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Im Gespräch mit dem Naturschützer und Ökologen Ulrich Eichelmann

Die Zutaten: Die dringliche Angelegenheit des Klima- und Naturschutzes, was die Wasserkraft damit zu tun hat, das Bedürfnis nach kompromissloser Einsatzbereitschaft, Ratlosigkeit und ein Streben für eine bessere Zukunft.

 

Anfang April hatte ich die Gelegenheit zu einem virtuellen Gespräch mit Ulrich Eichelmann, dem Gründer und Geschäftsführer der Naturschutzorganisation RiverWatch.

Die Organisation arbeitet kampagnenorientiert und konzentriert sich auf den Schutz und die Renaturierung von Flüssen. Basis für die Gründung war, dass sich der kritische Zustand der Fließgewässer der Erde kaum in der NGO-Szene widerspiegelt. So sind die Flusslebensräume seit 1970 mindestens doppelt so stark zurückgegangen wie die Regenwälder und sind damit die von allen Habitattypen am meisten zerstörten Ökosysteme. Trotzdem gibt es neben RiverWatch kaum Naturschutzorganisationen, die sich mit diesem Thema als Schwerpunkt beschäftigen.

RiverWatch besteht lediglich aus zwei Mitarbeiter*innen: Eichelmann selbst und seiner Kollegin Conny. Das garantiert Unabhängigkeit und macht es ihnen möglich, mit ihren Anliegen und Ansichten offensiv umzugehen und diese klar zu kommunizieren.

 

Die Zeitlos: Woher kommt deine Affinität zu Flüssen?

Ulrich Eichelmann: Ich bin an einem Bach aufgewachsen und habe immer schon einen Bezug dazu gehabt. Während meiner 17 Jahre beim WWF [World Wide Fund For Nature – Anm. d. Autorin] in Wien war ich auch immer nur der Fluss-Mensch. „Fresh-Water-Officer“ hieß das dort. Der Nationalpark-Donau war sehr lange mein Projekt; daneben der Lech in Tirol und weitere. Irgendwann hat sich die persönliche Liebe mit der Professionalität gepaart und das ist dabei rausgekommen.

 

In den Augen vieler scheint Wasserkraft eine recht ökologische Art der Stromgewinnung zu sein. Wie sieht es damit wirklich aus?

Für Natur und Artenvielfalt ist Wasserkraft eine der schlimmsten Formen der Energiegewinnung, weil sie in Flüsse eingreift und sich dieser Eingriff nicht nur auf den Raum bezieht, wo das Kraftwerk gebaut ist. In vieler Hinsicht wird dabei ein Kontinuum unterbrochen. Das wird auch viel weiter unten und viel weiter oben als das eigentliche Kraftwerk an der Morphologie des Flusses und an den Artenzusammensetzungen erkennbar. Österreich hat 5200 registrierte Wasserkraftwerke. Das ist, glaube ich, die höchste oder zweithöchste Dichte der Welt. Es bleibt kein Fließgewässer mehr, das noch einigermaßen intakt ist. Die Differenz zwischen der allgemeinen Vorstellung von Wasserkraft und der Realität ist enorm. Das liegt am Aufbau unserer Marketing-Welt: Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ist überall riesig und wird immer riesiger. […] Das war aber nicht immer so, als ich Ende der 80er nach Österreich gekommen bin, gab es zum Beispiel Auseinandersetzungen um Hainburg […], damals hat Wasserkraft kein Bein auf die Erde gekriegt. Mit der Climate-Change-Debatte ist die Wasserkraft mit all ihrem Potential aufgesprungen. Dabei spielt Werbung eine entscheidende Rolle. Wenn du etwas immer auf eine bestimmte Weise kommuniziert kriegst, glaubst du es irgendwann.

 

Die Effekte der Kleinwasserkraft am Ugar Fluss, Bosnien-Herzegowina: Das Wasser wird in Rohre abgeleitet, die Flussstrecke darunter ist fast trocken. Bevor die österreichische Firma KELAG diese Anlage baute, haben hier Huchen, bis zu 1,5 Meter große Fische, gelaicht. Credit: UEichelmann

 

Am Beispiel von Wasserkraft lässt sich gut erkennen, dass eine Auseinandersetzung mit Klimaschutz und erneuerbarer Energie tiefgreifend sein muss, um sinnvoll zu sein. Hast du den Eindruck, dass genügend Auseinandersetzungen dieser Art stattfinden?

Tiefgreifende Auseinandersetzungen gibt es schon, sicherlich nicht tiefgreifend genug… Vor allem aber nicht radikal genug. […] Die Gesellschaft arrangiert sich mit einer Lüge, wissend, dass es eine Lüge ist. Ständig wird gesagt, wir seien, was die Klimakrise angeht, auf einem guten Weg. Es wird vom Umstieg auf Elektroautos gesprochen, aber es weiß jeder, dass das technisch funktionieren, aber nicht helfen wird. Die ganze Angelegenheit ist viel komplexer. […] Entscheidend ist, glaube ich, dass die Radikalität fehlt. Ich weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken kann, weil Radikalität immer so nach Straßenkampf klingt, aber letztendlich ist es so etwas. Der beste Satz, den Greta Thunberg jemals gesagt hat, ist: „I want you to panic.“ Bisher waren wir immer der Ansicht, dass alles irgendwie noch gut gegangen ist, aber mit unserem jetzigen Wissen wissen wir auch, dass das nicht mehr lange so sein wird. Trotzdem wird immer noch so getan. Leider weiß ich auch nicht, wie man diese Radikalität herstellt. Da gibt es kein Rezept. Der WWF in Tirol macht zum Schutz der Alpenflüsse, was er kann. Aber es fehlt einfach, dass irgendwer sagt: „Mit mir nicht mehr.“ Mir fehlt das, da ich unter anderem durch die anti-AKW-Aktionen so sozialisiert bin. Diese Auseinandersetzungen waren teilweise brutal, richtig physisch, aber ohne die wäre Deutschland niemals aus der Atomkraft ausgestiegen. Ich glaube, ob man physisch wird, ist letztendlich ein Zeichen dafür, wie ernst man es meint. In einer digitalen Welt ist es umso mehr so. Niemand fürchtet sich vor 100.000 Unterschriften unter einer Petition oder wenn ein Video eine Million Klicks bekommt, weil das so leicht ist. Aber vor Formen des Protests, die mit Körperlichkeit zu tun haben, wird sich gefürchtet, weil es dann unangenehm wird. Am Balkan wird noch so agiert, die Leute sind nach wie vor wütend. Sie wissen zwar nicht genau, wie zum Beispiel das Grundwasser mit allem zusammenhängt und welche Tierarten in den dortigen Flüssen leben. Aber sie sagen: „Hey, das ist unser Wasser.“ Darum geht es meistens.

 

Hast du eine Idee, wie hier Leute mobilisiert werden können?

Wenn ich das genau wüsste, hätte ich es schon gemacht. Aber der erste Schritt ist die klare Sprache. Das ist in großen Organisationen oft nicht leicht, weil immer Rücksicht genommen werden muss. […] Organisationen reden und debattieren schon lange gut und richtig über den Klimawandel. Aber es fehlt die kompromisslose und klare Kommunikation der jeweiligen Anliegen. Es ist so simpel. Man kann sich endlos in Argumenten verheddern, aber im Grunde spielen die keine Rolle. Wissen ist schon eine Voraussetzung, aber wir wissen so viel wie noch nie über Klimaschutz, über Verbraucherschutz, über Alles-Schutz, und doch wurde das noch nie so stark ignoriert. Der Verlust der Natur hat eine Geschwindigkeit erreicht, die es noch nie zuvor gegeben hat. Parallel dazu haben wir ein Wissen, das es noch nie zuvor gegeben hat. Da besteht kein Zusammenhang. Da besteht nur dann Zusammenhang, wenn etwas unternommen wird.

 

Tirol verfolgt die Betreibung von Wasserkraft aktiv und plant, diese noch weiter auszubauen. Wie lauten deine Vorschläge zu Alternativen der Stromgewinnung in der Region?

Weniger. Die Alternative ist nicht einmal mehr Sonne oder so etwas. Sondern weniger verbrauchen, und zwar dramatisch weniger verbrauchen. […] Es muss radikal reduziert werden. Ich habe keine Ahnung, wie man da hin-kommt. Ich weiß nur, dass es die einzig richtige Lösung ist. […] Da ist diese Degrowth-Debatte zumindest eine ehrlichere Herangehensweise. Wie soll die Welt, in der wir leben wollen, aussehen? Soll es noch Natur und intakte Flüsse geben, in denen wirklich Tiere leben? Das sind die entscheidenden Fragen. […] Wenn wir die mit „ja“ beantworten, wird klar, dass wir sofort unseren Lebensstandard ändern müssen. […] Es beginnt damit, dass mehr Leute darüber reden. Dass bei den zivilgesellschaftlichen Naturschutzorganisationen nicht über Degrowth geredet wird, ist, finde ich, ein wahnsinnig fahrlässiger Fehler. […] Wir müssen weg von dem „Mehr“, von diesem Wachstumsgedanken. Die wenigsten kommen auf den Gedanken, dass wir einfach zu viel konsumieren und dass das nicht kompensiert werden kann, indem wir mehr produzieren. […] Unsere Klamotten, unsere Autos werden in China hergestellt und kommen dann zu uns, aber klimatologisch wird das in China angerechnet. Weil immer mehr ausgelagert wird […] ist heute nichts mehr zu lösen, indem zum Beispiel der Landeshauptmann von Tirol etwas sagt. Das ist der Nachteil an Globalisierung. Es muss etwas kommen, das weltweit umgesetzt wird. Und da wird es dann noch schwieriger.

 

In dem Film Blue Heart, zu dessen Darsteller*innen du gehörst, wird verschiedentlich auf Korruption eingegangen, der aufgrund der Komplexität rund um den Kraftwerksbau leicht Tür und Tor geöffnet wird. Wie beurteilst du die Bedeutung von Korruption im Zusammenhang mit dem Dammbau, nicht nur auf dem Balkan, sondern gerade auch in Österreich und anderen westeuropäischen Ländern?

Also auf dem Balkan ist es das Argument Nummer eins. Ohne Korruption würde da, glaube ich, überhaupt niemand bauen. Korruption und die falschen Incentives. Das ist ja in Österreich auch so. Über deine Stromrechnung zuhause finanzierst du zusätzliche Gelder für die Wasserkraft-Leute. Vom Marktpreis her würde die Wasserkraft sich gar nicht rechnen. Da würde auch keiner mehr bauen. Aber weil sie dafür zusätzlich Geld kriegen, haben sie in zehn oder fünfzehn Jahren die Baukosten raus und können Gewinn machen. Korruption gibt es bei uns auch, wenn auch nicht in dem Maße wie am Balkan oder jedenfalls nicht so offensichtlich. Korruption ist Teil der Kultur – nicht der armen Leute, sondern der anderen. Im Kosovo haben österreichische Firmen in einem Nationalpark drei Kraftwerke gebaut, ohne sich sich an die Umweltauflagen zu halten. Die Genehmigungen haben sie trotzdem bekommen. Westliche Firmen sind Teil des Korruptionsprozesses am Balkan. In Österreich selbst ist das natürlich nicht so einfach und weniger offensichtlich, unter anderem weil da die NGOs schon immer hinterher waren. Trotzdem gibt es Verstrickungen: Zum Beispiel ist das Land Tirol Eigentümer der TIWAG. Gleichzeitig stellt das Land Tirol aber die Genehmigungen für die TIWAG aus. Das ist doch nicht unabhängig. Das ist eine korrupte Situation, sozusagen systemimmanente Korruption. Das ist wirklich verrückt bei uns. […] In anderen Bundesländern ist das auch so. […]

 

Kosovo, im Shar Nationalpark: Kleiner Bach kurz bevor sein Wasser in die Rohre eines Kraftwerks geleitet wird. Credit: UEichelmann

 

Wie können wir uns die Entfernung von Dämmen vorstellen?

Technisch ist das kein Problem. In den USA wurden hunderte Wasserkraftwerke abgebaut, über tausend, glaube ich. In der Normandie, in Frankreich wird gerade ein 30 Meter hoher Staudamm abgerissen. In Spanien, Finnland und anderen Ländern kleinere. In Griechenland gibt es zwei Staudämme im Acheloos, der eine misst 135 Meter, der andere 165 Meter. Allerdings sind sie nie ans Netz gegangen, weil das widerrechtlich war. Aber die Staudämme sind noch da. Kürzlich habe ich mit griechischen NGOs überlegt, wie wir einen Abriss herbeiführen können. Das wären die größten Staudämme der Welt, die jemals abgerissen würden. 165 Meter hoch, das ist eine Menge Beton. […]

 

Ist das teuer?

Klar. Aber es kostet alles immer etwas. Beim Bau von Wasserkraftwerken, die sind schließlich auch teuer, ist das dann immer eine Investition in die Wirtschaft. Die ganzen Bau- und Energiefirmen haben alle ewas davon. Wenn du die Dämme abreißt und die ganzen Korsette rausreißt um einen Fluss zu renaturieren ist das auch Investition, aber eben in die Natur. Das ist eine Frage, wie du das siehst.

 

Mit dieser Frage wurde ich allein gelassen, da mein Gesprächspartner zum nächsten Termin musste. So ist es nun auch den Leser*innen überlassen, sich über ihre Ansprüche an unsere zukünftige Welt klar zu werden und dies unmittelbar auf ihre heutigen Handlungsmuster zu übertragen. (Wer bricht mit mir auf zum Kraftwerke-Besetzen?)

 

 


Bildquellen: 

Bild 1 (Titelbild): Amel Emric

Bild 2: UEichelmann

Bild 3: UEichelmann