Gewalt an Frauen? Oder was?!

Share

Ach wie gut, dass niemand weiß… Interaktives Theater gegen Gewalt an Frauen

„Eine Kunde hat sich beschwert… Er wünscht, dass du bitte freundlicher und weiblicher auftrittst.“, sagt die Chefin mit eindringlicher Stimme zu ihrer Angestellten. Wem sich bei der Vorstellung dieser Szene die Nackenhaare aufstellen, der ist beim interaktiven Theater „Ach wie gut, dass niemand weiß…“ von SpectACT genau richtig. Denn hier sieht der Zuschauer nicht nur zu. Er kann „Stop!“ rufen, wenn es ihm zu viel wird, und in das Geschehen eingreifen: „Was bedeutet überhaupt ‚weiblich’?!“.

 

Der Saal im Haus der Begegnung in Innsbruck ist überall hell erleuchtet. Offen stehen die Stühle im Raum, dazwischen ist Platz, die Bühne ist niedrig und schlicht mit einem Tisch und wenigen Requisiten ausgestattet. Viel wird nicht gebraucht, denn es geht an diesem Abend darum, das Thema mit dem ganzen Körper und der Sprache wiederzugeben: Die (alltägliche) Gewalt an Frauen.

Das Projekt von dem Verein SpectACT ist ein Forumtheaterprojekt.

Forumtheater? Das bedeutet, dass das Publikum durch aufreibende Szenen auf der Bühne dazu animiert werden soll, in das Geschehen einzugreifen und selbst einen alternativen Szenenverlauf darzubieten.

Die DarstellerInnen stellen sich vor

Im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ wurden in ganz Tirol Workshops zu diesem Thema angeboten. Männer und Frauen arbeiteten dort bestimmte Szenen künstlerisch aus, die teilweise durch eigene Erfahrungen inspiriert sind.

Diese Szenen werden dann bei der Theateraufführung dargeboten – mit der Option der Publikumsintervention. Die zwei Projektleiterinnen führen durch den Abend und stellen immer wieder Fragen an die Zuschauer („Wer von euch hat das schon einmal erlebt?“). Sie ermutigen die Darsteller und spielenden Zuschauer, ihre Gefühle bezüglich der Szenen zu äußern und erklären die Spielregeln („Wenn es zu Schlägereien kommen sollte, bitte nur in Zeitlupe und ohne Körperkontakt“).

Eine Zuschauerin versucht sich als verständnisvoller Ehemann

An diesem Premierenabend am 29. Februar im Haus der Begegnung werden zwei Nummern gespielt: „Liebe Familie“ und „Lächeln erwünscht“. Von der Hausfrau, die von ihrem Mann und ihrer Tochter nicht wertgeschätzt wird über die aufgedrehte Tante auf ihrem „Selbstfindungstrip“ bis zu dem etwas zu selbstbewussten Angestellten in einer Firma – Es gibt wenig Unbekanntes. Auch als ein Kabarettist erwähnt wird, ist klar: Er ist männlich. Fast konstant fühlt man sich an selbst erlebte Situationen erinnert.

Politisches Theater ist da, um zum Denken anzuregen und über kritische Themen ins Gespräch zu kommen. Und genau das passiert bei „Ach wie gut, dass niemand weiß…“. Nach unserem Theaterbesuch standen wir mindestens so lange diskutierend beisammen, wie wir zuvor auf den Stühlen im Saal saßen. Es lohnt sich also, gerade weil man erfährt, was anderen Frauen und Männern aus dem Publikum besonders an die Leber geht. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass so gut wie jede Frau bei Problemen den Fehler zunächst bei sich selbst sucht? Und dass das durchaus mit „Gewalt an Frauen“ assoziiert werden sollte? Denn: Sich nicht ‚weiblich’ genug zu verhalten, kann gar nicht der Fehler einer Frau sein.

Zwar findet das Forumtheater in den kommenden Wochen nicht mehr direkt in Innsbruck statt, aber die Fahrt ins Umland lohnt sich allemal!

 

Weitere Termine:

Mo., 5. März 2018 um 19.30 Uhr – Gasthof Handl (SCHÖNBERG)

Mi., 21. März 2018 um 19.30 Uhr – Alter Widum (LANDECK)

Fr., 6. April 2018 um 19.30 Uhr – Bildungshaus Osttirol (LIENZ)

Do., 12. April 2018 um 19.30 Uhr – Tigls (SISTRANS)

Mi., 25. April 2018 um 19.30 Uhr – Tagungshaus (WÖRGL)

Dernière am Do., 26. April 2018 um 20.00 Uhr – Kulturlabor Stromboli (HALL)

Gut beobachtet von Theaterleiterin und „Firmenmitarbeiter“: eine Zuschauerin greift ein

 


Fotos: Armin Roland Staffler

Share