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Wem gehört die Welt?

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Eigentum – so lautet das vermeintlich schlichte Motto des diesjährigen Politfilmfestivals Innsbruck, das vom 13.01. bis zum 15.01. im Leokino über die Bühne geht. Mit ihrem Programm wollen die Organisatoren Daniel Dlouhy und Bettina Lutz vom Verein „Sous les Pavés“ den Facettenreichtum des Begriffes „Eigentum“ hervorheben.

In Innsbruck einen Film über das Wohnen zu zeigen wäre bei dem Thema logisch gewesen, aber wir wollten über das Bekannte hinausgehen“, erklärt Dlouhy. Tatsächlich thematisiert der letzte der drei Filme, „Draußen“, das Thema Wohnen, geht es aber auf unübliche Art und Weise an, indem er vier Obdachlose in Köln porträtiert. Der erste Film, „A woman captured“, behandelt ein Thema, das beim Stichwort Eigentum wohl kaum einem sofort in den Kopf kommt: moderne Sklaverei.

Das Festival verstehe sich als Plattform für Austausch, so Dlouhy. Seine Kollegin Lutz führt aus: „Wir wollen ein demokratiepolitisches Forum sein, das Denkmuster aufbricht und zum Weiterdenken anregt.“ Dazu gehöre auch, weitgehend unbekannte Themen auf die Agenda zu setzen, so geschehen im am Dienstag gezeigten Film „Sakawa“, der junge Ghanaer präsentiert, die sich im Internet und über Voice-Changer-Apps als westliche Frauen ausgeben, um sich so von Online-Bekanntschaften Geld zuschicken zu lassen.

Chatten in der Hoffnung auf Geld

Eine höchst unmoralische Tätigkeit. Oder? Für die jungen Männer nicht. Sie scheinen kein Mitleid mit ihren „Klienten“ zu haben. Der Westen ist für sie zwar ein Sehnsuchtsort – so träumt einer der Protagonist*innen von einem Leben in Italien –, aber auch ein Ort der Ausbeutung. Dies wird besonders deutlich in einer Szene, in der sich zwei der Sakawa-Männer über eine frühere Anstellung des einen als Koch unterhalten. 12€ habe er von der weißen Frau im Monat bekommen. Für Fisch habe sie 250€ in zwei Wochen ausgegeben. Mit den Menschen im Westen, so die Schlussfolgerung, brauche man kein Mitleid zu haben.

Kein klares Schwarz oder Weiß

Regisseur Ben Asamoah, der in Belgien und Ghana aufwuchs, war bei der anschließenden Diskussion im Kino und stellte klar, dass ihn die Moralfrage hier nicht interessiere. Er habe darstellen wollen, was ist. Das Phänomen werde in Ghana zwar verurteilt, dort aber wegen der mit Sakawa verbundenen Voodoo-Praktiken. „Die Voodoo-Priester fragen manchmal nach Blut oder Körperteilen von Verwandten, da geht es für die Ghanaer dann um Selbstschutz“, so Asamoah.

Der ebenfalls anwesende Historiker Eric Burton sah die ökonomisch schwache Position Ghanas in der globalisierten Welt als einen Grund für das Phänomen: „Die Ghanaer finden massenhaft Elektroschrott in ihrem Land und versuchen ihre Position kreativ zu nutzen.“ In der Diskussion wurde so immer mehr klar: Die Sakawa-Männer als Kriminelle abzustempeln ist zu einfach. Denn der Westen habe durch seinem Umgang mit Afrika das Phänomen Sakawa zumindest indirekt gefördert.

Über eine „tolle Diskussion“ freute sich Bettina Lutz später. „Dass die Diskussionen lang sind und wehtun, wir sie aber trotzdem irgendwann abbrechen müssen, zeigt doch, dass die Leute Interesse haben.“ Auch das bisherige Gesamtfazit der Organisatoren fällt positiv aus. Am Montagnachmittag sei man noch voller Anspannung gewesen, erinnert sich Dlouhy: „Wir hatten zwei Stunden vor Filmbeginn noch keine einzige Reservierung, dann aber bislang bei beiden Filmen fast volles Haus. Das freut uns natürlich.“

Moderatorin Sandra Schildhauer, Daniel Dlouhy, Ben Asamoah, Bettina Lutz, Eric Burton (v.l.n.r.)

Info: Heute Abend um 19:30 läuft der dritte Film „Draußen“ im Leokino. Der vierte, für morgen geplante Film „Let’s keep it“ musste verschoben werden und wird voraussichtlich im Februar gezeigt werden. Nähere Infos gibt es auf der Homepage des Politikfilmfestivals.

Titelbild und Bild 2: Politfilmfestival
Bild 1: Film Sakawa

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