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Klimakrise: Wo wir gegen Wände laufen

Warum passiert so wenig in Sachen Nachhaltigkeit? Wird die Zeit denn nicht immer knapper? Warum unternehmen wir denn nichts? Und warum unternehme ich denn nichts? Wir sprechen zu wenig über grundsätzliche Hemmnisse und Hürden auf dem Weg in eine nachhaltigere Lebensweise. Das gilt sowohl für uns als einzelne Personen, als auch für unsere Gesellschaft als Ganzes.

In der bisherigen Nachhaltigkeitsforschung ist eine Frage zentral: „Was ist überhaupt nachhaltig und wie kommen wir da hin? Das Ziel einer nachhaltigen Menschheit einmal vorausgesetzt, müssen wir uns alle mit dieser Frage beschäftigen. Allerdings bleibt dabei unbeleuchtet, warum uns nachhaltiges Handeln so schwerfällt. Es ist mittlerweile klar, dass so grundlegende Veränderungen, wie unsere Gesellschaft nachhaltig zu gestalten, auf politischer Ebene passieren müssen. Aber das bedeutet nicht, dass wir als Einzelpersonen unwichtig wären. Wenn wir also die große gesellschaftliche Ebene einmal kurz ausblenden und uns auf unseren ganz persönlichen Lebensstil konzentrieren, müssen wir uns mit kognitiven, psychosozialen und moralischen Barrieren beschäftigen.

 

Barriere: Denken

Die erste Barriere, welche hier dargestellt wird, ist kognitiver Natur. Es geht darum, dass das menschliche Denken tendenziell linearen Mustern folgt und meist eher kurze Zeiträume umfasst. Beides sind nützliche Eigenschaften, um im Hier und Jetzt Probleme zu lösen. Schwieriger wird es mit exponentiellen Prozessen oder Problemlagen, welche in großen Zeiträumen vonstattengehen. Zwei Beispiele: Wenn das Streichen eines fünf Meter langen Zauns einen Tag dauert, dann braucht man für zehn Meter Zaun etwa doppelt so lange. Das lässt sich noch relativ leicht abschätzen, anders im nächsten Beispiel.
Wie oft müsste man ein Blatt Papier falten (also verdoppeln), bis der entstandene Papierstapel bis zum Mond reichen würde? Die meisten Menschen, welche mit exponentiellem Wachstum nicht vertraut sind, würden wohl eine eher hohe Zahl schätzen, 100-mal oder vielleicht sogar 1000-mal. Tatsächlich aber müsste man es lediglich 43-mal Falten bzw. verdoppeln. Das heißt, wir haben Schwierigkeiten, solche Prozesse richtig einzuordnen und das beschränkt unsere Möglichkeiten, angemessen auf solche Probleme zu reagieren.
Verschiedene weltweite Parameter entwickeln sich annähernd exponentiell: Der globale Energiebedarf, das Bevölkerungswachstum, der Düngemittelverbrauch und nicht zuletzt die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre. All diese Prozesse haben direkt oder indirekt mit der menschlichen Lebensweise zu tun und diese wiederum mit dem Klimawandel. Insbesondere der steigende Energiebedarf wird uns in Zukunft beschäftigen, je nachdem, wie sehr wir noch mit fossilen oder schon mit erneuerbaren Energieträgern arbeiten.

 

Barriere: Moralisch Handeln

Eine weitere Hürde existiert in Form von moralischen Beschränkungen. Gier, Egoismus und Ignoranz sind mitverantwortlich für katastrophale Unfälle und Fehlentwicklungen. Ein Beispiel ist der Fall Volkswagen aus dem Jahre 2015, wo in betrügerischer Absicht Abgasmanipulation betrieben wurde; ein anderes das Tankerunglück der Exxon Valdez 1989 vor der Küste Alaskas, das durch deren betrunkenen Kapitän versursacht wurde. Aber jede und jeder von uns kennt die so alltäglichen, und deshalb vielleicht so unscheinbaren Situationen, in denen wir anders hätten handeln sollen oder zumindest mehr tun hätten können. Egal, ob es dabei um Müllvermeidung, die Demo, zu der man unbedingt gehen wollte, oder den Kurzstreckenflug in den Urlaub geht.

 

Barriere: Einstellung vs. Tun 

Eine andere Barriere gibt es in Form einer Lücke zwischen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten, dem sogenannten „value action gap“. Dieser ist nicht neu, wie bereits Apostel Paulus beklagte: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ In unserem täglichen Handeln konkurrieren und kollidieren unterschiedliche Interessen; zum Beispiel  meine Absicht Geld zu sparen und mein Wunsch nach Bio-Lebensmitteln. Warum sich welche Interessen durchsetzen, ist situativ unterschiedlich und hat verschiedene Ursachen. Dabei geht es um fehlendes Interesse und Verantwortungsgefühl an den betreffenden Themen, schlechte Praktikabilität, negative wirtschaftliche Auswirkungen und nicht-nachhaltige Normen.
Dagegen tun kann man vieles, beispielsweise politische Maßnahmen wie Preisänderungen durchsetzen oder nachhaltige Produkte und Dienstleistungen einfacher und bequemer gestalten. Aber auch Natur- und Umweltbildung können dazu beitragen, die Lücke zwischen vermeintlichem und tatsächlichem Verhalten zu reduzieren.

Ein Beispiel ist das Fahrrad: Es ist wesentlich umweltfreundlicher, Kurzstrecken mit dem Fahrrad zurückzulegen. Aber in Städten, wo das eigentlich leicht möglich bzw. praktikabel sein sollte, geben viele Menschen an, aus Sicherheitsgründen darauf zu verzichten. Das ist ein Punkt, wo eine politische Lösung gefunden werden muss – zum Beispiel in Form von besserer Infrastruktur.

 

Conclusio

Was folgt nun aber aus diesen Barrieren des nachhaltigen Handelns? Für und gegen alle davon gibt es zumindest Lösungsansätze. Grob gibt es zwei Wege: Zum einen die „top-down“-Strategie, bei der den Menschen quasi „von oben“ durch geeignete politische Maßnahmen ein nachhaltiger Lebensstil nahegelegt wird. Zum anderen gibt es die „bottom-up“-Strategie; hier wird „von unten nach oben“ eine Veränderung erwirkt, indem sich viele Personen gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit einsetzen, beispielsweise durch eine soziale Bewegung wie „Fridays For Future“. Die hier behandelten Barrieren zeigen, warum ein „bottom-up“ Ansatz schwierig sein kann, sie zeigen uns unsere kognitiven und moralischen Grenzen auf.

Warum sollte man sich nun mit den Einschränkungen von Einzelpersonen beschäftigen, wo doch klar ist, dass der Klimawandel unser aller Handeln erfordert? Weil es wichtig ist, zu wissen, wo auf dem Weg in eine nachhaltigere Gesellschaft mögliche Fallstricke liegen, um angemessen darauf reagieren zu können – und das schließt eben Individuen mit ein. Das heißt aber nicht, dass wir entweder auf die Hindernisse einzelner Menschen schauen sollen oder auf die Barrieren der gesellschaftlichen Ebene. Ganz im Gegenteil: Es zeigt uns, dass Veränderung und kluge Lösungen von „unten“ wie von „oben“ kommen müssen, um Aussicht auf Erfolg zu haben.

 

Weiterlesen in: Ist Nachhaltigkeit utopisch von Christian Berg (2020), oekom Verlag & Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet von Ingolfur Blühdorn et al. (2020), Transcript Verlag, Bielefeld.

 

Bilder: Foto 1: Mark König, unsplash.com

Foto 2: Lucas Souza, pexels.com

Foto 3: Mahdis Mousavi, unsplash.com