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Die zweite Krankheit von psychisch erkrankten Menschen

Die soziale Exklusion – also der gesellschaftliche Ausschluss – von Menschen oder Menschengruppen hat viele Gesichter. Betroffene werden aufgrund von beliebig gewählten Merkmalen, sichtbar oder nicht, an der Teilnahme am gesellschaftlichen Lebens gehindert. Oft sind es Merkmale wie Herkunft, Religion, Beschäftigungsstatus oder auch physische oder psychische Beeinträchtigungen. Der Ausschluss von psychisch Erkrankten weist in dieser Aufzählungsreihe eine Sonderstellung auf, denn diese Menschen werden häufig bevormundet oder ihre Stimme wird als nicht gleichwertig betrachtet. 

Das erschöpfte Selbst

Aufgrund von Druckausübung, Anpassungszwängen und Flexibilität im hochentwickelten Kapitalismus treten besonders Depressionen und Burn-Outs häufiger auf. Der Soziologe Alain Ehrenberg spricht deshalb auch vom „erschöpften Selbst“. Er stellt dar, wie viele Menschen an Selbstverwirklichung, Eigenverantwortung, Streben nach Glück und Erfolg zu Grunde gehen und deshalb mit Depressionen, Antriebslosigkeit oder Suchtverhalten reagieren. Zu dieser Entwicklung trägt natürlich auch die immer noch aktuelle Covid-19 Pandemie, mit all ihren Maßnahmen zur Kontaktreduzierung und die erschwerte Hilfesuche, bei. 

Obwohl rund ein Drittel aller Erwachsenen – im zentralen Europa – einmal pro Jahr von einer psychischen Krankheit betroffen ist, herrscht immer noch Unwissen im Umgang mit eben jenen. Die Entstehung einer solchen Krankheit ist oft von einem komplexen Zusammenspiel von biologischen, genetischen, psychischen und sozialen Faktoren abhängig. Diese Krankheiten werden oft mit einem Stigma belegt. Unter einem Stigma versteht man physische, psychische oder soziale Merkmale, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe, oder der Gesellschaft negativ unterscheidet. Aufgrund dessen droht der Person soziale Deklassierung, Isolation oder sogar allgemeine Verachtung. Betroffene werden deshalb vor allem auf dem Arbeitsmarkt, aber auch in der Öffentlichkeit, innerhalb eines Versorgungssystems, bei der Wohnungssuche oder im Geschäftsverkehr stigmatisiert und diskriminiert. All diese Arten der Stigmatisierung führen dazu, dass die Betroffenen negativ in ihrer Erkrankung verstärkt werden und die Heilungs- und Therapiechancen damit sinken. Deshalb führt die Stigmatisierung zur sozialen Exklusion und wird für psychische Erkrankte zu einer „zweiten Krankheit“. 

Anti-Stigma-Kampagne

Um die Benachteiligung von psychisch Erkrankten zu mindern, versuchte ein Forscher*innenteam 2002 auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Mithilfe einer Kampagne wollten sie die Einstellungen der österreichischen Bevölkerung gegenüber Schizophrenie verändern. Deshalb wurde im Jahr 1998 und 2002 jeweils der gleiche Fragebogen repräsentativ verteilt. Während dieser beiden Jahre wurde eine Kampagne zur Reduktion von Stigma und Diskriminierung von Schizophrenie veröffentlicht. Inhalt dieser „Schizophrenie hat viele Gesichter“-Kampagne waren unter anderem mehr als 200 Veranstaltungen, Pressekonferenzen, Artikel in Tageszeitungen, Rundfunk- und Fernsehebeiträge. Darüber hinaus wurden Flugblätter, Broschüren und Plakate, eine Telefonhotline sowie eine Homepage angefertigt. Das erklärte Ziel war es, mehr Wissen in der Gesellschaft über die Erkrankung zu etablieren, was in Folge zu einer positiven Haltung ihnen gegenüber führen sollte. Das Ergebnis war, dass die Kampagne kaum in Erinnerung blieb. Der Meinung, dass von Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung Gefahr ausgeht stimmten 64 % zu, dieser Wert stieg, verhältnismäßig zu dem Zeitpunkt bevor die Kampagne stattgefunden hat, sogar signifikant an. Auch die soziale Distanz vergrößerte sich im messbaren Vergleich. Die Schlussfolgerung aus dieser Studie war, dass in nur einer kurzen durchgeführten Öffentlichkeitsarbeit die in einer Bevölkerung vorherrschenden und verankerte Einstellungen kaum verändert werden können. 

Um diese bestehenden Stigmaverhältnisse aufzuheben bedarf es viel Öffentlichkeitsarbeit um das gesellschaftliche Image von psychisch Erkrankten zu verändern. Darüber hinaus helfen sie mit konkreten Hinweisen für den Umgang mit Betroffenen. Am meisten jedoch hilft die Aufrechterhaltung des persönlichen Kontaktes, sowie eine Unterstützung durch soziale Dienste. Damit wird den Erkrankten und ihrem Umfeld ein wertschätzender Umgang miteinander ermöglicht.

Illustration: Sabrina Dorner