Julian Schutting im Literaturhaus

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Im Jänner 2017 versprach der renommierte Autor Julian Schutting, eine Poetikvorlesung zu halten. Vergangene Woche setzte er sich im Literaturhaus am Inn mit seinen Texten, den Werken anderer Autoren und den Überlegungen der Studenten an einen Tisch.

Ein älterer Herr betritt das Podium. Das Mikrofon knistert, als er es zu sich zieht. „Ich stelle den Wecker auf 30 Minuten. Ich denke, das ist auszuhalten“, sagt Julian Schutting. Dann öffnet er sein Buch und beginnt zu lesen.

Eleonore De Felip, die Dozentin dieser Lehrveranstaltung, begrüßt Julian Schutting.  Foto: Literaturhaus am Inn

 

Lyrik am Inn

Die Poetikvorlesung findet jährlich im Frühling statt und ist öffentlich zugänglich. Es handelt sich um eine Kooperation des Literaturhauses am Inn, des Instituts für Germanistik und des Forschungsinstituts Brenner-Archiv. Im Jahr 1984 wurde die Vorlesung erstmals von Alfred Doppler organisiert, um Studenten zeitgenössische österreichische Literatur näherzubringen und ihnen einen Einblick in den Literaturbetrieb zu gewähren. Vergangenes Jahr reiste die Autorin Anna Kim aus Wien an. In diesem Monat war der Lyriker und Prosaiker Julian Schutting zu Gast. Er wurde 1937 in Amstetten geboren und studierte an der Grafischen Versuchs- und Lehranstalt und der Universität in Wien. In den frühen 70er-Jahren begann er zu publizieren. Seine Werke sind geprägt von persönlichen Erfahrungen und historisch-literarischem Wissen. Unter den zahlreichen Auszeichnungen, die er für seine Werke erhielt, befindet sich auch der Georg-Trakl-Preis für Lyrik.

         Julian Schutting beginnt mit „Einer Landschaft zum Gedenken“.       Foto: Literaturhaus am Inn

 

Die Prosa-Probe

Mit dem Poesie-Verständnis vieler Menschen kann sich Julian Schutting nicht identifizieren. „Nicht alles, was als Gedicht bezeichnet wird, ist eines“, erklärt der 80-Jährige auch im Hinblick auf seine eigenen Werke. Das Hauptproblem des Dichters ist, dass er heutzutage keine Richtlinien mehr befolgen muss, meint Schutting. Trotzdem muss ein Gedicht als solches erkennbar sein. Die beste Probe ist die Aufhebung der Verse, sodass die Lyrik Prosa gleicht. Beim Lesen offenbart sich dann jedes Gedicht als ein solches. Die Reim- und Versgebote sind daher keine Hürden, sondern vielmehr Stützen eines Gedichts, mit denen erfahrene Dichter spielen können.

 

In tiefere Gründe eintauchen

„Über die Liebe hab’ ich nichts vorbereitet“, sagt Julian Schutting. Es stört ihn, dass seine Lyrik oft nur aus dieser Perspektive betrachtet wird, obwohl auch politische Themen darin behandelt werden. Diese werden im Laufe der Lehrveranstaltung beispielsweise anhand seiner Gedichte „Old man river in Nachdichtung“ und „Auf dem Grunde des Schwarzen Meeres“ besprochen. Beide sind 2014 in dem Gedichtband „Der Schwan“ erschienen. Sie befassen sich mit Kriegen, Gewässern und der darin untergehenden Erinnerung an die begangenen Verbrechen. In seinem Prosa- und Lyrikband „Zersplittertes Erinnern“ arbeitet Schutting seine Kindheit und Jugend in der Kriegs- und Nachkriegszeit auf. Doch auch wenn ihm das Gedenken wichtig ist: „Momentweise ist es in Ordnung, zum Mond aufzublicken und das Übel der Welt zu vergessen.“

In dem Skript wurden Werke von Julian Schutting und anderen Autoren abgedruckt.  Foto: Christina Vettorazzi

 

Titelbild: Literaturhaus am Inn

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