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Generation Protest: Warum die Jugend von heute auf die Straße geht und die Politik nicht wegschauen kann

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Generation Protest ist eine treffende Bezeichnung für die heutige Jugend, die auch Generationen Z genannt wird. Denn zahlreiche junge Menschen protestieren, weil sie sich nicht mit dem gesellschaftlichen und politischen Status Quo zufriedengeben. Statt weiter vergeblich darauf zu warten, dass die Politik ihre Interessen umsetzt, nehmen sie das lieber selbst in die Hand. Vor allem durch Aktivismus und Protestaktionen in Sozialbewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future wollen Jugendliche und junge Erwachsene ein gesellschaftliches Umdenken und Veränderung bewirken. Was bewegt junge Menschen dazu und mit welchen Mitteln gelingt es ihnen, politisch aktiv zu werden?

Vor allem die junge Generation drückt ihre Wut über strukturellen Rassismus auf Demonstrationen aus, wie hier auf einer Demonstration von Black Lives Matter.1

Politikverdrossenheit adé

Spätestens seit Greta Thunberg Millionen junger Menschen motiviert hat, auf die Straße zu gehen und sich für ihre Zukunft einzusetzen, wird der „Jugend von heute“ keine allgemeine Politikverdrossenheit mehr nachgesagt. Aber wieso muss erst eine Schülerin allein mit einem Sitzstreik vor dem schwedischen Parlament in Protest treten, damit auch andere junge Menschen dafür protestieren, dass Politikerinnen und Politiker ihre Reden über die Notwendigkeit zum Handeln gegen den Klimawandel in Taten umsetzen?

Am politischen Interesse der Jugend scheitert es nicht, denn das ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Jedoch entscheiden sich die wenigsten dafür, einer Partei beizutreten. Ein Grund ist, dass man als einzelne oder einzelner nicht daran glaubt imstande zu sein, als Politikerin oder Politiker etwas Grundlegendes in der Gesellschaft verändern zu können. Außerdem ist das Vertrauen in politische Parteien gering: ein Großteil der Jugendlichen glaubt nicht, dass die Politik im Sinne des Gemeinwesens handelt und die Interessen der jungen Generation in ihren Entscheidungen berücksichtigt. Es scheint paradox, dass das politische Interesse so groß ist und gleichzeitig das Engagement in Parteien so dürftig.

Jedoch haben Leitfiguren wie Greta Thunberg gerade wegen dieses Paradoxes einen so großen Einfluss: Sie denkt nicht nur kritisch darüber, dass die Politik in der Klimakrise aktuell zu wenig handelt; sondern sie schreit auf und lässt auf diese Weise das Feuer der Unzufriedenheit über die Untätigkeit der Politik im Klimawandel bei Millionen anderer junger Menschen aufflammen. Mittlerweile fordern Millionen Anhängerinnen und Anhänger der Protestbewegung Fridays for Future die Notwendigkeit zum Handeln in der Klimakrise. Diese jungen Menschen engagieren sich zwar nicht in politischen Parteien, sind aber trotzdem „politisch“. Denn sie artikulieren öffentlich und parteiunabhängig ein gesellschaftliches Problem mit dem Ziel, einen Kurswechsel in der Politik zu bewirken.

Jeden Freitag protestieren die Anhängerinnen und Anhänger von Fridays for Future weltweit für ein Handeln der Politik in der Klimakrise.

Soziale Medien als Protestkanäle

Die Bedeutung sozialer Medien als Informationsquelle für politisches Geschehen ist für junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren groß. So erfahren sie beispielsweise auf Facebook vom Tod des Schwarzen George Floyd in den USA durch rassistische Polizeigewalt und der damit verbundenen Sozialbewegung Black Lives Matter. Darauf basierend werden der Nutzerin oder dem Nutzer aufgrund von Algorithmen ähnliche Inhalte angezeigt. So werden sie zum Beispiel auf eine bevorstehende Demonstration einer lokalen Protestbewegung aufmerksam gemacht. Wegen des politischen Interesses der Jugend gehen in diesem Fall die journalistische Berichterstattung und die Mobilisierung für eine politisch motivierte Demonstration Hand in Hand.

Allerdings kursieren neben wahren Berichten auch Fake News in sozialen Medien, die die Meinungsbildung junger Menschen beeinflussen. Beispielsweise haben Gegnerinnen und Gegner der Klimabewegung Fridays for Future aus rechten politischen Lagern falsche Bilder über die Bewegung im Netz verbreitet. Ein Ziel dieser Stigmatisierung ist, von der eigentlichen Problematik abzulenken. Denn Klimagegnern fehlen meist die Argumente dafür, dass ein Klimawandel nicht existiert und kein Handlungsbedarf besteht. Durch Fake News versuchen vor allem Rechte, die Meinung in der Gesellschaft zu polarisieren mit der Absicht, ihre eigenen politischen Interessen, die entgegen derer der Protestierenden sind, durchzusetzen. Sofern diese eine kritische Menge junger Menschen überzeugen, besteht das Risiko, dass die Protestbewegungen Unterstützung verlieren.

Die Protestbewegung Extinction Rebellion Österreich macht auf Facebook ihre Follower darauf aufmerksam, dass sie mitmachen können.2

Warum die Politik nicht wegschauen kann

Ein Ziel von Protestbewegungen ist, von der Politik wahrgenommen zu werden und ihr Handeln durch Aktivismus zu beeinflussen. Ersteres wird zweifellos erreicht, da die sozialen Bewegungen sowohl die Aufmerksamkeit von den Medien als auch die von der Politik bekommen. Beispielsweise ist sich Donald Trump der Forderungen von Black Lives Matter durchaus bewusst und äußert sich auch öffentlich dazu. Jedoch kommuniziert der US-Präsident klare politische Botschaften an Protestierende, die sich unter anderem für ein Ende des Rassismus gegen Schwarze einsetzen. So nimmt er den weißen Polizisten, der bei einer Demonstration gegen Rassismus in Kenosha für den Tod von zwei Schwarzen Demonstrierenden verantwortlich ist, in Schutz.

Obwohl die Politik nicht wegschaut, erreichen Protestbewegungen junger Menschen nicht immer Veränderungen. Doch die Proteste gehen offensichtlich so lange weiter, bis die Forderungen junger Protestierender umgesetzt werden. So kritisiert Luisa Neubauer, das Gesicht von Fridays for Future in Deutschland, dass Politikerinnen und Politiker den Klimawandel nach wie vor nicht als „Krise“ ansehen. Die Aktivistin fordert, dass die Politik die Klimakrise als oberste Priorität auf die Agenda setzt und Maßnahmen mit einer solchen Dringlichkeit ergreift wie sie es in der Corona-Krise tut.

Satellitenaufnahmen des Nordpols aus den Jahren 1979 und 2007 im Vergleich3

Auch wenn die junge Generation derzeit „politischer“ wird, stellt sich dennoch die Frage, ob ihr Engagement reicht, um eine politische und gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Oder müssen sie erst selber die Oberhand in der Politik gewinnen, um die Welt, in der sie leben, mitgestalten zu können?

Bilder:

1 MG 0859 von Elvert Barnes auf Flickr unter Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0

2 Screenshot eines Beitrags der Facebook-Seite von Extinction Rebellion Austria

3 Arctic Sea Ice Comparison von climatesafety auf Flickr unter Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.0

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