Ein Feuerwerk auf der Leinwand

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„Besser als letztes Jahr.“ So lautete das Fazit des Kinobesuchers neben mir, nachdem der letzte Kurzfilm über die Leinwand lief. Dies kann der Autor dieser Zeilen zwar nicht überprüfen, da er im letzten Jahr leider nicht an der Diametrale teilnehmen konnte. Aber dass die Filme eigentlich gut waren kann er bestätigen. Aber der Reihe nach.

 

Was ist die Diametrale?

Die Diametrale ist ein „Internationales (Film)Festival für Experimentelles und Komisches“. Sie fand zwischen dem 22. und 24. März statt und wurde heuer zum zweiten Mal organisiert. Von Filmen und Kurzfilmen im Leokino bis hin zu (experimenteller) Musik im P.M.K. oder einem Gespräch mit dem Filmemacher Wenzel Storch im Theater Praesent lieferte das Festival ein buntes und abwechslungsreiches Programm.

Kapitän Gustav in seinem Tauchanzug (aus dem Film „Die Reise ins Glück“)

 

„Die Reise ins Glück“

Wenzel Storch präsentierte zur heurigen Diametrale gleich zwei Filme: den Film „Sommer der Liebe“ beim Warm-Up am 3. März und den Film „Die Reise ins Glück“ am 23. März. Letzterer geht über 72 Minuten und am Film selbst wurde, wie Wenzel Storch im Anschluss berichtete, von 1994 bis 2004 gearbeitet, bis er endlich fertig war. Ganz kurz zum Inhalt: Als Kinder rettet Gustav Knuffi das Leben und fortan sind sie auf Gedeih und Verderb aneinander gebunden. Bis zig Jahre später Eva in das Leben der beiden tritt und Gustav mit ihr durchbrennt, um die Welt besser zu machen (die USA lassen grüßen). Als Gefährt fungiert ein Schneckenschiff und die bunte Mannschaft besteht aus Mensch und Tier. Nach vielen Jahren will Gustav sich zur Ruhe setzen, doch vorher landen sie auf einer Insel, auf der Knuffi das Sagen hat. Was danach passiert ist eine psychedelische Ansammlung an Gags und Untergriffigkeiten, die weit über die im Film vorkommenden Themen wie Nationalsozialismus und Katholizismus-Kritik geht und die man selbst sehen muss.

Gespielt wurde der Film von Laien, die dafür auch kein Geld bekamen. Mit von der Partie waren zudem jede Menge Tiere: ein Bär, ein Hase, eine Eule und fünf Frösche. Für die Kulisse des Films suchte das Team rund um Storch Schrottplätze auf und leerte diese und sie „besuchten“ sogar eine alte und verlassene Gießerei, um dort alles möglich mitzunehmen was irgendwie verwendet werden konnte. Daraus zauberten sie eine fantasievolle und bunte Szenerie.

Der Film selbst schwankt zwischen Genie und Wahnsinn. Das, was man zu Gesicht bekommt, ist schwer in Worte zu fassen. Der Filmkritiker Georg Seeßlen brachte es aber ziemlich gut auf den Punkt, indem er folgendes festhielt: „[D]iese Mischung aus Kindertraum, multimedialer Installation, Minimal Art, magic mushroom poetry, Comic, Puppenspiel, Satire, Abenteuer, Religionskritik, Lyrik, Unverschämtheit, Demut und Talent kann nur für sich selber sprechen.“ Der Film ist also alles und nichts. Man müsste ihn wohl 20 Mal anschauen, um alle Pointen und Anspielungen mitzubekommen und auch zu verstehen. Dementsprechend lässt er sich unterschiedlich interpretieren. Zum Beispiel, dass man den Nationalsozialismus rückgängig machen könnte. Und spätestens wenn der Penis des lebendig gewordenen Schneckenschiffes eine Kirche penetriert, kann man auch getrost von Religionskritik sprechen.

Was Wenzel hier auf die Leinwand katapultiert hat ist Wahnsinn, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ein so schöner und traumhafter Wahnsinn, dass man den Film einfach gesehen haben muss. Mindestens 20 Mal.

Experimentelle Kurzfilme

Ein weiteres bzw. das Highlight des Festivals sind die Kurzfilme und die anschließende Verleihung des „Goldenen Rahmens“  an den siegreichen Film. Aus über 400 Einsendungen weltweit mussten sechs Kurzfilme ausgesucht werden, die es ins Finale der Diametrale schafften und im Leokino gezeigt wurden. Dabei musste eine Art roter Faden erkennbar sein, die Filme sollten sich also bestmöglich ergänzen. Auch wichtig, immerhin handelt es sich um ein Festival für Experimentelles und Komisches, sind Humor (inklusive Adjektive wie grotesk, bizarr und absurd) und Experimentierfreude. Diese Sechs haben es ins Finale geschafft:

  • „City Crush“ von Mia Forrest (Australien)
  • „Inês Marches“ von Tiago Rosa-Rosso (Portugal)
  • „Home Exercises“ von Sarah Friedland (USA)
  • „Eat“ von Moritz Krämer (Deutschland)
  • „Gray Umbrella“ von Mohammad Poustindouz (Iran)
  • „Mata Laya Pata“ von Kevin Vu (USA)

Einige der Filmemacherinnen und Filmemachern waren anwesend: Kevin Vu (zweiter von links), Mia Forrest (dritte von links) und Tiago Rosa-Rosso (vierter von links)

 

Der Film von Mia Forrest macht keinen Sinn. Oder um es in den Worten der Filmemacherin zu sagen. „Der Film hat keine Erzählung und macht keinen Sinn. Aber ich bin froh ihn gemacht zu haben.“ Das lässt die Besucherinnen und Besucher wenigstens mit dem Gefühl nicht alleine, die Handlung des Films nicht verstanden zu haben.

Im Film „Inês Marches“ marschiert Inês. 16-Minuten lang sieht man nur Inês und hört nur ihre Stimme. Interessant, vor allem auch deshalb, da der vorher gezeigte Film „City Crush“ ganz ohne Dialog oder Monolog auskam.

Ruhiger ging es mit „Home Exercises“ weiter. Hier werden Alltagsbewegungen zu Fitnessübungen für ältere Menschen: vom Bett aufstehen, Stiegen gehen, abspülen oder mit dem Hund Gassi gehen. Inklusive Anweisung wie oft diese Übung zu wiederholen ist. Dabei haben all die Tätigkeiten etwas Melancholisches an sich. Aber es gibt auch kleine Lichtmomente, etwa als ein älteres Ehepaar anfängt zu tanzen.

„Eat“ dreht sich um ein Model, das nicht damit zurechtkommt auf ihre Figur reduziert zu werden. Aus heutiger Sicht wirkt die Handlung wenig innovativ. Da er aber bereits 2012 produziert wurde kann man darüber hinwegsehen. Die Umsetzung hingegen ist einzigartig. Denn nach einem Photoshooting, bei der (wie es scheint) die Assistentin des Fotografen, Döner essend, halblaut meinte, dass das Model wohl etwas zugenommen habe, kehrt das Model in die Garderobe zurück und beginnt alles zu essen was ihr in die Finger kommt: den Stuhl, die Wand, die Kerze und am Ende…Das verrate ich nicht.

Im iranischen Film „Gray Umbrella“ sieht man einen Mann, dem pausenlos ein anderer Mann in einem Mantel (das Gesicht ist nie zu erkennen) mit einem grauen Schirm auf dem Kopf schlägt. Das lässt sich unterschiedlich interpretieren: Ist der Mantel-Mann ein innerer Dämon oder vielleicht die gesichtslose Kontrolle eines autoritären Staates? Da der Film wohl im Iran spielt könnte letzteres zutreffen. Anfangs versucht der Mann noch vom Schirmschlagenden-Mann loszukommen und in Ruhe gelassen zu werden. Doch dieser wird sein ständiger Begleiter und der Mann hat sich so daran gewöhnt, dass er gar nicht mehr ohne ihn Leben kann. Irgendwann hören die Schläge auf. Und in der nächsten Einstellung wird ein leerer Raum gezeigt, in welchem vorher noch der Mann gesessen und seine Geschichte erzählt hatte.

Im letzten Kurzfilm „Mata Laya Pata“ ist eine Frau auf Selbstfindung. Dafür sucht sie Hilfe bei zwei Damen, die ein Netzwerk (oder eine Sekte?) für genau solche Frauen aufgebaut haben. Mit einer Augenbinde versehen und nur durch eine Audiokasette geleitet muss die Frau sich selbst finden und sich auch selbst überwinden und Aufgaben meistern. Bis sie am Ende vor einem Abhang steht und nur noch einen Schritt vor der Heilung steht. Sie legt die Augenbinde ab und lässt ihren Blick durch die Gegend schweifen. Wird sie den letzten Schritt wagen?

 

And the Frame goes to…?

Am Ende blieb nur noch eine Frage offen: wer erhält den „Goldenen Rahmen“ für den besten Kurzfilm? Zurecht erhielt ihn Mohammand Poustindouz mit seinem Film „Gray Umbrella“. Es ist ein starker Film und in seiner Ernsthaftigkeit mit humoristischen Stellen versehen. Ein würdiger Sieger. Leider konnte der Preisträger nicht anwesend sein. Er hatte für Österreich kein Visum erhalten.

Mit einem grauen Schirm wird dem Darsteller auf den Kopf geschlagen (aus dem Siegerfilm „Gray Umbrella“)



Titelbild: König Knuffi auf seinem goldenen Thron (aus „Die Reise ins Glück“)

Fotos: Diametrale

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