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The Not-So-Simple Life: Goodbye Paris, Hallo Bauernhof!

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Zwei typische Stadtkinder verbringen einen Tag auf einem Bauernhof. Der Stall gehört ausgemistet, die Schafe eingezäunt, die Beete von Unkraut befreit, und das alles bei 30 Grad in der Sonne! Was wie eine neue Dokusoap auf ATV klingt, wurde am Anfang der Woche für uns Realität.

Montagmorgen, kurz nach neun Uhr, in der Nähe von Inzing. Laut dem Navi erreichen wir bereits in einer Minute unser Ziel: den Gilga-Hof. Vor der letzten Kurve erspähen wir schon einige Pferde. Scheint, als ob wir den Tag auf einem Reiterhof verbringen würden. Wer jetzt an Urlaub am Bauernhof oder Reitferien denkt, liegt falsch, denn wir sind hier, um zu arbeiten. Organisiert wurde der Einsatz von Freiwillig am Bauernhof, einem Verein, der freiwillige Helfer an Tiroler Bauernhöfe vermittelt, die dort gegen Kost und Logis den Bauersleuten unter die Arme greifen.

Wir parken das Auto und noch bevor wir unsere Schuhe geschnürt haben, kommt eine lebhafte, aufgeschlossene Frau auf uns zu und begrüßt uns herzlich. Das ist Uschi, die uns sofort den Hof zeigt, den sie mit ihrem Mann Hansjörg bewirtschaftet. Wir realisieren bald, dass es hier nicht nur Pferde gibt, sondern auch einen Esel, Schafe, Enten und Katzen. Außerdem gehören ein Ferienhaus sowie Mietwohnungen im Haupthaus zum Areal.

Auf dem Weg zum Pferdestall treffen wir David, einen jungen Studenten aus Tübingen, der hier bereits seit einer Woche freiwillig arbeitet und noch drei weitere Wochen auf dem Hof verbringen wird. Er ist einer der etwa 500 Helfer aus verschiedenen Ländern, die sich heuer für einen Einsatz bei Freiwillig am Bauernhof angemeldet haben. Die meisten von ihnen kommen, wie David, aus Deutschland. Beim Kaffee mit Uschi nach der Führung stellt sich heraus, dass David jedoch erst der zweite männliche Helfer am Gilga-Hof ist. Bis jetzt war die Mehrheit der Freiwilligen hier Frauen, was die allgemeine Statistik von Freiwillig am Bauernhof widerspiegelt.

Aber warum werden freiwillige Helfer eigentlich gebraucht? Uschi bestätigt uns, was wir vom Verein bereits erfahren haben. Da die Landschaft in Tirol von Bergen geprägt ist, können die Felder oft nicht maschinell bewirtschaftet werden und viele Arbeiten müssen händisch erledigt werden. Dabei sind die Freiwilligen, gerade bei der Heuernte, die aufgrund des wechselhaften Wetters oft in kürzester Zeit erfolgen muss, eine große Hilfe. Bei den 90 Betrieben, die 2016 bei Freiwillig am Bauernhof angemeldet waren, handelt es sich primär um Bergbauernhöfe in Osttirol und dem Nordtiroler Unterland. Der Gilga-Hof in Inzing ist durch seine Nähe zu Innsbruck also eine geografische Ausnahme.

Mittlerweile ist es fast elf Uhr und Bauer Hansjörg kommt auf die Terrasse, um uns für unsere erste Tätigkeit abzuholen. Normalerweise beginnt der Tag am Gilga-Hof für die Freiwilligen um halb neun mit dem gemeinsamen Frühstück und kurz darauf machen sie sich an die Arbeit. Inwiefern das und unsere Erfahrung am Hof repräsentativ für die anderen Einsätze ist, können wir nicht beurteilen.

Mit Rechen und Schaufeln ausgestattet machen wir uns auf Richtung Wald, wo wir den erdigen Weg von Steinen befreien und die Erde auflockern, um dort Gras ansäen zu können. In der brütenden Mittagssonne kommen wir bei der körperlichen Arbeit schnell ins Schwitzen und der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Und es warten noch andere Arbeiten auf uns. Im Laufe des Tages helfen wir beim Ausmisten der Stallungen, kehren den asphaltierten Außenbereich, striegeln die Eselsdame Selina, den Star des Hofs, und rupfen Unkraut. Weitere Tätigkeiten, die Freiwillige bei Einsätzen häufig übernehmen, sind Heuarbeit, Arbeit auf Almen, im Haushalt oder die Betreuung von Kindern. Vor dem Abendessen nimmt uns David noch zu den Schafen mit, bei denen er den Zaun kontrolliert und die er füttert.

Beim Grillen auf Uschis und Hansjörgs Terrasse erinnern wir uns an Uschis Worte, dass man nach getaner Arbeit den Feierabend umso mehr wertschätzt und das Essen und das Bier umso besser schmeckt. Bei der Fahrt nach Innsbruck sind wir uns einig, dass uns der Tag viele neue Perspektiven geboten hat und sich Erschöpfung noch nie so richtig angefühlt hat. Dass Freiwillig am Bauernhof seit diesem Jahr auch Tageseinsätze organisiert, ist eine Bereicherung für alle Beteiligten.

Text: Kilian Standhartinger & Susanna Mathi

Fotos: Felix De Zordo

 

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