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Rezension: nackte gedichte

Von Regen, Muscheln und Königinnen erzählt der zweite Gedichtband von Rebecca Heinrich. In ihm erzählt sie von Liebe, Trauer und Neuanfängen. Eine visuell und poetisch berührende Reise durch ein wunderbar illustriertes Buch.

Der Gedichtband nackte gedichte ist das Produkt des 2017 gegründeten Künstlerinnenkollektivs dreiundzwanzigminuseins. Das Trio bestehend aus der Autorin Rebecca Heinrich und den Illustratorinnen Julia Kössler und Martina Frötscher hat mit diesem Buch ein sicht- und spürbares Kunstwerk geschaffen, das so viel mehr ist als nur eine Sammlung von Gedichten.

Rebecca Heinrich (*1995) studierte in Innsbruck und Marseille, promovierte an der Uni Freiburg zum Thema Queer-Linguistik, ist in der Poetryslam-Szene zuhause und kann schon auf einige Stipendien, Preise und Nominierungen zurückblicken. nackte gedichte ist ihr zweiter Gedichtband, erschienen 2020 in der Edition Baes. Julia Kössler (*1994) studierte in Innsbruck und Leiden. Heute arbeitet sie als Tattoo-Künstlerin in Schwaz. Martina Frötscher (*1993) hat ebenfalls in Innsbruck studiert und ist Grafikerin und Künstlerin. Fun Fact: Martina war während ihres Studiums beim Studierendenmagazin Die Zeitlos als Vorstandsmitglied und Grafikerin aktiv.

Auf 63 Seiten spinnt sich beim Lesen von nackte gedichte ein Netz aus Bildern und Gefühlen um mich. Dabei schaue ich mindestens so viel wie ich lese. Nicht nur stellen die Illustrationen einen begleitenden Rahmen für die geschriebenen Worte dar, sie führen ein Eigenleben als Erzählstrang, der sich mit den Gedichtzeilen verwebt, sich von ihnen löst und eine Weile frei schwebt, um sich dann wieder mit den Worten zu kreuzen und zu vereinen.

Auf fast jeder Seite findet sich eine Illustration in einer Drucktechnik, die mit Details überrascht. Manche Bilder sind schlichte farbige Flächen. Anfangs in nachdenklichem, dunklem Blau gehalten, hellt sich das Blauspektrum der Illustrationen bald auf, bis sich auf einmal ein dunkles Rot dazugesellt und die Farbwelt der Gefühle aufmischt. Bisweilen vereinen sich die Farben dann zu einem Braun- oder Violett-Ton, am Ende des Bandes dominiert aber das gefestigte Rot. Dieser Farbverlauf beschäftigt mich. Diese Reise durch die Farben spiegelt die sich wandelnden Gefühlswelten der Gedichte – von desillusioniert traurig über hoffnungsvoll fröhlich bis leidenschaftlich gefestigt. Doch auch gegen Ende, als das Rot bereits dominiert, sind immer wieder einzelne Bildteile blau. Ich interpretiere das als ein Zeichen dafür, dass die Trauer der Vergangenheit auch in der kraftstrotzenden Gegenwart ihre Rolle spielt.

 

die blaue stunde

abendsonne

und unsere augen weiten sich.

meine iris bereitet deiner iris

augustahnung.

[…]

(Aus: nackte gedichte, S. 20)

 

In fünf Gruppen entwickeln die Gedichte, die in unzähligen unterschiedlichen Formen erscheinen, eine Reise durch den Alltag der Liebe, der so alltäglich nicht ist. Mal nachdenklich, mal ekstatisch, oft sinnlich und bisweilen evokativ gestalten sich die Texte, die mal nur aus einem enigmatischen Titel und zwei Zeilen bestehen, oder sich über vier Seiten erstrecken. Oft spiegelt sich in der Typografie der Gedichte die Topografie der Gefühle: Ein Gedicht besteht aus vielen kurzen Zeilen; ein anderes hat zwar visuell Strophenform, aber der Text liest sich wie klangvolle Prosa; in einem dritten tanzen die Wörter über die Seite; und in einem vierten tropft ein Wort lustvoll von der Zeile.

So vielfältig wie die Formen der Texte sind auch die Gefühle, die sich beim Lesen einstellen. Dennoch ist das buchüberspannende Thema die Liebe in all ihren Ausprägungen und Phasen. Von Schmerz und Einsamkeit über Nachdenklichkeit und Schwelgen in Bilderfluten bis hin zu Genuss und Ekstase. Trotz aller Verträumtheit bleibt die Bildsprache aber doch angenehm verankert in der Wirklichkeit.

 

nackt

[…]

der wind atmet mich aus,

legt mich unter die sonne.

sie legt mich in unser ehebett

aus trauben und disteln.

[…]

(Aus: nackte gedichte, S. 50)

 

Nackt sind die Gedichte nicht nur in ihrer Ehrlichkeit, sondern auch in ihrer Orthografie. Die Texte sind durchwegs in Kleinbuchstaben gehalten. Großbuchstaben sind die Ausnahme und stellen, wenn sie denn verwendet werden, eine umso größere Betonung dar. Dieser Verzicht auf Unterscheidung hat den Effekt, dass ich beim Lesen bisweilen überlegen muss, welche Wortart gerade verwendet wird, und doch öffnet diese geschriebene Gleichheit der Wörter den Blick und den Geist für neue Welten der Betrachtung.

Der Gedichtband nackte gedichte ist ein Gesamtkunstwerk, das ich gerne in mein Regal stellen möchte, denn mit einmal Lesen ist es nicht getan – diese Texte und Bilder werde ich mir noch wiederholt zu Gemüte führen, um die Bandbreite ihres Ausdrucks auch nur ansatzweise zu begreifen. Doch was ich nicht auf Anhieb verstehe, genieße ich einfach solange und bade in den Bilderfluten wie im kühlen Wasser eines Sees.

 

st. nikolaus. danach

der blick durch das fenster,

bienengebrüll, tosende

spatzen, reißende

fliederbuschwellen –

[…]

(Aus: nackte gedichte, S. 43)

 

Zum Weiterlesen: Interview mit Rebecca Heinrich auf komplex – KULTURMAGAZIN: https://komplex-kulturmagazin.com/2021/05/13/mit-lyrik-und-kunst-neue-welten-erschaffen-nackte-gedichte/

 

Bild: Ausschnitt Screenshot, nackte gedichte S. 33. Mit freundlicher Erlaubnis durch Elias Schneitter von der Edition Baes.