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Hommage an die Kaffeehäuser. Eine Beobachtung

Es wird langsam aber sicher Zeit. Espresso, Latte Macchiato, Wiener Mélange oder Eiskaffee – es ruft nach Italien, Frankreich und Brasilien.

„Gehen wir wieder mal einen Kaffee trinken?“ ist eben der Vorschlag des Treffens an sich. Einen Kaffee trinken zu gehen, hat immer etwas Legeres, Ungezwungenes an sich. Wie gut man sich versteht, ist jedoch meist daran erkennbar, wie lange man hinter den geleerten Tassen noch im Gespräch hängen bleibt, oder ob gar noch eine nachbestellt wird.

Zeitungsleser verschwinden hinter den flattrigen Seiten, Geschäftsleute sind auf neue Abschlüsse aus, allgemeiner Klatsch und Tratsch wird bei einem geteilten Stück Apfelstrudel ausgetauscht. Hier werden Bekanntschaften zu Freundschaften, Fremde zu Vertrauten. An einem Tisch formieren sich pikante Neuigkeiten zu ausgeschmückten Analysen, während am Nächsten Erlebnisse des Alltags als witzige Anekdoten zum Besten gegeben werden.

Die Speisekarte – ein Sammelsurium an Komplementären: hier Heißgetränke, dort Erfrischungen, deftige Schinken-Käsetoasts finden sich gegenüber von Kuchenangeboten, welche man an der Theke begutachten darf. Nur ein scheinbarer Widerspruch, denn an diesem Ort fügen sie sich zu wunderbaren Kombinationen. Das Beste und zugleich Schlimmste ist: Kurkuma-Latte und Würstel zusammen schmecken wenn dann auch nur im Kaffeehaus.

Die Einrichtung selbst sprudelt vor Individualität. Sie bestimmt das Ambiente, und damit die Kundschaft, denn liebe*r Leser*in: Kein Kaffeehaus ist wie ein zweites. Ob antik, modern oder wild gemischt. Ob durcheinander gewürfelte Sofas, gestapelte Spielkartons, die Geräuschkulisse reicht von klassischer Musik oder Indie-Coversongs. Dabei ist etwa an das Café Central zu denken, das sich an der traditionellen Wiener Kaffeekultur orientiert oder ans Treibhaus, das sich mit seinen Veranstaltungen regelmäßig selbst übertrifft. Im Mundig wird der Traum der hohen Patisserie traditionsgemäß gelebt. Dazwischen stolpert man über die vielen kleinen Cafés, die sich durch ihre vielseitige Lieblichkeit oder eben Keckheit auszeichnen.

Doch in welchem Kaffeehaus auch immer: Ein wildes Gewirr an Gesprächsfetzen fegt auf den Schwingen der Sinfonie von klapperndem Besteck und allgemeinem Vergnügen durch den Raum. Im Hintergrund gibt das Brummen der Kaffeemaschine den Takt vor und die Tür bleibt stets schwingend in Bewegung.

Im Sommer wird die Freude groß, wenn sich die Türen zum pittoresken Bild des Gastgartens zwischen Blumen und Schnörkeln in der warmen Abendbrise öffnen. Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, aber ein Eiskaffee bestimmt endgültig den Sommeranfang. In ständiger Bewegung scheinen die Weißen Spritzer und Pfiff zu den Tischen zu schweben, die Eiswürfel glucksen in den Gläsern über die sprudelnden Gespräche.

In den kalten Monaten erfüllt sich hier das sehnliche Verlangen nach Heimeligkeit. Sobald der Mantel am Haken hängt, werden die letzten Schneeflocken abgeschüttelt und ein freier Platz gesichtet. Diese graue Realität muss draußen bleiben, während man sich in dem warm beleuchteten Mikrokosmos in Zeit und Gesprächen verliert.

Neugierigen eröffnet sich die Gelegenheit, ihre Umgebung etwas genauer zu inspizieren. Kaum zu glauben, sagt doch die Wahl des Kaffees so einiges über die Person selbst aus:

Die Wankelmütige kratzt sich an der Nase und wühlt sich von Entscheidungsdruck geplagt durch die Speisekarte, bestellt dann aber doch, wie Herr oder Frau Ober*in schon ahnt, den vertrauten Cappuccino. Ihr gegenüber äußert der Amateur-Experte, dass die Bezeichnung von der Kopfbedeckung der Kapuziner herrührt, woraufhin er sich selbst jedoch einen Schwarztee mit Milch aussucht. Die Naschkatze erfreut sich bereits an einem Karamell-Latte Macchiato, während der Mutige sich mit großen Augen an seine neue Herausforderung wagt, einen Erdbeer-Matcha-Tee. Die Espressotrinker erweisen sich als die Versiertesten unter ihnen. Das Spektrum ihres Konsums reicht vom Koffein-Shot nach der (zu) kurzen Nacht mit der obligaten Aspirintablette bis hin zum Genuss des Hobbybarristas. Meist jedoch begründet sich seine Wahl durch ihre Qual oder durch den schüchtern klimpernden Geldbeutel am Monatsende. Die Löfflerinnen bestellen eine Aztekenschokolade, ein Verlängerter wird von den Witzbolden unter uns auch als Langweiliger an die Küche weitergeleitet. (*Anmerkung siehe unten)

Man kann sich in diesen Zeiten unzählige Kaffees-To-Go spendieren und selbst jener Freizeit-Barista, der daheim dem „Kapselwahn“ erlegen ist, wie manche ihn bezeichnen, kann sich der Wahrheit nicht entziehen: Das Kaffeehaus verkauft ein Stück Kultur im Setting eines Wohnzimmers, in dem die Rechnung manchmal auf sich warten lässt, doch der Geruch der gemahlenen Bohnen beim Hinausschreiten den weiteren Tag begleitet.

 

*in diesem Absatz wurde aus Gründen der Lesbarkeit nicht gegendert, gerade aus dem Vorhaben heraus möglichst viele Facetten zu zeigen. Der/die Redakteur*in wollte jedoch keinen der Kaffeetypen mit einem Geschlecht gleichsetzen oder davon ausschließen 😊

Foto © Georg Danicek