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Wenn der Alltag zur Belastung wird – Depression in jungen Jahren

„Du bist doch nur ein bisschen traurig. Das ist jede*r mal. Da kommst du drüber hinweg.“ „Wer depressiv ist, ist schwach, nicht resilient und kann keinen Stress ab.“ Depressionen sind in dieser Gesellschaft mit starken Stigmata besetzt, aufgrund derer sich Betroffene häufig nicht öffnen können oder nur schwer Hilfe zulassen können. Die Depression ist eine Krankheit, nur meist nicht so offensichtlich wie körperliche Krankheiten. Dieser Artikel soll entstigmatisieren, aufklären und normalisieren. Bei der Recherche zu diesem wichtigen Thema war das Gespräch mit Angelika Schwarz-Ortner von der Psychologischen Studierendenberatung Innsbruck sehr aufschlussreich.

Erschöpft, hoffnungslos, leer

Sieben Uhr. Der Wecker klingelt. Ich muss aufstehen, duschen, frühstücken und dann in die Uni. Die Acht-Uhr-Vorlesung ruft. Aber ich kann nicht. Will nicht daran denken, was dieser Tag von mir erwartet, was die Welt von mir erwartet. Ich fühle mich klein und will einfach wieder einschlafen. Vielleicht ist es ja beim nächsten Mal Aufwachen besser. Ist es nicht. Ich habe keine Kraft. Keine Kraft, mich aus dem Bett zu bewegen, keine Kraft, rauszugehen. Dabei liebe ich doch eigentlich die Natur, den Sonnenschein, eine leichte Brise Wind. Bing! Mein Handy. Meine Freund*innen wollen sich nachher für einen Spieleabend treffen, ob ich nicht vorbeikommen wolle. Spaß haben, Lachen, das Zusammensein genießen und abschalten. Genau das würde ich mir wünschen. Doch ich weiß jetzt schon, dass ich absagen werde. Ich fühle mich sowieso nicht mehr wie ich. Nicht mehr wie früher. Ich fühle eigentlich gar nichts mehr.

Depression erklärt

So wie jeder Mensch verschieden ist, sind auch Depressionen verschieden. Kein Krankheitsverlauf ist genau gleich. Die Depression ist eine anerkannte psychische Erkrankung, von der weltweit 350 Millionen Menschen jeden Alters betroffen sind. In Österreich ist die Krankheitslast durch Depressionen in den letzten Jahren stark angestiegen. Ärzt*innen gehen davon aus, dass die Krankheit bis zum Jahr 2030 die weltweit häufigste Ursache von Einschränkungen im Berufsleben sein wird. Erkennbar ist eine Depression häufig durch eine Veränderung im Verhalten und in der Gefühlslage. Betroffene fühlen sich bedrückt, grübeln viel, haben ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder weniger Antrieb. Emotionen wie Freude oder Lust gehen verloren, das Selbstwertgefühl, die eigene Leistungsfähigkeit und das Interesse am Leben können schwinden. Depressionen beeinträchtigen die Lebensfreude und Lebensqualität von Betroffenen.

Die depressive Stimmung hingegen ist keine Krankheit, sondern eher ein vorübergehender Gemütszustand. Sie unterscheidet sich durch die Schwere und die Dauer der Beschwerden von einer Depression. Depressive Verstimmungen sollten dennoch ernst genommen werden und nicht klein geredet werden, denn sie können auch ein Anzeichen einer Depression oder Angsterkrankung sein.

© Miriam Fellinger

Corona verschlimmert

Alleine aufstehen, alleine frühstücken, alleine lernen. Alleine zu Mittag essen, alleine Sport machen, alleine Schlafen gehen. Und am nächsten Tag das gleiche Spiel nochmal. Die Corona-Pandemie hat den Alltag monoton gemacht und für Einsamkeit gesorgt. Im Gespräch mit der Psychologin und Psychotherapeutin Angelika Schwarz-Ortner stellten sich starke Veränderungen im Vergleich zu Prä-Corona-Zeiten heraus. So bekommt die Psychologische Studierendenberatung nun rund ein Viertel mehr Anfragen für Therapieplätze oder ein Beratungsgespräch. Schwarz-Ortner erklärt, je länger die Pandemie andauert, desto größer sei auch die Belastung für die Studierenden. In ihren Gesprächen mit Studierenden seien nun Themen wie die Kontaktarmut oder Vereinsamung immer häufiger. Dazu kommen oft auch finanzielle Sorgen. Durch die Pandemie sind viele typische Studierendenjobs, wie etwa Kellnern, weggefallen und die Jobsuche ist anstrengend und bleibt meist erfolglos. Eine weitere Sache, mit der die jungen Klient*innen inzwischen vermehrt konfrontiert sind, ist die Sorge um ihre Angehörigen.

Die veränderten Umstände durch die Pandemie verschlechtern eine bereits vorhandene Depression und lassen Down-Phasen häufiger oder extremer auftreten. Die Corona-Maßnahmen sind aber auch oft der Grund dafür, dass eine depressive Verstimmung überhaupt erst auftritt. Selbst bei Menschen, die vorher noch nie mit psychischen Problemen belastet waren.

Weg zur Therapie

Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Zukunftsängste, Antriebslosigkeit, Versagensängste, Kraftlosigkeit, Selbstzweifel, Appetitlosigkeit, Leere. Diese und andere Symptome einer Depression wirken sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Doch die Hemmschwelle, sich gegenüber Freund*innen zu öffnen oder sich professionelle Hilfe zu suchen, ist sehr hoch. Psychische Krankheiten sind etwas sehr Persönliches und häufig mit Vorurteilen belastet, was offenes Sprechen erschwert. Wer jedoch beginnt, sich Freund*innen anzuvertrauen, wird wahrscheinlich schnell merken, dass man nicht allein ist. Über den psychischen Gesundheitszustand zu sprechen, erfordert Mut, welcher jedoch meist belohnt wird. Sich einzugestehen: „Ich brauche Hilfe“, oder „Ich schaffe es nicht mehr allein“, ist eine große Überwindung. Findet man für sich heraus, dass man Unterstützung benötigt und man seine Probleme nicht mehr selbst bewältigen kann, ist eine Beratung für eine Therapie sehr hilfreich. Ein kurzer Anstoß von einer außenstehenden, professionellen Person reiche laut Schwarz-Ortner häufig aus, um wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Ein*e Psychotherapeut*in erkennt oft in einem ersten Beratungsgespräch, ob das psychische Wohlbefinden krankheitswertig ist und ob es ratsam ist, sich in Psychotherapie zu begeben. Sein eigenes Leiden zu ignorieren, lässt das Leid nicht verschwinden.

 

„Kein Problem ist zu klein, um sich Hilfe zu holen.“ – Angelika Schwarz-Ortner

 

Die Psychologische Studierendenberatung stellt eine von mehreren Anlaufstellen in Innsbruck dar, an die sich jede*r wenden kann. Dort wird mit Beratungsgesprächen, Gruppensitzungen, Kurzzeitpsychotherapie und vielem mehr versucht, zu helfen. Da die Plätze jedoch begrenzt und derzeit ausgelastet sind, vermittelt die Stelle auch nach außen und hilft dabei, eine private Therapiemöglichkeit zu finden.

Ein offenes Ohr bietet auch die Nightline Innsbruck. Egal, ob es dabei um Sorgen, Ängste, Freude, Belangloses oder Trauer geht. Andere Anlaufstellen mit einem ähnlichen Konzept sind die Ö3 Kummernummer oder die Telefonseelsorge Innsbruck, welche auch über weitere Hilfsmöglichkeiten aufklärt.

Weder Platz noch Geld für Hilfe

Schon vor der Pandemie waren Therapieplätze bei der Psychologischen Studierendenberatung Innsbruck knapp. Die Wartezeiten betrugen teilweise mehrere Monate, obwohl über die Jahre hinweg weitere Standorte mit Beratungsmöglichkeiten eröffnet wurden. Die Pandemie, die sozialen Maßnahmen, und die damit verbundene steigende Notwendigkeit für psychologische Hilfe haben den Mangel an Therapieplätzen verschlimmert. Den richtigen Therapeuten oder die richtige Therapeutin zu finden, ist sowieso meist ein langwieriger Prozess. Ein geringes Angebot erleichtert die Suche nicht wirklich. Dazu kommt bei nicht-österreichischen Studierenden der finanzielle Aspekt. Je nach Versicherung kann es sehr teuer werden, wenn man Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Das ist nur noch eine weitere Hürde, die Betroffene daran hindert, sich in Therapie zu begeben.
Die Politik hat doch bereits festgestellt, dass die pandemiebedingten sozialen Einschränkungen die Psyche stark belasten. Warum fließen also nicht verstärkt Gelder in psychotherapeutische Institutionen und Beratungsstellen? Auch unabhängig von der Pandemie wären das zukunftsgerichtete Investitionen, die so vielen jungen Menschen helfen würden.

Wir müssen reden

Wir müssen über Depressionen und psychische Krankheiten reden. Je offener wir mit dem Thema umgehen, desto mehr macht es Mut, sich zu öffnen. Die Gesellschaft sollte über Depressionen öffentlich aufklären und Organisationen darin (finanziell) unterstützen. Wenn man hört, wie viele Menschen betroffen sind und sich Hilfe geholt haben, sinkt die Hemmschwelle, sich selbst Hilfe zu suchen. Depressionen müssen entstigmatisiert werden und weniger schambehaftet sein. Sich Hilfe zu holen und über die eigene Psyche zu reden, muss gesellschaftlich akzeptiert werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist keine Schande, sondern mutig.

 

Bild 1: © Sofie Amann

Bild 2: © Miriam Fellinger, netdoktor

Hallöchen, ich heiße Sofie und versuche mich hier bei Die Zeitlos im Schreiben. Ich habe im Bachelor Wirtschaftswissenschaften studiert und mache jetzt mit Politikwissenschaft weiter, um das Studierendenleben voll und ganz auszukosten. Ansonsten genieße ich den Innsbrucker Lifestyle sehr. Wandern, Mountainbiken, Klettern oder Skitour gehen versüßen mir den Alltag. Viel Spaß beim Lesen der vielen spannenden Artikel!