Von Schlägereien, Ohnmacht und einem Thermomix

Share

Die „Uraufführung einer neuen Textsorte“ stellte der historische Science Slam am Mittwochabend in der Bäckerei dar. Durch den Abend führte die Germanistin Monika Dannerer gemeinsam mit ihrer Kollegin Heike Ortner.

„Zwei Jahre her – und damit auch schon fast historisch – ist der Geburtsmoment dieses Projekts“, leitete Dannerer den Abend ein. Entstanden sei die Idee als Beitrag zum 350-jährigen Jubiläum der Innsbrucker Universität sowie zum Thema „Wissenschaftskommunikation“.

Über (gelungene) Wissenschaftskommunikation referierte die Gastrednerin Nina Janich von der TU Darmstadt zu Beginn in einem Drei-Slam-Slot. Als zentrale Probleme bei der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit stellte sie Zeitdruck, vorgefestigte Erwartungen und den schwierigen Umgang mit wissenschaftlichen Uneindeutigkeiten fest. Optimistischer war Janichs zweiter Teil, in dem sie in Anlehnung an Monty Python zu „something completely different“ überleitete und die Bühne für die fünf Slammer vorbereitete: „Wir slammen müde Menschen munter.“

Monika Dannerer (l.) und Heike Ortner (r.) führten durch den Abend. Bild: Fabio Maion

Der erste Slammer, der Mikrobiologe Heribert Insam, gestand, dass er sofort eine Regel dieser noch sehr jungen Textsorte zu brechen gedenke. Er wolle nicht über einen Innsbrucker Wissenschaftler, sondern über Antonie van Leeuwenhoek sprechen, der um 1669 den Grundstein für heutige Mikroskope legte. Dies diente Insam als Startpunkt, von dem aus er über mikrobiologische Meilensteine den Bogen bis zur Gegenwart spannte, wobei er stets die CO2-Konzentration in der Luft im Blick behielt. So kam er zu aktueller Forschung und einer Zillertaler Weltsensation: einem Klärwerk, das mehr Energie produziere, als es verbrauche. Mitentwickelt von Wissenschaftlern der LFU, sei es mittlerweile bis nach Washington gelangt, sodass Insam versprach: „Mit jedem piece of shit von Donald Trump wird die Welt ein bisschen sauberer.“

Besuch aus dem Jahr 1844

Echt historisch war der Beitrag des Historikers Christof Aichner alias Josef, 19-jähriger Student aus Kasselruth, der von seinem Studienalltag 1844 berichtete. Josef absolvierte die zweijährige philosophische Fakultät, die der „moralischen Veredelung“ der Studenten diente und die Vorbereitung für weitere Studien wie Jus oder Medizin war. Unterricht hatte er meist vormittags von 7 Uhr bis 12 Uhr, danach ging er ins Kaffee- bzw. ins Wirtshaus, wo der Abend nicht selten in einer Schlägerei endete. Mit einem verschmitzten Lächeln fügte er hinzu: „Übrigens ist Preußen und anderen Ausländern das Studium hier verboten.“

Vom historischen Studenten ging es zum historischen Wissenschaftler Victor Franz Hess, einen Innsbrucker Nobelpreisträger, von dessen Entbehrungen Hanns-Christoph Nägerl erzählte: „Während der entscheidenden Messung in einem Ballon in 5000 m Höhe fiel Hess in Ohnmacht.“ Dass er dabei die Herkunft von Radioaktivität aus dem Weltall nachweisen konnte, bescherte Hess dann aber den Nobelpreis.

Josef, 19, aus Kasselruth. Bild: Fabio Maion

Einen Nobelpreis bekam der Linguist Hermann Ammann zwar nie, dennoch zählte Manfred Kienpointer seinen Vorgänger „zum Besten, das die Universität in ihren 350 Jahren zu bieten hat“. Ammanns Hauptwerk Die menschliche Rede sei insbesondere wegen der Suche nach der Grundbedeutung von Wörtern interessant. Mittels Methode, alles Unwichtige auszuklammern, kam Kienpointner zu dem Schluss, dass es für ein „Haus“ vier konstituierende Elemente geben müsse: Tür, Fenster, Wände und Dach.

Den Abschluss machte das Team um Silvia Prock von der Jungen Uni Innsbruck, die mit ihrer Gründung 2001 die älteste im deutschsprachigen Raum darstellt. Die Mitarbeiter zeigten, wie sie die hochkomplexen Ideen eines Professors für Angewandte Theorievertiefung mittels ihrer Übersetzungsmaschine in eine kindgerechte Ideenrakete verwandeln können. „Wir sind der Thermomix für die Wissenschaft“, freute sich das Team, bevor Dannerer und Ortner das historisch erste Publikum um den historisch letzten Applaus bei diesem historisch ersten Science Slam baten.

Text und Fotos von Fabio Maion

Share
Share
Share