„Frau Herrmann? Da wird sich schon jemand etwas gedacht haben.“

Share

Vergangenen Donnerstag, den 18. Oktober 2018, fand im John Montagu die Saisoneröffnung von Frau Herrmanns Katerstrophen 5000 statt. Diese intermediale Lesebühne bietet dem Publikum „Performances und alles was sonst noch dem Begriff Kunst zuzuordnen ist“, so die Moderatorin Käthl.

Zwei dunkel gekleidete Gestalten schleichen zum Podium. Eine der beiden hält sich das Mikrofon ans Ohr und fragt: „Frau Herrmann!?“ „Käthl, da ist niemand“, erwidert ihre Kollegin. „Frau Herrmann?“ Dieses Mal klingt es ängstlicher. „Frau Herrman?“ „Da ist doch niemand!“ Nach dieser kleinen Showeinlage wird das Publikum begrüßt. Ramona Pohn und Käthl führen durch den Abend. Es ist die zweite Veranstaltung der neuen intermedialen Lesebühne. „FHK5K ist keine Poetry-Slam-Bühne, da verschiedene Kunstformen miteinbezogen werden und es keine Bewertungen gibt“, erklärt Ramona. Sie ist Bestandteil des FHK5K-Teams zu dem auch Käthl, Katrin ohne H und Martin Fritz gehören. Zusammen organisieren und gestalten sie diese Veranstaltungen. Zusätzlich werden Gäste geladen und pro Abend gibt es zwei offene Slots für Freiwillige. Die vergangene Veranstaltung stand unter dem Motto „Auf Gedeih und Verderben“ und wurde von acht Künstlerinnen und Künstlern gestaltet:

 

„Wenn du schnell läufst, Dorro, brichst du den Kreislauf.“

Ramona Pohn trug einen Text vor, der sich um das Zyklische in der Gewalt rankt. Eingeleitet wurde er durch eine musikalische Einlage. Gemeinsam mit Katrin ohne H sang sie das Lied „The ripe and the ruin“ von Alt-J. Danach folgte sie Dorros 18 Schritten. Dorro, ein Mädchen, das in der Kindheit von den Eltern misshandelt wurde, versucht sich durch das Gehen und Zählen aus der Vergangenheit zu retten. Durch die Wiederholung der Sätze erzeugt Ramona jenen Kreislauf, aus dem das Mädchen auszubrechen versucht. Die Erschaffung desselben steht der Ermutigung zum Ausbruch, der Ermutigung einen Schritt mehr zu gehen, gegenüber. Angst und Text sind gleichermaßen zyklisch.

 

„Ach, Herr Doktor, wären doch Sie dieser Schicksalsverbundene!“

Nach Ramona folgt der erste Gastbeitrag aus Hall: Silke Gruber hat die Anreise auf sich genommen, um einen persönlichen Tatsachenbericht vorzutragen. Nach einer langjährigen On-Off-Beziehung und der Geburt von drei Kindern, ließ sie sich die Hormonspirale einsetzen. „Das war eine schwere Geburt“, gesteht sie. Doch diese wurde ihr von dem Alliterationskünstler unter den Frauenärzten versüßt. Er bemerkte sachlich: „Der Scheidenschleim schaut schön aus.“ Trotzdem macht sich Silke keine Hoffnungen, denn sie weiß, dass sie nur eine von vielen Frauen ist.

 

„Dann hat der Papa immer die Stirn in die Handflächen gelegt.“

Katrin ohne H durfte sich der Mitmachrubrik widmen. Bei der vergangenen Veranstaltung zog sie drei Wörter, die das Publikum in eine Box geworfen hatte. Das Ergebnis war ein Text über die Verarmung der Bauern durch billige Lebensmittelpreise. Katrin ohne H breitet diese Problematik aus der Sicht eines Kindes vor dem Publikum aus. Dieses muss gestreckte Krautsuppe statt Kaiserschmarrn essen. Doch eigentlich findet das Kind diese Tatsache gar nicht traurig, denn wenn Krautsuppe und Kaiserschmarrn mit Wasser gestreckt werden, schmeckt doch alles gleich.

 

„Damit das Bild ein Stückchen weit wahrhaftig ist.“

Als Freiwilliger meldet sich Leo. Er hat einen Wunsch: Er möchte sehen, was der Mensch im Ganzen ist. Dieses faustische Streben entstammt der Erkenntnis, dass Menschen schnell mit dem zufrieden sind, was sie einander zeigen. Deshalb möchte er ehrlich sein und Bilder im Kopf verschenken. An diesem Abend versucht er es jedoch mit einem Gedicht. Aber wer weiß, manch ein Wort wurde vielleicht zu einem kleinen Bildnis.

 

 „The battle is lost, once you are silenced.“

Ein weiterer Gast reiste für die Lesebühne an: Precious trug einen englischen Text vor. Dieser rankte sich um Gewalt und den Umgang damit. Ihre zarte Stimme erzählte von Brutalität in einer schlichten Form. Das Publikum war für einen Moment „silent“, um keinen Bestandteil von Precious Bruch damit zu verpassen.

 

„Wir zwei verstehen uns.“

Nach der Pause betreten Kris und Severin die Bühne. In den vergangenen 20 Minuten wurde alles arrangiert. Gitarre und Keybord stehen nebeneinander, bereit zum Einsatz. Nur eines fehlt noch. „Im Wortwitz sind wir den Dichtern und Dichterinnen sowieso unterlegen, deshalb fasse ich mich weniger als kurz und beginne gleich meine Gitarre zu stimmen“, sagt Kris. Seinem Auftritt mangelt es jedoch keinesfalls an Witz und schon gar nicht an Sentimentalität. Er besingt den Fluchtgedanken, Wartezeiten und die Frage „was das alles soll“.

Darauf folgen weitere Auftritte von Precious, Silke Gruber, Katrin ohne H und die Moderatorinnen weisen auf Bilder von Ronimund Schwanninger hin, die im Raum verteilt sind und ebenfalls zur Show gehören. Diese endet schließlich um elf Uhr. Gewinner gibt es viele. Verlierer keinen. Wer Frau Herrmann ist, weiß noch immer niemand. Aber wie Ramona anfangs sagte: „Da wird sich schon jemand etwas gedacht haben.“

 

Fotos: Carmen Sulzenbacher

Share