Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

They see me rollin ́

Frauen auf dem Rad – Auf den Trails sind sie in der Unterzahl, im Spitzensport werden sie schlechter bezahlt. Warum eigentlich? Veronica ist passionierte Fahrradfahrerin. Wir haben uns mit ihr getroffen, um die wichtigsten Fragen zum Thema Frauen im Radsport zu klären.

Die Zeitlos: Hi Veronica! Wie oft hast du den Satz: „für eine Frau gar nicht schlecht“ schon gehört?

Veronica: (Lacht)…ja ich hör das echt oft! Also ich fahre schon gut Bike, bin jetzt aber nicht die Beste. Aber anscheinend wohl „für ein Mädel ganz gut“. Und deswegen ja, höre ich öfters.
Aber es sind auch Frauen, die das sagen. Nicht nur Männer. Und das ist auch nicht schlecht gemeint.

Kannst du kurz erzählen wer du bist?

Klar! Ich komme aus der Slovakei, wohne aber schon seit sieben, acht Jahren in Österreich, habe auch am MCI studiert. Ich habe später auch noch kurz in Deutschland und Frankreich gelebt, bin dann aber wieder zurückgekommen, weil Tirol halt einfach echt schön ist. Ich versuche so oft wie möglich aufs Rad zu steigen, meistens drei- bis viermal pro Woche, ist aber wetterabhängig.

Wie bist du denn zum Bike-Sport gekommen?

Ah…ich bin eigentlich schon seit langem am Radfahren, aber am Anfang nicht so aktiv, weil ich halt auch viel Klettern und Wandern geh. Ich habe dann aber gemerkt, dass mir wirklich dieser Flow vom Winter fehlt, wenn man wo runterfährt. Das hat man ja jetzt beim Wandern oder Klettern eher nicht so. Und so bin ich zum Biken gekommen. Zuerst mit einem gebrauchten Rad, nach zwei, drei Jahren bin ich dann zum Rennradfahren gekommen und mittlerweile habe ich auch ein Gravelbike.

Du bist ja auch aktives Mitglied der OutdoorChicks, oder?

Ja genau. Also ich habe das vor drei Jahren gegründet. Ich hatte damals einfach Lust drauf, mehr Frauen zum Radsport zu bringen. Als ich selbst mit dem Radfahren angefangen habe, bin ich immer entweder mit Männern gegangen oder mit einer Freundin, die auch oft am Biken war. Fand ich immer richtig cool, halt so mit Snacks und Kaffee (lacht). Sie ist dann aber aus Innsbruck weggezogen. Und dann dachte ich mir so: „Scheiße, ich habe eigentlich keine guten Freundinnen mit denen ich zusammen Radfahren könnte. Wäre schon cool da einfach so eine kleine Community zu haben“. Ich habe dann die Website gemacht und zusammen mit einem kleinen Team haben wir das erste Event im Hofgarten ins Leben gerufen -„Yoga im Park“ hieß das – und dann auf Facebook gepostet. Damals hatten die OutdoorChicks aber eigentlich noch absolut keine Reichweite auf Social Media. Deshalb war es dann auch eine relativ große Überraschung als plötzlich 70 Leute kamen. Aber nicht nur Frauen, auch Männer. Die OutdoorChicks sollten ja nie sowas sein wie „Wir sind Frauen, wir sind besser“, sondern wir freuen uns über jeden der da kommt und Lust hat, bei uns mitzumachen. Warum gerade OutdoorChicks aber auch auf so großes Interesse stößt ist, denk ich, weil Biken so zu diesen coolen Sportarten gehört, genauso wie Skateboarden, Snowboarden, du weißt schon… Die Perception ist irgendwie, dass die Leute, die das machen, cool sind. Wenn du nach Innsbruck ziehst und komplette Anfängerin bist, dann bist du dadurch eingeschüchtert. Und wenn wir bei den OutdoorChicks ein Event machen, dann ist das vielleicht etwas leichter für diese Leute, da dort eben auch viele Anfänger sind. Wie schon gesagt, war die ursprüngliche Idee mehr Frauen in den Outdoorsport zu bekommen. Und ich glaube das ist, durch die Events und die Community die geschaffen wurde, auch passiert. Also einfach, dass Frauen sich auch in einem männerdominierten Sport gut fühlen können und sich trauen, mitzumachen. Ich mein diese selfdoubt – das hat zwar jeder, aber Frauen haben das nochmal viel extremer als Männer, finde ich.

BILD

Männer machen im Radsport noch immer die Mehrheit aus. Woran glaubst du liegt das?

Ich weiß nicht. Gute Frage. Ist halt Extremsport. Gerade wenn man an Downhill und Trailfahren denkt, ist das Verletzungsrisiko schon relativ hoch. Und ich glaube, viele Frauen schreckt das eventuell ab. Und natürlich brauchst du auch Kraft. Außerdem ist das Netzwerk echt wichtig. Zum Extremsport kommst du ja ganz oft über Freunde. Bei mir war ́s ja auch so. Keine meiner Freundinnen ist Bike gefahren, deshalb bin ich selbst auch so spät dazu gekommen, weil das Netzwerk einfach nicht da war. Du siehst das beispielsweise auch jetzt bei Crankworx. Da sind beim Rennen Zwölf Frauen und 78 Männer. Zwar schon besser als früher, aber immer noch unausgeglichen. Mitlerweile gibt ́s auch ein paar bekannte Bikerinnen, damit hat man auch so ein bisschen ein Vorbild: „Sie kann das, also kann ich das auch“.

Glaubst du, dass gerade auf dem Land, wo Rollenverhältnisse ja deutlich stärker verankert sind, als im urbanen Gebiet, Frauen noch seltener zum Radsport finden?

Denk ich schon. Innsbruck ist zwar eine kleine Stadt, aber du hast trotzdem eine große Spannweite an Menschen und verschiedenen Charakteren. Und am Land hast du das meistens nicht. Zumindest nicht in diesem Ausmaß. Dadurch werden traditionelle Rollenbilder viel eher übernommen. Was ja auch nicht schlimm ist. Aber wie schon erwähnt, man kommt halt meistens durch Freunde, Familie oder Bekannte zum Biken.

Kritisch betrachtet könnte man jetzt aber anfechten, dass Frauen in den letzten Jahrzehnten deutlich mehr Selbstbestimmung erlangt haben und eigentlich nicht mehr auf gesellschaftlichen Support angewiesen sind, oder?

Ja klar also es gibt schon Frauen, die sehen, dass wir ein Bike-Camp machen und dann einfach alleine da hin kommen. Aber das ist nicht die Norm. Ist aber auch von case zu case unterschiedlich. Ich mein in Innsbruck geht das ja vielleicht eher noch, aber wenn du irgendwo am Land in the middle of nowhere wohnst, da gibt’s dann halt auch das Angebot nicht, also keine Trails beispielsweise. Und dadurch gestaltet sich das dann auch eher schwierig.

Zahlen Sponsoren für Frauensport eigentlich gleich viel, obwohl das Medieninteresse ja deutlich geringer ist?

Ich weiß, dass das bei Männern und Frauen auf alle Fälle variiert. Ist auch ziemlich schwer da rein zu kommen, für Männer und Frauen, aber schwieriger noch für Frauen. Männer machen einfach viel wildere Tricks, auch deshalb, weil sie einfach physisch stärker sind. Das kommt von… wie sagt man – nicht society sondern… evolution! (lacht) Das schaut dann natürlich cooler aus und ist für Sponsoren deshalb interessanter. Ich kenn auch zwei Beispiele und weiß, dass es für Frauen schon extrem schwierig ist sich beim Mountainbiken zur Pro-Sportlerin durchzukämpfen. Die meisten hören früher oder später auch auf, weil sich das nicht lohnt. Und wenn du die finanzielle Unterstützung nicht hast, eben beispielsweise weil Sponsoren fehlen, dann kannst du dich auch nicht entwickeln. 

Vor zehn, fünfzehn Jahren musste man Frauen auf Rennrädern noch mit der Lupe suchen. Ich hab aber immer das Gefühl, dass Innsbruck durch die Berge doch generell ein Stück sportlicher ist als andere Städte und überdurchschnittlich viele Frauen auch „männertypische“ Sportarten ausüben, wie Klettern, Freeskiing oder eben Biken. Kannst du das bestätigen?

Ja voll. Ist eben auch eine Studentenstadt, wo viele junge Leute zusammenkommen, die Bock haben neues auszuprobieren. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich bin damals als die Studienwahl anstand, auch nur wegen den Bergen gekommen. Bevor ich mich am MCI beworben habe, hab ich in Australien gelebt. Ich habe dort einen guten Freund von mir kennengelernt, der eigentlich in Innsbruck wohnte. Irgendwann wollte ich aus Australien weg und habe mich an verschiedenen Unis in Deutschland und Frankreich beworben. Dann hat dieser Freund zu mir gesagt, ich soll mich in Innsbruck bewerben, weil er meinte ich wäre der Typ dafür. Ich weiß noch genau, als ich das erste Mal nach Innsbruck gefahren bin, da war grad Sonnenuntergang und ich sah die Nordkette und dachte mir: „Ah fuck wenn sie mich nehmen, bin ich dabei“. Und ich glaube so ist das bei vielen. Ich meine, fast alle meiner Freundinnen mountainbiken. Was machst du sonst auch in Innsbruck? Innsbruck ist halt weniger eine kulturelle Partystadt, sondern eher eine Sportstadt. Dadurch sind natürlich auch viel mehr Frauen in verschiedensten Sportarten zu finden.

Zurück zum Thema Leistungssport: In Tennis, Golf und Eiskunstlauf haben sich Damenwettbewerbe viel früher etabliert, als in anderen Sportarten. Kannst du dir ausmalen, warum?

Boah ich glaub, weil das gesellschaftlich vielleicht einfach ein bisschen mehr akzeptiert wurde. Ich meine, wenn du früher ein Mädchen warst, wurdest du von deinen Eltern zu sowas wie Eiskunstlauf oder Gymnastik angemeldet. Das waren halt weibliche Sportarten. Frauen sind in den Outdoorsportbewerben ja erst seit ein paar Jahren. Ich glaube zehn Jahre, weiß die Zahl jetzt aber nicht ganz genau. Und jetzt langsam kommt das alles, das sieht man auch in den Vereinen. Es melden sich ja immernoch viel mehr Frauen zum Tennisclub an, als für den Radclub. Wichtig ist aber, dass die Frauen wissen, dass sie die Möglichkeit haben diese Dinge auszuprobieren. Wenn ich jetzt beispielsweise an meine Mama denke, die hat sich sicher nicht gedacht, dass sie die Möglichkeit hat, Mountainbiken zu gehen. Zu ihrer Zeit waren die Dinge viel mehr vorgegeben: es gibt Tennis, es gibt Laufen und irgendwas von den beiden Sachen macht vielleicht auch eine Freundin von dir und das machst du dann halt auch. Ich meine, ich habe eine Freundin, die hat biken ausprobiert und für sie ist das einfach nichts. Und das ist auch voll okay. Aber sie weiß, sie hat die Möglichkeit dazu.

Da Radfahren noch immer hauptsächlich ein Männersport ist, werden Produkte häufig an Frauen vorbei entwickelt – in der Fahrradbranche sitzen eben oft Männer am Hebel. Wo besteht aus deiner Sicht der größte Handlungsbedarf und warum?

Ich denke das hat sich in den letzten Jahren schon zum besseren entwickelt. Ich habe mal mitbekommen, dass sich mehrere Frauen bei den Produktentwicklern darüber beschwert haben. Du kannst nicht irgendein Produkt nehmen, das pink machen und das dann als Frauenrad vermarkten. Hat man ja auch bei Skiern früher so gemacht. Aber das Produkt sollte halt schon die gleiche Qualität haben, die es bei Männern auch hat. Manche Sachen, wie etwa Bike-Pads, musst du für Frauen einfach anders entwickeln. Frauen haben eben keinen Penis, sondern eine Vagina. Und ich finde schon, dass da viele Firmen wirklich große Schritte gemacht haben. Das merk ich auch, wenn ich das Equipment, das ich mir dieses Jahr gekauft habe, mit dem von vor zwei Jahren vergleiche. Ist eigentlich dieselbe Marke, aber die sind mittlerweile so viel weiter. Obwohl weniger Frauen Radsport ausüben, springt umsatzmäßig auch für die Firmen dabei doch mehr raus. Klingt jetzt blöd, aber ich möchte einfach auch einigermaßen gut aussehen am Bike. Ich kenn das auch von meinen Eltern. Mein Papa hat dieselbe Hose seit zwanzig Jahren und meine Mutter hatte dazwischen bestimmt schon fünfzehn. Glaub Männern ist das noch viel mehr egal.
Also ja, ich glaube das dauert alles noch ein bisschen, bis sich das etabliert. Aber es wurden in den letzten Jahren echt große Schritte gemacht.

Was muss passieren um Frauen verstärkt dazu zu motivieren sich doch aufs Bike zu schwingen?

Ich glaube, Angebot und Netzwerke machen echt viel aus. Zum Beispiel die Sache mit den Produkten. Ich denke aber auch, es würde helfen, wenn Frauen in den Medien stärker repräsentiert werden würden. Da sind schon einige Frauen, die coole Sachen machen und auch versuchen, das über Social Media zu verbreiten. Aber sicher, das hilft natürlich so eine Bild der Normalität zu erzeugen für Frauen, die Biken oder irgendwelche crazy Tricks machen. So funktioniert das ja auch mit Sexualität im Fernsehen. Wie oft sieht man gleichgeschlechtliche Paare im Vergleich zu Mann-Frau Beziehungen? Wenig! Und deshalb ist das für viele immer so besonders. Und wenn das normaler und präsenter in den Medien wird, dann ist dir das irgendwann egal, weil du dir denkst: „Das hab ich eh gestern schon gesehen.“

Danke für das Interview!

© Milko Stoev, OutdoorChicks bei Crankworx 2020

© Milko Stoev, OutdoorChicks bei Crankworx 2020

Bilder: © Milko Stoev