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Frauen- unbezahlbar, aber unbezahlt

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Anmerkung: Im Laufe meiner Recherche wurde deutlich, dass das längst überwunden geglaubte Geschlechtersystem, das von der Zweiteilung Mann und Frau ausgeht, leider immer noch stark präsent ist. Die damit verbundenen stereotypischen Verhaltens- und Unterdrückungsmuster sind auch heute noch Hindernisse, mit denen nicht nur Frauen, sondern auch Männer sowie LGTBQ+ Personen stark zu kämpfen haben. Auch diese dürfen nicht außen vor oder vernachlässigt werden, auch wenn die hier angesprochene Problematik der Arbeitsteilung im Haushalt auf einer veralteten, binären Vorstellung der Geschlechter basiert.

 

 

Frauen- unbezahlbar, aber unbezahlt

„Mama spielst du mit mir?“ „Nein Lisa, ich habe jetzt Feierabend. Das weißt du doch. Ich habe doch gestern schon Überstunden gemacht. Morgen ab 9 Uhr dann wieder, ok?“

Zugegebenermaßen, dieses Szenario ist sehr extrem und einfach unvorstellbar. Dennoch macht es auf ein Problem aufmerksam, dem bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt wird: Mamas haben niemals frei! Während die meisten Männer nach ihrem „Nine-to-Five-Job“ erschöpft nach Hause kommen und erstmal entspannen, können sich Frauen dies meist nicht erlauben. Zuhause wartet nämlich noch ein Berg an Hausarbeit, der erledigt werden muss. Auf der To-do-Liste stehen Kochen, Waschen, Putzen, Gartenpflege und vieles mehr und natürlich brauchen auch die Kinder Betreuung. Alles Tätigkeiten, für Frauen aber nicht bezahlt werden. Von wem denn auch?

Der Mann arbeitet und die Frau bleibt zuhause und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Die meisten würden denken, das sei doch Schnee von gestern. Das war vielleicht vor 50 Jahren in der Generation unserer Großeltern so, aber heute sei man diesbezüglich schon viel weiter und aufgeklärter. Von wegen! Zwar haben Frauen mittlerweile auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst, doch wer hat dafür gesorgt, dass sich auch Männer mehr im Haushalt integrieren? Hausmänner, wo bleibt ihr?

Unsichtbare Frauen

In ihrem Buch „Invisible Women“ beschreibt Caroline Criado Perez, wie viel Frauen an Arbeit leisten, für welche sie aber am Ende des Tages keinen Cent zu Gesicht bekommen. „Invisible Women“, also „Unsichtbare Frauen“ deswegen, weil diese nicht entlohnte Arbeit auch von keinem wirtschaftlichen Beschreibungssystem, wie zum Beispiel dem BIP, erfasst wird. Die Autorin führt Studien an, laut denen Frauen in Indien täglich 66% ihrer Arbeitszeit für unbezahlte Tätigkeiten aufwenden, während es bei Männern nur 12% sind. Aber auch in westlichen Ländern sieht es nicht anders aus. In Italien verbringen Frauen 61% ihrer Arbeitszeit mit Arbeit im Haushalt sowie Sorgearbeit, Männer nur 23%. Die Zahlen aus Deutschland sind ähnlich ernüchternd: Im Durchschnitt wenden Frauen pro Tag 52,4% mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer, umgerechnet also 87 Minuten täglich. Das entspricht einem ganzen Spielfilm, den sich Männer täglich gemütlich auf der Couch anschauen, während ihre Partnerin noch am Schuften ist.

Diese Differenz in der Zeitaufwendung von Männern und Frauen für unbezahlte Arbeit, sogenannte „Care“-Arbeit, nennt man „Gender Care Gap“. Ursache für diese ungerechte Aufteilung sind vor allem geschlechtsspezifische und soziale Rollenverteilungen, die einem schon früh in die Wiege gelegt werden. Studien zeigen, dass es für Töchter viel selbstverständlicher ist im Haushalt mitzuhelfen als für ihre Brüder und „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“.

Ungerechte Folgen

Eine der gravierendsten Konsequenzen der „Gender Care Gap“ ist die wohl eher bekanntere „Gender Pay Gap“. Sie beschreibt Verdienstunterschiede zwischen den Geschlechtern, genauer gesagt, niedrigere Einkommen für Frauen bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation. Daten aus Frankreich, der Türkei, Schweden und auch Deutschland zeigen, dass Frauen durch ihre unbezahlte Arbeit zuhause im Laufe ihres Lebens 31% bis zu 75% weniger verdienen als Männer.

Die ungerechte Aufteilung der Care Arbeit ist also auch schuld an der Gender Pay Gap. Ursache hierfür ist hauptsächlich die Kinderbetreuung. Bis zur Geburt des ersten Kindes gibt es kaum Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Erst im Lauf der Jahre verdienen Frauen zwischen 30% und 50% weniger als Männer mit der gleichen Ausbildung. Ein bedeutender Faktor ist, dass Männer deutlich häufiger in Vollzeit arbeiten. Im Gegensatz dazu sind Frauen vermehrt teilzeitbeschäftigt, da sie mehrheitlich diejenigen sind, die nach einer Schwangerschaft ihre Karriere auf Eis legen und die Sorgearbeit übernehmen. Der Haken: Der Stundenlohn bei Teilzeitjobs ist deutlich niedriger. Zudem haben Frauen nach der Elternzeit oftmals Probleme, zurück in den Beruf zu finden. Vergleicht man in Deutschland zwei Frauen im Alter von 45 Jahren, eine mit Kindern und eine kinderlose Frau, so hat die Mutter im Schnitt insgesamt 285.ooo€ weniger verdient. Man könnte sagen, die Gender Pay Gap ist in Wahrheit eine versteckte „Mutterschaftsgehaltslücke“. Frauen sind also Großteils verantwortlich für die Versorgung und die Erziehung der nächsten Generation und werden dafür weder bezahlt, noch gewürdigt. Im Gegenteil: Care Arbeit wird den Frauen zum Nachteil.

Weitere Folgen der Gender Care Gap sind vor allem wirtschaftliche Abhängigkeit und Altersarmut, unter denen viele Frauen leiden müssen. Ohne Lohn auch keine eigenen Ersparnisse, geschweige denn eine ausreichende Rente. Zudem treten bei Frauen im Vergleich zu Männern deutlich häufiger Herzerkrankungen, Stress und Depressionen auf. Kein Wunder, bei den 87 Minuten, die sie zusätzlich mehr am Tag leisten.

Unentbehrliche Wirtschaftskraft

Die Gleichberechtigung zwischen Männer und Frauen ist ein Menschenrecht. Dennoch gibt es kein Land auf der Erde, in dem die Geschlechter vollständig gleichberechtigt sind.  Linda Scott, Wirtschaftsprofessorin an der Universität in Oxford, betont in ihrem Buch „Das weibliche Kapital“ die bedeutende Rolle von Frauen für die Wirtschaft. Länder, in denen Frauen am stärksten in den Arbeitsmarkt integriert sind, weisen auch die höchsten Pro-Kopf-Einkommen auf. Umgekehrt sind Länder, in denen Frauen mehrheitlich unbezahlt zuhause arbeiten auch die Ärmsten. Berufstätige Frauen sind also die verlässlichen Motoren und Antriebe des Wirtschaftswachstums.

Endlich weg mit der Gender Care Gap!

Es wird Zeit, dass wir wirtschaftliche Hindernissen für Frauen, wie die Gender Care Gap, ein für alle Mal abschaffen, damit letztendlich alle die gleichen Möglichkeiten und Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten. Dies gelingt jedoch nur, wenn wir anfangen, auch unbezahlte Arbeit zuhause gebührend zu würdigen und zu schätzen. Zum einen dürfen Hausarbeit und Kinderversorgung für Frauen kein zusätzlicher Klotz am Bein sein, der sie daran hindert, sich vor allem gegen die männliche Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu beweisen. Andersrum sollte es auch für Männer selbstverständlicher und leichter sein, in Elternzeit zu gehen und die Care Arbeit zu übernehmen. Wer behauptet, dass es nicht auch genauso viele Männer gibt, die gerne zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern wollen? Und wer sagt, dass jede Frau in Mutterzeit gehen möchte?

Noch immer existiert das veraltete, binäre Geschlechtermodell. Noch immer spuken Vorstellungen von geschlechtsspezifischen Stereotypen in unseren Köpfen. Noch immer sind biologische Unterschiede Ursache für eine geschlechtsspezifische Aufteilung der Care Arbeit.  Dabei sind Seepferdchen das beste Beispiel der Natur, dass es auch anders geht. Care Arbeit ist eben nicht nur „Frauensache“. Grund genug, um der Gender Care Gap endlich den Kampf anzusagen!

 

 

Beitragsbild © macrovector