Natur, die es zu schützen gelte. Fast jeder will dort hin und möchte dort hinauf. Liftanlagen sind daher auch weitgehend akzeptiert.

Skifahren will aber nur rund jeder fünfte in Europa, in den USA sind es nicht einmal 10 %. Und nur für die braucht es eine Beschneiung. Die „Täter“ sind gefunden. Wenn wir also Liftanlagen wollen, die ja schon per se einen Eingriff in die Kultur- und nicht Naturlandschaft darstellen, gibt es fast keine rationalen Argumente gegen die Beschneiung. Wesentlich ist natürlich der sorgsame Umgang mit lokalen Wasserhaushalten, die Beachtung der geologischen Rahmenbedingungen, der Schutz von Habitaten verschiedenster Tierarten etc. Die Sorge um die Pflanzen, die durch Beschneiungsanlagen angeblich beeinträchtigt würden, ist längst widerlegt. Wenn es nämlich einen Einfluss auf die Pflanzen gibt, und das ist gar nicht selten der Fall, dann nicht durch den technischen Schnee, sondern durch den Pistenbau und die Präparation. Die Verdichtung des Schnees bedingt dessen Haltbarkeit und Abschmelzverhalten und nicht seine Herkunft.

Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Umweltbelastung durch Kunstschnee und seine Erzeugung?

Sehr gering. In Tirol wird nur mit reinstem Trinkwasser und zertifiziertem Ökostrom beschneit. Die Umweltbelastung resultiert daher nur aus der Errichtung der Beschneiungsanlage, die aber meist im Zuge des Lift- oder Pistenbaus erfolgt und daher selbst nicht wesentlich zu Buche schlägt. Ein ganz wichtiger Aspekt ist aber der sorgsame Umgang mit den eingesetzten Ressourcen Energie und Wasser – daher ist ein verantwortungsvolles Schneemanagement jedenfalls gefordert.

Welche Folgen hätte das Verbot von technisch erzeugtem Schnee?

Die Talschaften Tirols aber auch vieler anderer Alpenregionen würden einen, wenn nicht sogar den wesentlichsten Teil ihrer Erwerbsmöglichkeiten verlieren. Die Bevölkerung würde abwandern, enorme Probleme am Arbeitsmarkt wären ebenso eine Folge wie die in der Eigentümer- und Vermögenstruktur des Landes, der Katastrophenschutz wäre kaum bis gar nicht finanzierbar.

Was gibt es in Ihren Augen für Alternativen zum künstlichen Beschneien von Skigebieten?

Die Erderwärmung fordert neue Entwicklungen für die Erwerbsmöglichkeiten in den ländlichen Regionen. Dort wo Wasserhaushalt beziehungsweise Temperaturentwicklungen die Beschneiung erschweren sind Alternativen unausweichlich nötig. Daraus folgt aber, dass es nicht eine Alternative für die technische Beschneiung braucht, sondern gänzlich neue Konzepte als Alternative zum Skisport.

Veränderung

Die zweite Person, die geantwortet hat, ist Irene Welebil. Sie arbeitet beim Österreichischen Alpenverein im Bereich Raumplanung und Naturschutz. Laut Website kümmert sich dieser um „Schutzgebiete, unterstützt die Bergsteigerdörfer Österreichs [und] engagiert sich für Umweltbildung und -kommunikation“

Die Zeitlos: Wofür ist der Einsatz von Beschneiungsanlagen in Tirol notwendig?

Irene Welebil: Ohne technische Beschneiung wäre der Skibetrieb, wie er heute angeboten wird, nicht möglich. In Österreich werden bereits über 70 % der Pisten künstlich beschneit. Viele Skigebiete müssten zusperren, wenn es keine technische Beschneiung gäbe.

Unterstützt das Land Tirol die Finanzierung von Schneekanonen?

Da kann ich nichts Genaueres dazu sagen. Inwieweit das Land den Betrieb von Skigebieten (der ja auch die Beschneiung beinhaltet) finanziell unterstützt, weiß ich leider nicht. Das müsste ich selber recherchieren.

Wie werden die Anlagen sonst finanziert?

Durch immer teurer werdende Skitickets. Gemeinden oder Tourismusverbände finanzieren teilweise auch mit, aber auch dafür kann ich keine Zahlen nennen.

Welche Vorteile und Nachteile sehen Sie in der Benutzung von Schneekanonen?

Der Vorteil ist ganz klar: In Zeiten der derzeitigen Klimakrise wäre Skifahren ohne technische Beschneidung schier nicht mehr möglich, zumindest in den meisten Skigebieten in Österreich. Kunstschnee ist den Skigebietsbetreibern sogar lieber als Naturschnee, da er sich für die Präparierung der Pisten besser eignet. Er ist dichter als Naturschnee, enthält also mehr Wasser und lässt sich für den Skibetrieb sozusagen besser formen.

Nachteile sind aus wirtschaftlicher Sicht die extrem hohen Kosten. Die größten Nachteile sind aber in den Umweltbelastungen zu sehen, (dazu komme ich in der nächsten Frage…)

Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Umweltbelastung durch Kunstschnee und seine Erzeugung?

Sehr hoch, und zwar aufgrund unterschiedlicher Faktoren…

Ressourcenverbrauch: Die Erzeugung von technischem Schnee benötigt große Mengen an Wasser. Wasser im Gebirge ist im Winter Mangelware und muss dafür aus Flüssen und Quellen abgeleitet und aus talnahen Gewässern in die Höhe gepumpt werden. In Summe ist der Energie- und Ressourcenaufwand für die Produktion von künstlichem Schnee enorm hoch. Der Wasserverbrauch für die Beschneiung in den Alpen beträgt in etwa die dreifache Wassermenge der Millionenstadt München. Der Wasserhaushalt wird dadurch stark beeinflusst und das Wasser fehlt oft für die örtliche Versorgung. Für die Beschneiung einer Fläche von einem Hektar werden etwa 20.000 Kilowattstunden Energie benötigt. Auf ein Jahr gerechnet, entspricht das einem Energieverbrauch von 130.000 Vier-Personen-Haushalten. 

Infrastruktur zur Erzeugung von Kunstschnee: Die Anlagen zur Beschneiung erfordern durch Baumaßnahmen massive Eingriffe in die Landschaft und die alpinen Ökosysteme. Die Speicherteiche haben ein Fassungsvermögen von bis zu mehreren 100.000 Kubikmetern. In Österreich gibt es bereits über 400 Stück davon. Neben den Speicherteichen inklusive technischer Gebäude wie Pumpstationen, Wasserentnahmeeinrichtungen etc. werden tausende Kilometer an Leitungen verlegt (allein in Tirol verlaufen 15.000 Kilometer Leitungen im alpinen Untergrund). In dem Zuge werden meist Pisten angepasst und zu regelrechten Autobahnen planiert.

Auswirkung auf die Flora: Im Unterschied zu natürlichem Schnee hat technisch erzeugter Schnee eine andere Kristallstruktur. Wasseranteil und Dichte sind höher als bei Naturschnee, was Ersticken, Erfrieren und Absterben zahlreicher Pflanzenarten zur Folge hat. Durch die längere Ausaperungszeit der Schneedecke verringern sich Vegetations- und die ökologische Regenerationszeit. Die Erosionserscheinungen nehmen zu und auf manchen Pisten und rund um die Pistenflächen entstehen regelrecht tote Landstriche.

Durch die Reduktion der Häufigkeit und Artenzahl von Bodenlebewesen durch den Pistenbau ist das Nahrungsangebot für Wildtiere eingeschränkt. Beschneiungsanlagen werden in der Nacht beleuchtet, was neben der Lärmbelästigung in der wildtieraktiven Zeit während der Dämmerung enorme Störfaktoren darstellt.

Welche Folgen hätte das Verbot von technisch erzeugtem Schnee?

Es hätte zur Folge, dass wieder mehr Wasser den Flüssen und den Tieren, die dort leben, zur Verfügung stehen würde. Es wäre auch mehr Wasser für die Stromproduktion durch Wasserkraft verfügbar. Die Vegetationszeiten auf den Pistenflächen wären wieder länger, die Flora hätte wieder mehr Zeit, sich zu entwickeln, die Artenvielfalt auf den Pistenflächen würde sich möglicherweise regenerieren. Der Strom- und CO2-Verbrauch würde sich reduzieren, da kein Strom mehr für die Beschneiung gebraucht würde und nicht mehr so viele Lifte in Betrieb wären. Das würde bedeuten, dass weniger neue Kraftwerke gebaut werden müssten. Die Straßen wären möglicherweise leerer, weil nicht mehr so viele Leute in die Skigebiete pilgern würden. Die Anzahl der Skitourengeher*innen würde noch stärker steigen – die Alpenbewohner*innen und Urlauber*innen würden langfristig auf Sportarten umsteigen, die dem Klima angepasst sind. Der Sommertourismus würde den Wintertourismus ganz von alleine ablösen… Und ja, niedrig gelegene Skigebiete müssten zusperren und sich Alternativen zum Skitourismus überlegen. Die hochgelegenen Gletscherskigebiete würden vermutlich noch ein paar Jahre davon profitieren, aber das wäre vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Was gibt es in Ihren Augen für Alternativen zum künstlichen Beschneien von Skigebieten?

Intensivierung des Sommertourismus – Auflassen von Skigebieten und Öffnen der Pistenflächen für die immer größer werdende Skitourencommunity – Intensivierung von alternativen Schneesportarten, die weniger Schneemengen benötigen wie z.B. Langlaufen: diese Sportart boomt, während Skifahrer*innen abnehmen.

Fazit: Die technische Beschneiung ist nichts anderes als ein Hinauszögern von etwas, das in den kommenden Jahrzehnten ohnehin passieren wird, nämlich das Ende des Skisports in niedriggelegenen Skigebieten. Cleverer wäre es, sich schon zeitnah mit Alternativen zu befassen.

Ein Verbot für die technische Beschneiung wird es nie geben. Es wäre aber wünschensweit, wenn der Ausbau der Beschneiung nicht in dem Maße wie bisher fortschreiten würde. Für die Umwelt ist irgendwann ein kritisches Maß erreicht, speziell in Zeiten der Klimakrise und der Energiewende. Einerseits sollte der Energiekonsum reduziert werden, andererseits werden immer mehr Anlagen zur Schneeerzeugung installiert, die den Energieverbrauch in die Höhe treiben. Das passt irgendwie nicht zusammen. Skigebietsbetreiber denken bei ihren Investitionen nur an die nächsten zehn Jahre, was danach mit den verbauten Berglandschaften passieren soll, steht in den Sternen.

Gedanken, Gefühle und ganz viel Liebe in Worten bündeln.